NRZ-Serie Mensch am Mittwoch

Der Vorleser – ein Mann aus Goch

Heinz van de Linde mit dem Kinderbuch in englischer Sprache „The Tiger Who Came to Tea“. Wie man sieht, macht ihm Vorlesen wirklich Freude – und damit auch das Zuhören!

Heinz van de Linde mit dem Kinderbuch in englischer Sprache „The Tiger Who Came to Tea“. Wie man sieht, macht ihm Vorlesen wirklich Freude – und damit auch das Zuhören!

Foto: Anke Gellert-Helpenstein

Goch.   Seit der Pensionierung engagiert sich der Gocher Heinz van de Linde bei der Stadtbücherei, in der Kirche, im Verein Haus Mifgash,beim Repair-Café.

Wenn der 78-jährige Heinz van de Linde aus dem reich bebilderten Kinderbuch „The Tiger Who Came to Tea“ vorliest, akzentuiert, theatralisch Spannung aufbauend, dann kann der Zuhörer gar nicht anders, als gebannt zuzuhören. Kinder ebenso wie Erwachsene. Am liebsten liest der seit 16 Jahren pensionierte Englischlehrer englischsprachige Literatur.

Ehrenamtlich, etliche Stunden im Jahr. Meistens für die Stadtbücherei in Goch. Aber unter anderem auch für den Verein Haus Mifgash Kleve, wo er zum Quartett gehört, das die Lesungen innerhalb der Reihe „Ich höre, also bin ich“ bestreitet bzw. dort andere Menschen zum Lesen einlädt.

Und am kommenden Freitag, 9. November, wird er mit einigen Mitstreitern von der Stolpersteine-Initiative im Museum Goch das Gedenken an die Reichspogromnacht mit einer Lesung mitgestalten.

Kein Zubettgehen ohne eine erdachte Geschichte

„Das wird schwierig, weil ich dort wenig dramatisch sein darf“, erklärt van de Linde im Gespräch mit der NRZ. Aber dafür übt er auch. „Ich übe lesen im Stehen“, verrät er. Damit fällt er daheim auch niemanden auf den Wecker, denn seine Frau Ursula hat dafür vollstes Verständnis – sie liest selbst und gehört in Goch zu den Vorlesepaten. Heinz van de Linde erinnert sich, wie alles begann. Nämlich in der eigenen Familie. Der Vater zweier Söhne und dreifache Großvater hat natürlich auch seiner Familie vorgelesen. Mit der selbst erschaffenen Handpuppe Lord Snuff. „Es gab bei uns kein Zubettgehen ohne eine selbst erdachte Lord-Snuff-Geschichte.“

Gleichgültig, ob heute vor Kindern oder Erwachsenen, als Erfinder und Erzähler von Gute-Nacht-Geschichten oder als Englisch- und Pädagogiklehrer: Die Menschen hörten und hören ihm gerne zu, weil jeder spürt: Er liest gerne und gut.

„Ich war auch immer sehr gerne Lehrer, auch wenn ich immer Schwierigkeiten mit Chefs hatte. Mit den Kollegen kam ich gut klar.“ Der Ärger mit Obrigkeiten hat sich auch nach der Pensionierung fortgesetzt. Denn vor 16 Jahren war er mit der Initiative gegen den Gocher Rathausneubau sehr aktiv.

Demokratie von unten

Über Jahre hinweg. „Das war Demokratie von unten“, erinnert er sich. Dann kam die Begeisterung fürs Schreiben. Zwei Bücher über die Heimatstadt Orsoy hat er geschrieben. „Dann holte mich die Schule wieder ein und ich war lange Zeit für den SES (Senior-Expert-Service) tätig.“

Da ist er dann als Lehrer für Lehrer weit gereist. War in Usbekistan, Russland und China. Eine spannende und aufregende Zeit. Dann folgte in Goch die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei, die ihn und auch seine Frau bis heute im positiven Sinne fesselt.

Ich kann nur jeden dritten Nagel in eine Wand hauen

Damit’s aber nicht langweilig wird, hat van de Linde („Ich bin grün und ökologisch angehaucht“) vor drei Jahren mit einem engagierten Kreis Gleichgesinnter und mit großer Unterstützung der evangelischen Kirche das Repair Café gegründet. Dort ist das Ehepaar van de Linde bis heute aktiv. „Ich aber nur bei den Dingen, die mit Reden und Schreiben zu tun haben“, lacht van de Linde und gibt zu: „Mir geht’s wie Hüsch. ‘Ich habe zwei linke Hände und kann nur jeden dritten Nagel in eine Wand hauen.’“

Wenn bei allem ehrenamtlichen Engagement noch Zeit bleibt, dann ist der pensionierte Lehrer am liebsten in seinem kleinen Garten direkt am Haus aktiv. Hier ist alles so angelegt, dass nicht nur das Auge und die Küche (Kräutergarten!) etwas davon haben, sondern auch die Natur. „Ich hasse tote Vorgärten mit Schotter“, gibt er zu.

Außerdem wandert der fitte 78-Jährige sehr gerne und liebt Radfahren: „Dafür fahre ich sehr ungern Auto!“ Wo er kann, kämpft er für die Belange von Radfahrern.

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