Heimatbesuch

Ein Klever zwischen Ost und West

Christopher da Costa-Gomez mit Lea Promnitz und Katrin Promnitz.

Christopher da Costa-Gomez mit Lea Promnitz und Katrin Promnitz.

Foto: Andreas Daams

Kleve.   Christopher da Costa Gomez stammt aus Kleve und lebt im thüringischen Rudolstadt. Sein Befund: Die Ost-West-Trennung steckt noch in den Köpfen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Rudolstadt heißt es, nicht Rudolfstadt, wie der Berichterstatter anfangs leichtfertig sagt. Rudolstadt liegt in Thüringen, 30 Kilometer südlich von Jena und Weimar. Eine Stadt mit 22 000 Einwohnern und einem Schloss auf einem Berg, das ein wenig an die Schwanenburg erinnert. Um ehrlich zu sein: Es ist schöner, hat sogar einen Festsaal. In Rudolstadt gibt es ein Landestheater mit eigenem Ensemble, ein Orchester, ein Freibad, ein Hallenspaßbad, ein großes Kino, ein Museum, eine Kunstschule und einen Bahnhof mitten in der Stadt.

Umzug nach Rudolstadt

Christopher da Costa Gomez ist in Kleve aufgewachsen, war lange in Bayern und ist 1995 nach Rudolstadt gezogen. Der Arbeit wegen, hier fand er einen interessanten Job als Steuerberater. Mit seiner Familie ist er Weihnachten zur Mutter in die alte Heimat gefahren. Von einer Hälfte Deutschlands in die andere Hälfte. Auch 27 Jahre nach der Wende sind es immer noch Hälften, mit denen sich viele Menschen identifizieren. Das ist der Anlass des Gesprächs: deutlich zu machen, dass uns Vorurteile stärker voneinander trennen, als man es oberflächlich glauben mag.

Lea Promnitz (20) formuliert das unmissverständlich: „In den Medien klingt unterschwellig an, die Ossis seien dumm, sprächen einen blöden Dialekt und schafften nichts. Wenn junge Leute das in ihrer Prägungsphase oft genug hören, geben sie sich irgendwann ein bisschen auf.“ Ihre Mutter Katrin Promnitz verdeutlicht das an einer der letzten Ausgaben der Wochenzeitung „Die Zeit“. Im Hamburger Regionalteil sei es darum gegangen, was die Hamburger lesen – im Thüringer Teil um die Frage, warum Rentner nicht mehr aus dem Haus gehen.

„Uns stößt es vor den Kopf, wenn der Osten mit NSU und Pegida gleichgesetzt wird“, sagt Katrin Promnitz. Christopher da Costa Gomez erlebt die Trennung in Ossis und Wessis auch beruflich: „Wenn mich dort jemand vorstellt und erwähnt, dass ich aus dem Westen komme, heißt es danach immer gleich, ich sei aber nicht so wie die anderen.“ Während bei Gesprächen im Westen viele sich nicht vorstellen können, mal nach Thüringen zu fahren – da gebe es ja die vielen Nazis.

Niederrheiner in Rudolstadt

Über eine Pegida-Demo schrieben die Zeitungen sogleich. Dass sich schon ein Jahr vor der Flüchtlingskrise 300 Leute in Rudolstadt ehrenamtlich darauf vorbereitet hatten und die kleine Stadt gegenüber den meisten anderen Städten einen echten Vorsprung hatte – keine Silbe darüber in den Medien, beklagt Lea Promnitz. Sind Geschichten nur erzählenswert, wenn sie Vorurteilen entsprechen? Sind Organisationsstrukturen nur etwas wert, wenn sie aus dem Westen kommen? Da Costa Gomez: „Nach der Wende hat man im Osten die Polykliniken zerschlagen, jetzt hat man sie im Westen als medizinische Versorgungszentren neu erfunden und baut sie wieder auf.“ Er hat viele Menschen kennengelernt, die nach der Wende einen ganz anderen Beruf ausüben mussten, als sie zuvor in der DDR gelernt hatten. „Man macht sich hier im Westen gar nicht klar, dass eine ganze Bevölkerung einen Bruch in ihrer persönlichen Biographie zu verkraften hatte.“

Jedenfalls sollten die Klever mal in Thüringen vorbeischauen. Die Lebensqualität ist hoch, die Menschen sind offen, sagt Lea Promnitz: „Man kommt sehr schnell mit Leuten ins Gespräch.“ Sogar ein paar Niederrheiner außer da Costa Gomez wohnen inzwischen in Rudolstadt. Vermutlich ist das immer noch die beste Medizin gegen Vorurteile: hinfahren, sich selbst ein Bild machen. Damit aus den Hälften irgendwann doch ein Ganzes wird.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik