Eichenprozessionsspinner

Eichenprozessionsspinner: Mehr Klever betroffen als je zuvor

In Straßen, die von Eichen gesäumt sind, sollte man Arme und Beine verhüllen.

In Straßen, die von Eichen gesäumt sind, sollte man Arme und Beine verhüllen.

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Kreis Kleve.   Quälendes Jucken, tränende Augen, Atemnot: Die Zahl der Betroffenen im Kreis Kleve, die unter den Haaren der Raupe leiden, ist hoch wie nie.

So hoch wie in diesem Sommer war die Zahl der durch die Raupen der Eichenprozessionsspinner geschädigten Menschen hier im Kreis Kleve offensichtlich noch nie. Das bestätigen nicht nur die Rückmeldungen unserer Leser auf unsere Berichterstattung, sondern auch Apotheker und Ärzte auf Nachfrage der NRZ.

Täglich 15 bis 20 betroffene Kunden in der Apotheke

Auch Bastian Schlotmann von der Gocher Löwen-Apotheke hat alarmierende Zahlen: „Wir haben zurzeit täglich 15 bis 20 Kunden, die offensichtlich schmerzhaften Kontakt mit den Brennhaaren der Raupen hatten.“ Zwar gäbe es auch viele Stechfliegen und -mücken – aber die Hautreaktionen auf die Brennhaare sind charakteristisch. Juckende Hautläsuren sind da die lästigsten Begleiterscheinungen, tränende geschwollene Augen oder gar Asthmaanfälle sind außerdem gefährlich und letztere können lebensbedrohlich sein – sind hier bislang aber die Ausnahme.

Doch die gute Nachricht vorweg: Millionen von Eichenprozessionsspinnerraupen (die NRZ berichtete mehrfach) verpuppen sich zur Zeit in ihren Nestern an großen Astgabeln oder direkt an den Stämmen ihrer Eichen-Wirtsbäume im Kleverland und können so spärlich bekleideten Spaziergängern und Radfahrern nicht mehr länger durch direkten Kontakt schaden.

Die schlechte Nachricht: Ihre gefährlichen Brennhaare fliegen noch lange durch die Luft und bis zu 100 Meter weit. Auch die später herunter fallenden Nester sind nicht ungefährlich, wenn man mit ihnen in Kontakt kommt.

Nicht zu leicht bekleidet nach draußen gehen

Dagegen hilft nur, nicht zu leicht bekleidet nach draußen zu gehen. Denn unbekleidete Haut ist beliebter Landeplatz für die giftigen und Allergie auslösenden Brennhaare der ansonsten unscheinbaren Mottenkinder.

Das bestätigen Ärzte und Apotheker im Gespräch. „Erste Hilfe können wir durch Cremes und Salben gegen den Juckreiz bieten“, erklärt der Sprecher der hiesigen Apotheker, Ulrich Schlotmann, von der Gocher Dorf Apotheke. Ebenso wie bei seinem Sohn in der Löwen Apotheke laufen ihm zahlreiche Betroffene die Türen ein, wenn die Brennhaare sie erwischt haben. „Das fällt schon sehr auf. Zumal durch das schöne Wetter Spaziergänger und Fahrradfahrer meistens sehr leicht bekleidet unterwegs sind. Und an den Armen und Beinen sind dann die allergischen Reaktionen auf die Brennhaare unübersehbar und auch sehr schmerzhaft.“

Der Arzt gibt mitunter dann Cortison

Die Apotheker wägen bei Anfragen ab, ob Antihistaminika und juckreizlindernde Mittel helfen oder ob ein Arzt aufgesucht werden muss, der auch gegebenenfalls Cortison geben kann. Fast immer muss der Arzt drauf schauen, wenn die Brennhaare ins Auge eingedrungen sind oder gar inhaliert wurden.

„Mein Tipp: Abends unbedingt abduschen, damit auch oberflächlich vorhandene Raupenhaare abgespült werden und sich nicht in die Haut bohren können“, rät Schlotmann. Außerdem sollte man vernünftigerweise wirklich lange Hosen und langärmelige Shirts anziehen, wenn man Gebiete mit Eichenbewuchs betritt oder Radtouren unternimmt.

An der Kita in Kranenburg-Nütterden Bäume gefällt

Betroffen sind auch die Kinder. Wie schlimm es sein kann, wenn befallene Eichen eine Kindertagesstätte säumen, davon kann wohl niemand besser aus leidvoller Erfahrung berichten, als Kita-Leiterin Annegret Aengen-Eyndt der Kita St. Barbara in Kranenburg-Nütterden. „Das war ein Riesenaufstand und Aufwand“, erinnert sie sich im Gespräch mit der NRZ an leidvolle Wochen und Monate im vergangenen Jahr. Monatelang durften 2017 und 2018 die Jungen und Mädchen nicht draußen spielen. Trotz Bekämpfungsmaßnahmen gaben die Eichenprozessionsspinner nicht auf und kamen wieder.

Den ganzen Sand der Spielplätze ausgetauscht

Insgesamt zweimal wurde der gesamte mit Brennhaaren kontaminierte Sand der Spielplätze ausgetauscht und der Oberboden des Areals abgeräumt und neu belegt. Erst als die betroffenen fünf Eichen gefällt wurden, kehrte Ruhe ein.

„Dieses Jahr haben wir Ruhe, die Kinder können unbeschwert draußen spielen“, freut sich die Leiterin. „Um die alten Eichen, die weichen mussten, tat es uns wirklich leid, aber hier stand das Kindswohl an erster Stelle.“ Jetzt wachsen zwei Kastanien und zwei Buchen am Kinderspielgelände.

Giftige Raupe- Fakten rund um den Eichenprozessionsspinner

Diesmal mehr betroffene Kinder als in den Jahren zuvor

Dass es andernorts nicht so gut aussieht und Kinder sehr oft mit den Brennhaaren der Raupen konfrontiert werden, sieht der Klever Kinderarzt Dr. Wolfgang Brüninghaus sozusagen täglich: „Rund zehn Jungen und Mädchen sind es, die wir Tag für Tag aufgrund des Kontakts mit Brennhaaren versorgen müssen. Das ist schon sehr viel mehr als in den Jahren zuvor.“ Es sei dabei aber selten auszumachen, wo die Kinder Kontakt mit den Raupenhaaren hatten. „Die Haare fliegen so weit, das kann man kaum lokalisieren.“

Nur Windeln sind eine undurchdringbare Barriere

Auch bei den Kindern ist die leichte Bekleidung ein großes Problem: „Da gehen die Raupenhaare durch.“ Meistens sind die Kinder am ganzen Körper betroffen. Nur Windeln sind, so Brüninghaus, eine undurchdringbare Barriere. Da der Juckreiz die Kleinen extrem quält, gibt er auch Antihistaminika nicht als Creme oder Salbe, sondern als Saft. „Soviel könnte man ja gar nicht auf die Kinder drauf schmieren, wie sie bräuchten.“

Bleibt zu hoffen, dass bald Ruhe einkehrt – zumindest bis zum nächsten Jahr. Denn eines ist sicher: die Eichenprozessionsspinnerraupen feiern flott nach dem Verpuppen Hochzeit und legen noch in diesem Sommer den Grundstein für die nächste Generation.

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