Schäfermeister

Friedhelm Hoss aus Kellen verpasst Schafen eine Kahlrasur

Auch mit 78 Jahren steht Schäfermeister Friedhelm Hoss noch jeden Tag im Stall.

Foto: Andreas Gebbink

Auch mit 78 Jahren steht Schäfermeister Friedhelm Hoss noch jeden Tag im Stall.

Kleve-Wardhausen.   Auch mit 78 Jahren ist Schäfermeister Friedhelm Hoss zurzeit täglich am Niederrhein unterwegs, um Schafe zu scheren. Eine echte Knochenarbeit.

Nun komm endlich her, du störrisches Schaf! Gerd Crins hat das Muttertier fest im Griff, den Kopf leicht abgewinkelt, die Hand fest im Fell verankert und dann mit dem Oberschenkel kräftig gedrückt. Der Schäfer aus Wardhausen hat trotz jahrelanger Erfahrung und bester Technik seine liebe Müh’, den ausgewachsenen Schwarzkopf auf die Scherbank zu hieven. Schafe schätzen offenbar keine Ganzkörperrasur, und wenn es darauf ankommt, können sie ihre Körpermasse von gut 100 Kilo geschickt einsetzen, um dem Scherapparat doch noch zu entkommen. Absolute Obacht ist angesagt, um am Ende nicht doch noch einen fiesen Tritt vors Scheinbein zu bekommen. Mit vereinten Kräften wird das Tier auf den Po gesetzt, ehe es heißt: Der Schäfer schwitzt und das Schaf sitzt – endlich!

40 Jahre auf Haus Riswick

Jetzt beginnt die Arbeit von Friedhelm Hoss. Der 78-jährige Schäfermeister aus Kleve-Kellen braucht nur gute drei Minuten, bis er einen ausgewachsenen Schwarzkopf von seiner Wolle befreit hat. Er setzt die ratternde Schere am Rücken an und gleitet mit kurzen Bewegungen unter das Fell. Der Kopf, der Bauch, die Beine und – ganz wichtig – das Schwänzchen dürfen nicht vergessen werden. Scheinbar wie von selbst wird das Schaf nackig gemacht und Schäfermeister Hoss achtet peinlich darauf, das Tier sauber zu scheren und nicht zu verletzen: „Wenn ich irgendwo nicht richtig geschoren habe, dann sieht das der Schäfer sofort – und das wächst sich auch nicht aus. Da ärgert man sich das ganze Jahr drüber“, erzählt Hoss.

Also, bitte akkurat arbeiten! Schäfermeister Hoss macht seine Arbeit auch mit 78 Jahren noch mit größter Hingabe. Ab und zu flucht er bei der Arbeit über die „verdammten Mistviecher“, aber das gehöre dazu. Wer stundenlang hochkonzentriert mit scharfen, rotierenden Scherblättern einem Tier zu Leibe rücken müsse, der entwickelt seine eigenen Formen der Entspannung: Fluchen als Stressabbau.

Am Niederrhein ist Hoss bekannt wie ein bunter Hund. Über 40 Jahre lang hat er auf Haus Riswick gearbeitet und dort die Schafzucht aufgebaut. Vom Scheren kommt er nicht mehr los. Das sei wie eine Sucht. Und natürlich weiß er, dass viele Hobbyschäfer auf seine Arbeit angewiesen sind – denn gute Scherer gibt es nicht wie Sand am Meer. Die Schafhaltung sei noch längst nicht ausgestorben. Im Gegenteil: „Die kleinen Halter mit drei bis vier Schafen nehmen eher zu“, sagt Hoss. Und das werde sich wohl auch nicht ändern, denn es gebe nach wie vor genügend Grünflächen, die für eine Kuhhaltung nicht geeignet sind.

Volle Konzentration

Und so fährt Schäfermeister Hoss in der Saison von Mitte April bis Ende Juni bis nach Krefeld und ins Münsterland, um dort den Schäfern zu helfen. Bis zu 100 Tiere am Tag schere er. Und auch wenn er es vermutlich nicht hören mag: Angesichts seines Alters ist das eine enorme Leistung. Denn die Schur ist echte Knochenarbeit: Sie kostet viel Muskelkraft, sie geht auf den Rücken, sie verlangt Ausdauer und volle Konzentration. Jedes Schaf ist anders: Das Fell ist mal fettig, mal stumpf, schwarze Wolle lässt sich im Dämmerlicht nur schwer von der Haut unterscheiden und immer wieder zappelt das ein oder andere Muttertier wild vor sich hin: „Verrecktes Vieh, bleib sitzen!“

„Der älteste Scherer soll 84 Jahre alt sein“, sagt Hoss. Und formuliert damit unausgesprochen einen Wunsch: Er könnte den Rekord des Guinessbuches durchaus knacken. Denn die Schafschur ist für ihn quasi ein Jungbrunnen und hält ihn fit – obwohl er vor gut zwölf Jahren bereits zwei Bandscheibenvorfälle hatte. „Danach habe ich erstmal für einige Jahre gar nichts mehr gemacht“, erzählt er. Bis ihm die Schermaschine zugerufen habe: „Willst Du wirklich nicht mehr?“ Friedhelm Hoss hat sich verführen lassen und steht jetzt wieder stundenlang in den Schafställen des Niederrheins.

Verletzungen sind Mangelware

Die Schäfer schätzen seine unkomplizierte Art, seinen Humor, seine lockeren Sprüche mit rheinischem Akzent. Denn Hoss stammt unüberhörbar aus dem Aachener Raum („Jüülisch“). Früher hat er bei Landesmeisterschaften im Schafscheren teilgenommen – ja, auch die gibt es – und regelmäßig ganz weit vorne gelegen. Heute sei er zwar nicht mehr der Schnellste, aber die Schafe honorieren seine saubere Schur – Verletzungen sind Mangelware. Zumindest bei den Schafen.

Er selbst weiß einige Schauergeschichten zu erzählen. Nicht umsonst trage er einen dicken Lederhandschuh: „Wenn man die Maschine mal unterm Fingernagel gehabt hat, dann weiß man, was Schmerzen sind“, sagt er mit einem Lächeln. Aber aufhören? I wo. „Weiter geht es!" Das Schaf muss blank. Auch wenn sich manche Geschichte lustig anhören mag, die Schur kann gefährlich sein. Ein Kollege habe im vergangenen Monat die ganze Kraft eines Schafes zu spüren bekommen. Mit voller Wucht sei es gegen seinen Unterkiefer gesprungen und habe das Gesicht entstellt. Da höre dann der Spaß auf.

Nach zwei Wochen kommt etwas Fell wieder

Und die Wolle? „Die ist heute nur noch wenig wert“, erzählt Schäfer Gerd Crins. Ein niederländischer Händler kaufe die gestopften Ballen auf und verschiffe diese nach China. Dort werde die Wolle gewaschen und dann verkauft.

Schäfermeister Hoss ist nach gut sechs Stunden fertig. Die Herde hat jetzt wieder für ein Jahr Ruhe und läuft fortan nackig über die Deiche. Aber schämen müssen sie sich nicht lange: „Nach gut zwei Wochen haben sie wieder etwas Fell“.

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