„Es gibt nur Gesang und Tanz”

Kleve.   „Steh auf und geh“ heißt ein Stück des Pianisten Vadim Neselovskyi. Glücklicherweise setzt er sich in der Karl-Kisters-Realschule aber hinter den Flügel und bleibt. Flüchtlingskind war er, stammt aus Odessa, hat an deutschen Musikhochschulen studiert und ist dann nach New York gegangen. „Wenn ich Jazz lernen will, muss ich nach Amerika“, hatte er sich gesagt. Jetzt jettet er um die Welt, komponiert, spielt, improvisiert. Manchmal zusammen mit Arkady Shilkloper. Der steht ebenfalls auf der Bühne vor den drei Musikklassen der fünften bis siebten Jahrgangsstufen an der Realschule. Berührungsängste: keine. Von keiner Seite.

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„Steh auf und geh“ heißt ein Stück des Pianisten Vadim Neselovskyi. Glücklicherweise setzt er sich in der Karl-Kisters-Realschule aber hinter den Flügel und bleibt. Flüchtlingskind war er, stammt aus Odessa, hat an deutschen Musikhochschulen studiert und ist dann nach New York gegangen. „Wenn ich Jazz lernen will, muss ich nach Amerika“, hatte er sich gesagt. Jetzt jettet er um die Welt, komponiert, spielt, improvisiert. Manchmal zusammen mit Arkady Shilkloper. Der steht ebenfalls auf der Bühne vor den drei Musikklassen der fünften bis siebten Jahrgangsstufen an der Realschule. Berührungsängste: keine. Von keiner Seite.

Das ist heute ganz anders als vor einigen Jahrzehnten. Musiker geben ein Konzert, vorher oder nachher besuchen sie eine Schule. Bringen sozusagen eine ganz andere Welt in die ausgetüftelten Lehrpläne hinein: Kreativität, Leidenschaft und den Beweis, dass ein Leben als Künstler möglich ist. „Für uns ist das ein Traumjob“, sagt Neselovskyi. Unvermeidlich die Frage, wie lange sie üben. „Immer“, antwortet er. „Wenn wir nicht schlafen, üben wir. Sogar beim E-Mail-Schreiben.“

Dieses Immer-Üben kann man spüren, wenn sie loslegen. Rasendes Gezappel, melancholisches Raunen, trotziges Voranstürmen. Alles klingt, als könne es gar nicht anders sein. Logisch und gleichzeitig losgelöst von aller Banalität. Spielerisch und gleichzeitig hochkomplex. Ganz einfach: Bewundernswert. Wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass die Kombination der Instrumente so gar nicht jazztypisch ist: Klavier und Horn. Klavier und Flügelhorn. Klavier und Alphorn. Richtig gelesen: Alphorn.

Andererseits gibt es da auch ganz pragmatische Ansatzpunkte. „Warum verrottet das Alphorn nicht? Ist doch aus Holz“, will ein Schüler wissen. Neben der Ökologisierung der Musik spielt für die Jugendlichen auch die Ökonomisierung eine wichtige Rolle: „Wie teuer ist so ein Alphorn?“ Shilkloper nennt zwar den Betrag. Doch weil er so gut spiele, bekomme er die Alphörner von den Instrumentenmachern geschenkt. Als Werbung gewissermaßen. Großen Eindruck dürfte die Performance bei den Kindern jedenfalls gemacht haben. Aber ob’s zum Alphorneinkauf reicht?

Erst mal muss man ja sowieso die Voraussetzungen schaffen. Das machen Arkady Shilkloper und Vadim Neselovskyi exzellent. Sie lassen die Schülerinnen und Schüler rhythmisch auf die Knie klopfen, aufstampfen und Silben rufen. „Es gibt nur zwei Dinge, Gesang und Tanz“, lautet Shilklopers Glaubensbekenntnis. Alles in der Musik lasse sich darauf zurückführen.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Es reicht nicht, ein Instrument zu spielen. Man muss singen und tanzen, also die Stimme und den Körper benutzen. Der Körper als Instrument der Seele? Shilkloper jedenfalls hat schon mit zwei Jahren im Chor seines Kindergartens gesungen. Neselovskyi hat schon mit acht Jahren den Schulstress beim Improvisieren am Klavier rausgelassen.

Musiker zu sein bedeutet, in der Welt herumzukommen. Manchmal findet sich die Musik dabei in einer seltsamen Rolle wieder. Einmal, erzählt Shilkloper, habe er auf dem Dach der berühmten Oper von Sydney bei Sonnenaufgang Alphorn geblasen. Und Neselovskyi hat einmal im Zoo von New Orleans vor einem Elefanten gespielt. Die Schulkinder waren nicht gekommen, da blieb ihm nichts anderes übrig. „Mein bestes Konzert“, sagt er. Der Auftritt in der Karl-Kisters-Realschule war aber auch nicht schlecht.

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