NRZ-Serie

Das Schicksal eines Verräters

Wilfried Vaegs vom Heimat- und Geschichtsverein Goch vor der Skulptur des "Portje Jäntchen"

Wilfried Vaegs vom Heimat- und Geschichtsverein Goch vor der Skulptur des "Portje Jäntchen"

Foto: NRZ

Goch.   Noch heute erinnert an der Voßstraße eine Skulptur an den Torwächter Peter Bongardt, der Goch den Spaniern schutzlos ausliefern wollte

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Wilfried Vaegs erinnert sich noch gut an jene alte Geschichte, die sein damaliger Lehrer Heribert Teggers seiner Klasse früher gern in schillernden Farben erzählte. Die Geschichte des untreuen Torwächters von Goch, genannt Portje Jäntchen. „Ich weiß nicht, ob sich diese Erzählung genauso zugetragen hat, wie Teggers sie uns früher immer schilderte – er war ein leidenschaftlicher Märchen- und Geschichtenerzähler“, erinnert sich der 80-Jährige, der heute Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Goch ist. Historische Dokumente jedenfalls belegen den Wahrheitsgehalt der Geschichte – so gab es tatsächlich einen Mann namens Peter Bongardt mit dem Spitznamen „Portje Jäntchen“, der sich am 17. Februar 1590 das Leben nahm und damit seiner sicheren Hinrichtung wegen des Verrats an seiner Stadt beging.

Als 1947, kurz nach Kriegsende, der Schulbetrieb in Deutschland wieder begann, war Heribert Teggers einer der ersten Volksschullehrer an der Frauenschule in Goch. Die Geschichte von „Portje Jäntchen“ findet sich auch in einem kleinen Büchlein mit dem Titel „Aus Sage, Geschichte und Kulturgeschichte des unteren Niederrheins“, das 1929 erschien – darin hat Heribert Teggers Geschichten aus der Region zusammengetragen, wobei historisch gesicherte Fakten und Fiktion zuweilen verschwimmen dürften.

Die Geschichte von Portje Jäntchen ist derweil schnell erzählt: Um 1600 war Goch von vier Stadttoren umschlossen – eines davon war das Voßtor, das die Stadt vom niederländischen Geldern abgrenzte. Das Sagen in der Stadt hatten holländische Protestanten, doch die katholischen Spanier lauerten nur darauf, Goch zu erobern. Sie hatten Bongardt, der von allen nur „Portje Jäntchen“ genannt wurde, viel Geld für den Verrat an seiner Stadt geboten. Dieser erlag wohl der Versuchung und hatte einen Wachsabdruck des Stadtschlüssels fertigen lassen, den er den feindlichen Spaniern über die Stadtmauer werfen wollte. Doch dazu kam es nicht mehr. Portje Jäntchen wurde bei seinem falschen Spiel beobachtet – ein Gocher überwältigte den Verräter, der sich daraufhin seiner grausamen Hinrichtung durch Selbstmord entzog. In seiner Halskrause – so will es die Geschichte – fand man eine Giftampulle.

Doch kannte die Klever Regierung keine Gnade mit dem Toten: Um ein Exempel zu statuieren, wurde der Leichnam von Portje Jäntchen mithilfe von Ochsen gevierteilt, die den leblosen Körper jeweils an seinen Gliedmaßen auseinanderzogen. Damit nicht genug: Den Kopf des Verräters montierte man zur Abschreckung prominent auf einer Eisenspitze über dem Tor – mit dem Gesicht in Richtung Weeze. Mit Verrätern ging man zu jener Zeit nicht gerade zimperlich um. Dabei gab es noch einen zweiten Täter namens Heinrich Rieckens, bei dem es sich gar um den Neffen des Bürgermeisters handelte. Rieckens wurde gefoltert und starb auf dem Schafott.

Die Skulptur in der Voßstraße

Noch heute erinnert eine Skulptur an der Voßstraße an den ungeliebten Sohn der Stadt, wobei die meisten Gocher mit dem Begriff wohl eher die gleichnamige Gaststätte verbinden dürften – diese schreibt sich indes „Poorte Jäntje“. In gebückter Haltung, gefesselt an einen Pranger, so sieht der Kranenburger Künstler Dieter von Levetzow den Verräter. Direkt hinter ihm steht eine zweite Figur als Darstellung des marktschreierischen Bürgers, der mit dem nackten Finger denunziatorisch auf den Gerichteten deutet. Die Pointe dabei: Während dieser mit einem Finger auf Portje Jäntchen zeigt, zeigen drei Finger auf ihn selbst zurück.

In Heribert Teggers Geschichtensammlung finden sich zu Portje Jäntchen noch ein paar dramatische Details. Darin heißt es etwa: „Sternenarm leuchtet die Nacht. Es ist, als ob die Sterne nicht Zeuge solchen Verrats sein wollen.“ Wer sich also in einer sternenarmen Nacht ein Bier im Poorte Jäntje genehmigt, darf darauf trinken, dass Vierteilen als Strafmaß inzwischen abgeschafft wurde.

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