Klinik Bedburg-Hau

Forensik: Mehr Bindung, weniger Coolness

Im schönen Saal des Gesellschaftshauses läuft die Fachtagung. v.l. Prof. Dr. Udo Rauchfleisch (emer. Prof. Universität Basel), Michael Bay (LVR-Klinik Bedburg-Hau), Prof. Dr. Manuela Dudeck (Universitätsklinikum Ulm/Bezirkskrankenhaus Günzburg), Dr. Jack Kreutz (LVR-Klinik Bedburg-Hau), Klaus Lüder (LVR-Fachbereich Maßregelvollzug). Forensische Fachtagung Sex, Drugs and Rock’n Roll

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Im schönen Saal des Gesellschaftshauses läuft die Fachtagung. v.l. Prof. Dr. Udo Rauchfleisch (emer. Prof. Universität Basel), Michael Bay (LVR-Klinik Bedburg-Hau), Prof. Dr. Manuela Dudeck (Universitätsklinikum Ulm/Bezirkskrankenhaus Günzburg), Dr. Jack Kreutz (LVR-Klinik Bedburg-Hau), Klaus Lüder (LVR-Fachbereich Maßregelvollzug). Forensische Fachtagung Sex, Drugs and Rock’n Roll Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Bedburg-Hau.   Fachtagung: Personen rund um Patienten im Maßregelvollzug arbeiten wie ein Symphonieorchester: jeder ein Könner, keiner darf Egozentriker sein.

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„Ich finde das Thema ‘hot’! Arbeitswelten treffen hier aufeinander, die naturgegeben auseinander driften“ ist Harald Kolbe (LWL-Akademie für Forensische Psychiatrie Münster) völlig begeistert. Der ist Referent und einer von 350 Teilnehmern der forensischen Fachtagung in Bedburg-Hau. In der Reihe „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ geht es seit gestern drei Tage lang um die Zusammenarbeit: „Let’s work together – Der Spagat zwischen Coolness und Bindung“. Kolbe titelt: „Wir haben doch alle den gleichen Auftrag, erfüllen ihn nur anders.“

Die nationalen und internationalen Gäste aus Wissenschaft und Praxis wissen im schönen Saal des Gesellschaftshauses nicht unbedingt, welchen Beruf der/die Nebenmann/frau hat. Die Tagung will das „nicht alltägliche Gespräch“ fördern, bis hin zur gemeinsamen Fete am Abend, erklärt Diplom-Psychologe Michael Bay. „Dem Patienten geht es gut, wenn es dem Therapeuten gut geht“ und dem wiederum, wenn sein Team „Gelassenheit und Bindungsfähigkeit herstellt“. Das wollen sich die Teilnehmer klar machen.

Schulische und berufliche Qualifikation förderrn

„Ein Team verändert sich mit den schwierigen Patienten“, sagt Dr. Jack Kreutz, Chefarzt und Fachbereichsleiter Forensik in Bedburg-Hau. Für ihn wirken die Personen rund um den Patienten im Maßregelvollzug wie ein Symphonieorchester: jeder ein Könner, aber keiner darf ein Egozentriker sein.

Kreutz stellt Projekte zur schulischen / beruflichen Qualifikation von Forensik-Patient/innen vor, weitet die Beziehungsarbeit, berichtet von Arbeitgebern, die den Patienten beim Wiedereinstieg in den Alltag ohne Vorbehalte begegnen. „Wir haben Glück, am Niederrhein kennt doch jeder jeden.“ So erklärt er, dass 20 bis 25 Patienten zur „realitätsorientierter“ Belastungserprobung in Firmen arbeiten. Außerdem sind stets 250 in der Arbeitstherapie, die ja auch besondere Konstellationen von Teams verbindet.

Klaus Lüder verwaltet als Fachbereichsleiter den Maßregelvollzug beim LVR Köln, sagt er. Die psychiatrische Therapie habe die Stationen verlassen, Arbeitstherapie, Kreativ- und Reittherapie und Genesungsbegleiter gehören heute dazu, vor zehn Jahren noch nicht.

Der LVR in Bedburg-Hau hat extra eine Stelle geschaffen für einen Job-Coach, Bindeglied zwischen innen und außen. Erkenntnis: Wenn schulische und berufliche Defizite während der Unterbringung in Maßregelvollzug reduziert werden und es berufliche Perspektiven gibt, wird nur ein Drittel der psychisch kranken/süchtigen Straftäter rückfällig.

Im ihrem Vortrag „Sind wir wirklich so gut, wie wir denken?“ mahnt Prof.Dr. Manuela Dudeck (Universitätsklinikum Ulm und Bezirkskrankenhaus Günzburg) die Kollegen: „Es geht nicht um den eigenen Erfolg, sondern den Ertrag am Patienten.“ „Genau das, was wir in unserer Ausbildung nicht lernen“, gesteht Prof.Dr. Udo Rauchfleisch (emer. Prof. Universität Basel). Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist sein Thema der Tagung – er bedenkt Kooperation mit Sozialarbeitern, Hausärzten, kirchlichen Beratungsstellen. Es sei „notwendig, die gleiche Sprache zu sprechen“.

Der Therapeut verändert sich mit

Für Prof. Dudeck sind z.B. alte Thesen von Erving Goffman hochaktuell: möglichst wenig Nebenwirkungen durch Psychotherapie auszulösen. „Wir messen die Veränderung im Kopf des Patienten, aber es verändert sich auch die Morphologie des Therapeuten“. Das zwischenmenschliche Klima auf der Station spiele eine wichtige Rolle. Dr. Jack Kreutz: „Professionalität schlägt Profession“. Das Zentrum sei der Patient, Gefährlichkeitsreduktion das erklärte Ziel, so Harald Kolbe. Dr. Kreutz: „Gute Tätertherapie ist der beste Opferschutz.“

Die renommierte Fachtagung mit Vorträgen und 23 Arbeitsgruppen gehört zu den größten forensischen Veranstaltungen in Deutschland und Europa. Nicht alle Interessenten bekamen Tagungsplätze.

DIE FORENSIK

Forensische Patient/innen sind Menschen, die in speziellen Kliniken untergebracht werden, weil sie wegen einer psychischen Erkrankung oder Sucht straffällig geworden, aber nur eingeschränkt oder gar nicht schuldfähig sind.

Der Landschaftsverband Rheinland hat ein Netzwerk von Spezialeinrichtungen für den Maßregelvollzug. An sechs Standorten gelten unterschiedliche Behandlungsschwerpunkte. In Bedburg-Hau werden 400 Patient/innen stationär behandelt

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