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Ein Fabrikant mit Leidenschaft

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Kleve.  De gladde Wilm – so nannten die Klever den Tabakfabrikanten Wilhelm Mertens. Seine Fabrik ist heute nicht mehr so bekannt wie die Schuhfabrik des Gustav Hoffmann oder die Margarinewerke van den Bergh. Tabak Mertens zählte vor 100 Jahren jedoch zu den drei größten Betrieben.

Schon der Großvater war Tabakdistributeur, der Vater hatte 1833 die holländische Tabak- und Zigarrenfabrik Bleydensteyl übernommen und ausgebaut. Nach dessen Tod 1864 übernahm sein gerade 19-jähriger Sohn Wilhelm die Firma. Er hielt sie stets auf dem neuesten technischen Stand, erweiterte den Tabakverarbeitungsbetrieb um eine Lebens- und Genussmittelgroßhandlung, eine Kaffee-Großrösterei und seit 1911 auch um eine Zigarettenfabrik. Auf der Hagschen Straße, etwa dort, wo heute die Buchhandlung Hintzen steht, befand sich die Kolonialwarenhandlung. Dahinter standen die Fabrikationsgebäude, am Klever Hafen hatte die Firma ein großes Lagerhaus. Es wird erzählt, dass Wilhelm Mertens gelegentlich selbst hinter der Theke des Ladens stand, dann jedoch peinlich darauf achtete, den Kunden nicht zu übervorteilen und daher auch mal eine Kaffeebohne durchbrach.

In den besten Zeiten beschäftigte Mertens etwa 900 Mitarbeiter. Nach Mertens’ Tod 1922 schwächelte die Firma auch wegen der Folgen des Ersten Weltkrieges, ab den 30er Jahren ging es seit der Übernahme durch Mertens’ Neffen, den Gebrüdern Weghmann, wieder aufwärts. Kleve blieb bis 1946 Hauptsitz der Tabakfabrik, 1954 ging sie dann in Konkurs.

Ein Mann der Politik

Mertens, einer der reichsten Bürger der Stadt, führte nicht nur eine florierende Firma, er fand auch Zeit für die Politik. Über 30 Jahre lang war er Stadtverordneter für die Zentrumspartei, wo man seine Ratschläge im Umgang mit den städtischen Finanzen schätzte. Hier sparte er eisern und stimmte als Einziger gegen den Bau eines neuen öffentlichen Bades für Kleve. Neben weiteren Ehrenämtern gehörte er auch dem Kreistag an. Viele Jahre saß er im Kirchenvorstand und erhielt am Tag seiner Goldenen Hochzeit die Ehrenbürgerwürde der Stadt für seine Verdienste.

Wie viele Unternehmer in seiner Zeit engagierte sich auch Mertens für seine Arbeiter. Neben der Betriebskrankenkasse, die er 1883 gründete, war er auch einer der 35 Gesellschafter der Klever gemeinnützigen Baugesellschaft, in Kleve als GeWoGe noch heute aktiv. Fünf Jahre vor seinem Tod legte er durch eine Stiftung den Grundstock für das Walderholungsheim im Tiergartenwald.

Doch es gab auch eine Kehrseite der Medaille. Mertens’ Geiz war sprichwörtlich und so machte sich der evangelische Gustav Hoffmann einen Spaß daraus, bei einem größeren sozialen Projekt in der Stadt einen sehr hohen Geldbetrag zur Verfügung zu stellen, allerdings unter einer Bedingung: sein katholischer Gegenpart Mertens müsse die gleich hohe Summe spenden. Diesem blieb zähneknirschend nichts anders übrig.

Die sozialen Leistungen für seine Arbeitnehmer kompensierte Wilhelm Mertens, indem er 9- bis 13-jährige Kinder für sich arbeiten ließ.

Polizeiliche Kontrollen wurden stets vorher angekündigt, bis im Jahre 1899 ein neuer Polizeikommissar mit den alten Sitten brach. Prompt entdeckte die Polizei auf dem Speicher der Fabrik Kinder, die sich dort versteckt hielten. Mit dem Platz im Kirchenvorstand war es ab da natürlich vorbei.

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