Arbeit

Das Handwerk im Kreis Kleve braucht mehr Fachkräfte

Jörg Weykamp, Geschäftsführer des Klever Elektrotechnik-Unternehmens, freut sich über eine sehr gute konjunkturelle Lage. Leider gebe es kaum noch gute Fachkräfte.

Foto: Andreas Gebbink

Jörg Weykamp, Geschäftsführer des Klever Elektrotechnik-Unternehmens, freut sich über eine sehr gute konjunkturelle Lage. Leider gebe es kaum noch gute Fachkräfte. Foto: Andreas Gebbink

Kreis Kleve.   Die Handwerksunternehmen im Kreis Kleve suchen dringend Fachpersonal. Die Elektrobranche boomt. Arbeit im Handwerk hat sich deutlich verändert.

Jörg Weykamp hat alle Hände voll zu tun. Der Geschäftsführer des Klever Elektrotechnik-Unternehmens freut sich über eine sehr gute Wirtschaftslage. Die Aufträge flattern zurzeit nur so rein, doch für ihn und seine Berufskollegen wird es immer schwerer gutes Fachpersonal zu finden und auszubilden. Händeringend werden im Kreis Kleve gute Leute gesucht, die Ahnung haben von Elektrotechnik, Heizungstechnik oder Gebäudetechnik.

Lieber Abitur und Studium

„Das Handwerk ist lange Zeit als Stiefkind behandelt worden“, sagte Weykamp im Gespräch mit der NRZ. In vielen Privathaushalten raten die Eltern ihren Sprösslingen dazu, bloß kein Handwerk zu erlernen. Das Abitur steht ganz oben auf der schulischen Karriereleiter und am liebsten sollen sie danach noch ein Studium anschließen. Hände schmutzig machen? Lieber nicht.

Dabei hat sich das Arbeitsumfeld im Handwerk in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Natürlich müsse der Lehrling in den Beginnjahren lernen, wie man Schlitze ins Mauerwerk zieht, aber im digitalen Haushalt wird eine immer komplexere Technik gefordert: „Unser Problem ist, dass wir die Jugend nicht fürs Handwerk begeistern können“, sagte Jörg Weykamp.

Bessere Verdienstmöglichkeiten

Dabei sind die Verdienstaussichten nicht schlecht und werden sich in den kommenden Jahren noch weiter verbessern. „Das Handwerk hat heute mehr denn je einen goldenen Boden. Die Handwerkerstunde wird teurer werden, davon gehe ich aus“, sagte Weykamp.

Bereits heute merken Kunden, dass Aufträge nicht rechtzeitig abgearbeitet werden können und größere Aufträge nur in Kooperationen möglich sind. Die Planung größerer Baustellen wird immer schwieriger. Eine leidvolle Erfahrung musste auch die Stadt Kleve machen, die wochenlang keine geeigneten Fachkräfte für das Gebäudemanagement bekommen hatte. Wer aktuell noch bis Jahresende ein Einfamilienhaus mit Elektronik versehen haben möchte, der muss sich gedulden und hinten anstellen.

Aufträge werden nicht so zügig erledigt

Gerhard Böcker, Obermeister der Elektro-Innung im Kreis Kleve: „Ein guter Mann ist zurzeit nicht zu kriegen. Und das geht auch zu Lasten der Unternehmen. Ich bemerke, dass Aufträge nicht so zügig erledigt werden können und dass Kunden vertröstet werden.“ Die Situation ist für alle Beteiligten nicht befriedigend. „Betroffen sind vielfach kleine Unternehmen, die spezielle Berufsbilder benötigen, dort selbst aber gar nicht ausbilden dürfen. Ich höre immer wieder: ‘Wir können gar nicht alle Anfragen bedienen. Da wäre viel mehr drin’“, sagt Kreiswirtschaftsförderer Hans-Josef Kuypers.

Auch namhafte Gebäudetechnik-Unternehmen in Kleve kämpfen nach NRZ-Informationen mit Fachkräftemangel und mussten deswegen wichtige Unternehmensentscheidungen auf die lange Bank schieben. Leider wollen sie gegenüber der Redaktion dazu keine Auskünfte geben.

>> UNTERNEHMEN BILDEN BEREITS MEHR AUS

Das Handwerk hat verstanden. Achim Zirwes, Geschäftsführer der Kreis-Handwerkerschaft, erkennt, dass die Unternehmen im Kreis Kleve in diesem Jahr bereits deutlich mehr Ausbildungsverhältnisse geschlossen haben als in den Jahren zuvor. Im Bereich Elektro wurden in diesem Jahr 70 Ausbildungsverhältnisse begonnen – 16 mehr als noch vor einem Jahr. „Die Ausbildung wird insgesamt moderner“, sagte Zirwes. Viele Ausbildungsordnungen seien angepasst worden und „nicht mehr so verstaubt“. Allerdings sei die Zahl der Bewerber rückläufig: „Früher konnte ein Unternehmen aus zehn Schülern auswählen, heute sind es nur noch drei“, verdeutlichte Zirwes.

Und diese Tendenz wird sich in den kommenden Jahren wohl noch verschärfen. Die Kreiswirtschaftsförderung erkennt in vielen Branchen zurzeit eine schwierige Situation, „aber ,brennen’ wird es erst in einigen Jahren und dann in vielen Branchen und Berufsbildern. Der Kampf um die klugen Köpfe hat erst begonnen“, sagte Wirtschaftsförderer Hans-Josef Kuypers.

So hat sich die Zahl der Schüler in den vergangenen fünf Jahren im Kreis Kleve um 5000 auf 31.508 verringert. Die Zahl der Auszubildenden nahm im gleichen Zeitraum von 5600 auf 4800 ab. Bis 2020 wird mit einem weiteren Rückgang von Schulabgängern gerechnet: um zirka 1000 auf 2800 (Die Anzahl der Entlassschüler ging von 2010 bis 2017 von 4888 auf 3972 zurück).

Die Weiterbildungsmöglichkeiten seien im Handwerk vorhanden, sagt Zirwes: „Nur Unternehmer und Arbeitnehmer müssen auch wollen.“

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik