Klima – NRZ-Serie

Biologin kartiert Libellen: „Unsere Arbeit ist wichtig“

Ortrun Heine Heine vom Nabu fängt nur Libellen, die sie zur Bestimmung näher betrachten muss, und lässt sie dann natürlich wieder frei.

Ortrun Heine Heine vom Nabu fängt nur Libellen, die sie zur Bestimmung näher betrachten muss, und lässt sie dann natürlich wieder frei.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kreis Kleve.  Biologin Ortrun Heine ist in Kleve und Emmerich unterwegs. Insekten geben Hinweise, wo es nötig ist, in der Natur„Dinge zum Besseren zu lenken“.

Endet die Stirnzeichnung dieser Libelle an den Augen? Dann ist es die Große Heidelibelle. Führt der schwarze Strich unter den Augen weiter, dann ist es eine der anderen Heidelibellenarten. Ernsthaft? Ja! Darauf kommt es an. Ist die schwarze Zeichnung der knallblauen Libelle da vorn am zweiten Segment des Hinterleibs eher hufeisenförmig, dann ist es die Hufeisen-Azurjungfer oder eher ein wenig langgezogen mit Öhrchen, dann ist es die Fledermaus-Azurjungfer.

Insektenkescher, große Kladde zum Protokollieren der gefundenen Arten, Stift zum Schreiben, Rucksack mit Getränkeflasche und Arten-Bestimmungsbüchern.

Schwer bepackt sind entweder die Rindernsche Kolke in Kleve-Rindern ihr Ziel oder die 30 Teiche im Naturschutzgebietes Die Moiedtjes am ehemaligen Bahndamm von Elten nach Kleve.

Es gilt zur Standardisierung der Zählweise, dass beim Kartieren Hundert Meter Ufer begangen werden sollen. Das ist bei den Moiedtjes-Teichen teilweise nur sehr schwer machbar, weil sich hier im Laufe der Zeit ein naturnaher urwüchsiger Auenwald entwickelt hat.

Mit Fördergeldern von EU und Land NRW

„Unsere Arbeit ist wichtig“, spricht Ortrun Heine auch für ihre Nabu-Kollegen. „Libellen sind Indikatoren für den ökologischen Zustand eines Gebietes. Unsere Arbeit ist es, den Zustand zu beschreiben, Maßnahmen zu ergreifen und wo nötig Dinge zum Besseren zu lenken“, schildert die Libellenfrau. Etwa wie im Naturschutzgebiet Emmericher Ward, ein Feuchtgebiet am Rhein, das gar nicht mehr so feucht ist. Mit Fördergeldern von EU und Land NRW wurde von der Nabu-Naturschutzstation Niederrhein ein großes Life-Projekt im Kreis Kleve zur Fluss- und Auenoptimierung entwickelt und durchgeführt.

Der Mensch hatte den Rhein begradigt und vertieft, der wiederum den Grundwasserspiegel bestimmt, alles hängt mit allem zusammen. „Ohne Wasser keine Larven. Und damit keine Libellen, was auch für viele andere Insektenarten gilt. Und nicht nur die. Wasser ist Leben“, fasst es Naturschutzreferentin Heine zusammen.

Das Häutungshemd sieht aus wie ein ganzes Tier

Sie wird fröhlich, wenn sie am Teich mit geschultem Blick eine „Exuvie“, das Häutungshemd einer geschlüpften Libelle, entdeckt. Das sieht aus wie ein ganzes Tier inklusive Beinen, ist aber nur der leere Chitinpanzer. Damit steht definitiv fest, dass sich diese Art hier fortgepflanzt hat und es sich nicht um einen zufälligen Besucher handelt. Und wenn man

dann Libellen sieht, deren Flügel noch schimmern und glitzern, dann weiß man: Die sind ganz frisch geschlüpft.

„Mein Herz liegt in dieser Landschaft“

„Mein Herz liegt in dieser Landschaft.“ Verantwortung trage jeder dafür, nicht einzelne Berufsgruppen. „Mein Vater ist Landwirt, ich weiß, wie eng es für die Bauern ist.“ Und doch: „Als Kind habe ich meiner Mutter direkt vom Feld eine dicken Blumenstrauß gepflückt“, erinnert sich die Biologin, die heute Mutter zweier erwachsener Töchter ist. Heute sind die oft Wegraine schmaler geworden und überdüngt, so dass die Anzahl der Blüten und Pflanzenarten dort dramatisch zurück gegangnen ist. Einer der Gründe für den Insektenschwund (siehe Infobox).

Blitzschnelle Flieger fangen Mücken

Ihren eigenen Beruf findet sie „ganz, ganz toll!“ schwärmt sie für die zauberhaft schönen, blitzschnellen Flieger, die mitunter auch Mücken weg fangen.

Ein Insekt flirrt vorbei. Was war das? Oft weiß es Ortrun Heine auf Anhieb. „Die Braune Mosaikjungfer macht es leicht mit ihren bräunlichen Flügeln, da muss ich die gelben Streifen auf der Brust gar nicht erst sehen.“ Ach so! „Die ist schnell und setzt sich nicht hin.“ Bei anderen Arten braucht Ortrun Heine oft einfach Geduld. Wer einmal auf dem lilafarbenen Blutweiderich saß, kommt auf den selben zurück und lässt sich etwa als Blaupfeil identifizieren. Für Große Königslibelle oder Saphirauge und viele andere braucht die Naturschutzreferentin gar nicht ihr Bestimmungsbuch, das rund 80 Arten allein hier in Deutschland zeigt – wobei junge Libellen zum Teil völlig anders gefärbt sind als alte und Männchen anders als Weibchen.

Begeisterung für Sechsbeiner

Enthusiasmus entwickelt Ortrun Heine, wenn sie hier am Hotspot der Libellen einige dieser Insekten bei der Fortpflanzung, dem „Paarungsrad“, beobachtet oder bei der Eiablage auf der Wasseroberfläche.

Als Begleiter schwingt man sich ein in diesen Rhythmus der Natur und menschlicher Begeisterung für Sechsbeiner, lässt sich anstecken, fiebert mit: Da! Ein Granatauge, wenigstens das kann der Laie auch von Ferne erkennen. Glutrote Augen! Faszinierend. Und wenn das weiße „Streichholz“ etwas breitere Hinterbeinchen hat, dann ist es eine Federlibelle. Erkannt! Erkannt!

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