50 Jahre SOS Kinderdorf

Das SOS Kinderdorf in Kleve wird 50 Jahre alt

Die ersten Kinder der SOS-Kinderdorffamilien.

Die ersten Kinder der SOS-Kinderdorffamilien.

Kleve.   Seit 50 Jahren gibt es das SOS-Kinderdorf in Materborn. Elmar Haal und Christel Dippel erzählen über ihre langjährige Arbeit.

Zu Beginn sei man belächelt worden. Elmar Haal erinnert sich noch ganz gut an die Anfangsjahre des SOS-Kinderdorfes in Materborn. Argwöhnisch schauten die Bevölkerung auf das Großprojekt in Materborn: Ein familiäres Zusammenleben kreieren? Mütter, die rund um die Uhr für die Kinder und Jugendlichen da sein sollen? Hm, das rief in den 60er Jahren erst einmal die Skeptiker auf den Plan. Man habe sich das Vertrauen erarbeiten müssen, sagt Elmar Haal heute. Und die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass das SOS-Kinderdorf eine Erfolgsgeschichte geworden ist – dank des großen Einsatzes der Kinderdorfmütter und der vielen Mitarbeiter in den Einrichtungen.

Der Startschuss fiel im Mai 1969. Johannes Buss war der erste Dorfleiter, der mit vier Häusern begann. Peu à peu wurde das Dorf erweitert und auch die Professionalität der Betreuung und Erziehung nahm mit der Zeit zu. Elmar Haal, der seit 36 Jahren für das Kinderdorf arbeitet und mittlerweile die Bereichsleitung für die Kinderdorffamilien inne hat, gehörte zur zweiten Generation: „Ziel ist es von jeher gewesen, die Kinder und Jugendlichen auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten.“ Gab es in den 80er Jahren elf Häuser mit gut 70 Kindern und Kinderdorfmüttern, bietet man heute unterschiedliche Wohnformen an: Es gibt sieben Kinderdorfmütter, fünf Wohngruppen und eine Gruppe für unbegleitete Flüchtlinge. „Das Personal hat sich mittlerweile mehr als verdoppelt“, sagt Haal.

Die Qualitätsansprüche an die Erziehung seien deutlich gestiegen. So gibt es heute Sozialpädagogen, Therapeuten, unterschiedliche Fachdienste, die in die Familien blicken, regelmäßige Teambesprechungen und externe Beratung. Früher war das noch undenkbar. Und auch das Verhältnis zwischen Kinderdorfmutter und ihren Kindern habe sich geändert. Die Mütter können ein Familienleben außerhalb des Dorfes führen, Urlaub machen und sich mit Kollegen abwechseln.

Krisenzeiten und schöne Momente

Doch nach wie vor ist der Bezug zur Familie zentraler Bestandteil des SOS-Konzeptes. „Es geht um Beziehungen“, sagt Elmar Haal. Bis auf zwei Kinder kenne er alle, die im SOS-Kinderdorf aufgewachsen sind. Als junger Spund habe er hier angefangen: „Und es hat schon etwas gedauert, bis ich Zugang zu den Familien bekommen habe“, erinnert er sich. Die gestandenen Kinderdorfmütter ließen sich nicht so schnell etwas von einem 25-jährigen Sozialpädagogen erzählen. Der Gewinn des Konzeptes sei immer die enge Bindung zu den Kindern gewesen: „Beziehung lohnt sich immer“, sagt Haal heute. Natürlich habe man Höhen und Tiefen in den Jahren kennengelernt. „Es gab auch mal richtige Krisen“, erzählt er. Aber viel lieber denke man an die schönen Momente zurück. Etwa die Kanutouren nach Schweden. Noch heute berichten die ehemalige Kinderdorf-Bewohner davon.

Geändert habe sich auch die Beziehung zu den Jugendämtern. Die Frage nach der Rückführung zu den Eltern werde heute immer gestellt. Es werden Ziele mit den Jugendämtern vereinbart: „Das gab es damals gar nicht“, erinnert sich Haal. Und im Gegensatz zu den Anfangsjahren stammen die Kinder und Jugendlichen heute meist aus der Region - vom Niederrhein. „Es ist eine große Leistung, wenn man es schafft, dass die Kinder sich hier wohlfühlen und gleichzeitig einen Kontakt zu den Eltern halten können“, sagt Haal.

Ein guter Ansatz, um mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, ist nach wie vor die körperliche Arbeit. Christel Dippel leitet die Gärtnerei des SOS-Kinderdorfes und ist seit 35 Jahren dabei. Der Betrieb an der Riswicker Straße steht nicht nur Jugendlichen des Kinderdorfes offen, sondern ist frei zugänglich. 1981 wurde die Gärtnerei gegründet, um den Jugendlichen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Sie konnten hier eine Ausbildung machen und in die freie Wirtschaft wechseln. „Damals waren wir totale Laien“, sagt Gartenbautechnikerin Dippel. Das Feld der Pädagogik habe sie für sich erst noch bestellen müssen. „In den 35 Jahren hat sich eine Menge geändert“, sagt sie. In den 80er Jahren wurde eine Gärtnerei am Kermisdahl gekauft, in den 90er Jahren kamen Jägerhof und Klapheckenhof hinzu.

Vorbereitung auf das Leben

Eine komplette Ausbildung wird nicht mehr angeboten, sondern es werden im Wesentlichen Maßnahmen für die Arbeitsagentur und die Jobcenter durchgeführt. Heute nehmen kreisweit rund 600 Jugendliche und junge Erwachsene die Angebote der beruflichen Bildung des Sozialträger war. Der Durchlauf der Jugendlichen ist viel schneller und damit die Bindung hier und da geringer. Früher sah Dippel die Jugendlichen mitunter fünf Jahre lang, heute umfasst die Berufsvorbereitung nur ein Jahr. Trotzdem versucht sie ihren Schülern so viel wie möglich mitzugeben auf dem Lebensweg. Es geht um pünktliches Erscheinen, korrektes Auftreten und praktisches Arbeiten. In den seltensten Fällen mache später jemand eine Ausbildung im Gartenbau.

Das SOS-Kinderdorf in Materborn ist für viele immer noch ein Dorf. Obwohl die Organisation alles daran setzt, einen offenen Charakter zu schaffen. Es gibt eine Kindertagesstätte auf dem Gelände, so dass auch Eltern aus dem Umfeld auf das Gelände kommen, es gibt Sportangebote und Yoga-Kurse für Jedermann. Elmar Haal sieht das Konzept des Kinderdorfes noch lange nicht als überholt an: „Kinder und Jugendliche brauchen einen festen Bezugspunkt. Und den finden sie in unseren Familien und Wohngruppen. Es ist gut, dass wir nicht dezentralisiert in der Stadt liegen, sondern an einem Ort leben. Das schafft ein Gemeinwesen.“

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