Justiz

Cornelia Zander betreut Zeugen am Landgericht Kleve

Cornelia Zander braucht ein feines Gespür dafür, ob ein Zeuge Körperkontakt als seelische Stütze während seiner Aussage benötigt. Das Foto zeigt sie mit einer Mitarbeiterin des Landgerichts; die Situation im Gerichtssaal wurde nachgestellt.

Cornelia Zander braucht ein feines Gespür dafür, ob ein Zeuge Körperkontakt als seelische Stütze während seiner Aussage benötigt. Das Foto zeigt sie mit einer Mitarbeiterin des Landgerichts; die Situation im Gerichtssaal wurde nachgestellt.

Foto: Kristin Dowe

Kleve.   Neben ihrer Arbeit als Bewährungshelferin betreut Cornelia Zander Zeugen am Landgericht Kleve. Die Schwanenburg geht hier einen besonderen Weg.

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Schweißnasse Hände, unruhige Nächte und ein beschleunigter Puls schon lange vor dem ersten Verhandlungstag. Dies beschreibt wohl die Gemütslage vieler Menschen, die zum ersten Mal als Zeuge vor Gericht aussagen müssen. Besonders hoch ist die Anspannung, wenn jemand Opfer einer Straftat geworden ist und im Gerichtssaal dem Urheber seines Leides wieder begegnet. Dies gilt insbesondere bei Gewalt- und Sexualdelikten.

„Jeder hat bei Gericht einen Ansprechpartner; der Angeklagte hat beispielsweise einen Anwalt, der sich um ihn kümmert. Nur ein Zeuge hatte auch am Landgericht Kleve lange Zeit niemanden“, erklärt Cornelia Zander. Ein Zustand, den die energiegeladene Kleverin einfach nicht mehr hinnehmen wollte. Inzwischen ist sie seit 29 Jahren als Zeugenbetreuerin und Bewährungshelferin in Doppelfunktion am Landgericht Kleve tätig. Längst nicht alle Landgerichte bieten eine solche psychische Stütze für Zeugen während des Prozesses an.

Kontakt halten – auch über den Prozess hinaus

Die 57-Jährige kann sich noch gut erinnern, wie es zu ihrem neuen Aufgabengebiet kam: Als Bewährungshelferin hatte sie damals einen Sexualstraftäter begleitet und am ersten Prozesstag das weibliche Opfer in Tränen aufgelöst vor der Tür des Gerichtssaals vorgefunden. „Die junge Frau saß dort wie ein Häufchen Elend. Und da habe ich mir gedacht: Das geht gar nicht!“

Auf eigene Initiative regte sie beim damaligen Präsidenten des Landgerichts an, eine Zeugenbetreuung einzurichten und bot sich für die Aufgabe an. Einen Rollenkonflikt sieht die studierte Sozialpädagogin wegen ihrer Doppelfunktion nicht – im Gegenteil profitiert sie in ihrer Arbeit davon, beide Seiten zu kennen, die der Opfer und die der Täter. Sobald ein Zeuge die Ladung für einen Gerichtstermin erhalten hat, beginnt Zanders Arbeit. Mit viel Fingerspitzengefühl geht sie auf die Menschen zu, ohne sich aufzudrängen. Als Kontaktperson hält sie ihr Gesprächsangebot während des gesamten Prozesses und manchmal noch lange darüber hinaus aufrecht und ist für alle Betroffenen da, die den Wunsch nach einem Ansprechpartner äußern.

Der meistgehörte Satz: „Ich komme nicht!“

„Wenn Sie mich fragen, welchen Satz ich von Zeugen in 29 Jahren am häufigsten gehört habe, war das ‘Ich komme nicht!’“, erinnert sie sich. Denn die Menschen, mit denen sie es zu tun hat, haben oft hoch traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und befinden sich zudem vor Gericht in einer Ausnahmesituation, in der alle Augen auf sie gerichtet sind. Zusätzlicher Stress entsteht, wenn der Anwalt des Angeklagten unangenehme Suggestivfragen stellt – für viele Betroffenen eine Nervenprobe.

Deshalb sieht Cornelia Zander ihre Hauptaufgabe darin, Zeugen ihre Berührungsängste mit der Justiz zu nehmen und sie ruhig und sachlich über die Strukturen des Systems aufzuklären. „Wenn jemand weiß, wie der Laden läuft, vermittelt den Betroffenen das schon eine gewisse Sicherheit“, so Zander.

Kommunikative Schnittstelle zwischen den Prozessbeteiligten

Am Landgericht Kleve fungiert sie als kommunikative Schnittstelle zwischen der Kammer, der Staatsanwaltschaft, den Verteidigern, den Zeugen und dem Wachpersonal; bei ihr laufen alle Fäden zusammen. „Ich verfüge in meinem Job über ein enges Netzwerk – und das brauche ich auch“, erklärt sie. So trägt sie auch dafür Sorge, dass im Gerichtssaal etwa nicht die Täterfamilie neben der des Opfers sitzt. Wenn ein Zeuge während seiner Aussage um Fassung ringt, genügt ein Blick von ihr zum Richter, um zu signalisieren, dass ihr Klient eine Pause benötigt. Mit den Jahren versteht man sich ohne Worte.

Wenn ein Gewaltopfer die Tat bei Gericht gedanklich ein zweites Mal erleben muss, weicht Cornelia Zander nicht von seiner Seite, legt ihm auch schon mal beschützend einen Arm um die Schulter. Stressig sei der Spagat zwischen Bewährungshilfe und Zeugenbetreuung zwar schon bisweilen, doch eines entschädige sie für alle Mühen: „Wenn mir ein Zeuge sagt, dass er nur dann kommt, wenn ich auch da bin, habe ich irgendetwas richtig gemacht.“

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