Heimat

Frisch Gezapftes bei „Regi“ Evers in Hommersum

Immer schick und gut gelaunt: „Regi“ Evers, die 87-jährige Wirtin aus Hommersum, an ihrem Tresen.

Immer schick und gut gelaunt: „Regi“ Evers, die 87-jährige Wirtin aus Hommersum, an ihrem Tresen.

Foto: mvo

Goch-Hommersum.  Sie hat ihr ganzes Leben im Dorf verbracht. Regina Evers führt Hommersums einzige Gaststätte. Und die 87-Jährige macht einfach weiter.

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Letztens kam ein Radfahrer in ihre Wirtschaft und drückte seine Begeisterung darüber aus, dass er in Hommersum eine Erfrischung bekommen konnte. In Donsbrüggen nämlich, wo er zu Hause sei, gebe es gar keine Kneipe mehr. Das sei schlimm, für Einwohner wie für Besucher. „Ich höre das von den Hommersumern auch öfter mal: ,Wenn Du es nicht mehr machst, haben wir hier im Dorf nichts mehr.’“ Von Arzt, Schule oder Geschäft redet ja schon längst niemand mehr. Die Gaststätte Evers ist der einzige Ort, an dem ein Hommersumer vielleicht mal einen Bekannten treffen kann. Oder wo der Ausflügler ein Getränk bekommt.

Jeden Vormittag Frühschoppen

An der Huyskensstraße, Ecke Viller liegt das Haus aus den 30er Jahren, in dem früher Hanna Evers hinter der Theke stand. Deren Eltern hatten die Gastwirtschaft 1899 im Gebäude nebenan gegründet. „Es lief immer gut, früher kamen die Männer nach der Arbeit vorbei, es gab jeden Vormittag einen Frühschoppen und am Sonntag sowieso“, erzählt die heutige Inhaberin. Anders als ihre Mutter hat sie keine Tochter, der sie die Gaststätte überlassen kann, denn „Regi“ ist immer unverheiratet und kinderlos geblieben. Inzwischen ist sie 87 Jahre alt und denkt zum Glück für die Hommersumer derzeit noch nicht übers Aufhören nach.

Aus Pflichtgefühl macht sie weiter

Mit einer Geschäftsfrau diesen Alters darf man ruhig über die Frage sprechen, was denn sein wird, wenn’s mal nicht mehr geht. „Ich wüsste nicht, wer hier weitermachen wollte. Ich habe die Wirtschaft ja selbst eher aus Pflichtgefühl übernommen. Meine Mutter war Wirtin mit Leib und Seele, und obwohl sie acht Söhne hatte, wollte keiner die Kneipe fortführen.“ Da nutzte es nichts, dass Regina eigentlich gerne weiter als Bäckereifachverkäuferin im Nachbardorf gearbeitet hätte. Der Vater der zehn Evers-Kinder war nicht lange nach dem Krieg mit 45 Jahren gestorben, Mutter brauchte Hilfe. „Die Entscheidung war dann auch in Ordnung, ich war zufrieden“, versichert die alte Dame.

Zumal sie den Betrieb in einer Weise führt, der keine allzu große Mühe macht und wenig Kosten verursacht. „Meine Mutter wollte damals zum Beispiel eine Kegelbahn bauen, das war so eine Mode in den 70ern. Ich hab’ das abgelehnt, was richtig war, denn heute will niemand mehr kegeln.“ Regina Evers muss auch keine großen Vorräte haben, denn bei ihr gibt es nur Getränke. „Früher hab’ ich auch Frikadellen und Koteletts gebraten, aber das tu ich schon lange nicht mehr. Die Leute essen alle zu Hause.“ Dabei weiß sie, dass mancher Bürger es schön fände, an Hommersums zentralem Platz an der Kendel ein nettes Speiselokal zu haben. Aber sie selbst könne diese Neuausrichtung nicht mehr stemmen.

Donnerstags ist Ruhetag

„Regi“ hat sich Arbeit und Privates so eingerichtet, dass sie weitgehend alleine zurecht kommt. An den Wochenenden hilft ihr ein Mädchen, während der Woche schmeißt sie den Laden allein. „Donnerstags ist Ruhetag, den brauch’ ich zum Einkaufen“, erklärt sie. Seit die 87-Jährige kein Auto mehr hat (was sie bedauert, aber eben doch richtig findet), hilft ihr eine Frau vom Pflegedienst bei den Besorgungen. Eine schlecht sitzende Hüftprothese macht ihr das Gehen schwer. Aber mit Hilfe ihres Rollators schafft sie die kurzen Wege von der Theke bis in ihre Wohnräume. Hommersumer wissen, dass sie rufen dürfen und es schon mal einen Moment dauert, bis die Wirtin erscheint.

Es nutzt kein Verein mehr ihr Haus

In der Gaststube steht ein moderner Kicker, „den schönen alten habe wir irgendwann mal im Internet versteigert“, ärgert sich die Hommersumerin. Ihr Kicker-Club, dessen Pokale noch alle im Regal über der Theke stehen, wollte einen neuen haben, inzwischen hat sich die Gruppe aufgelöst. Wie auch sonst kein Verein mehr ins Haus kommt. „Früher hat hier mal der Kirchenchor geprobt, und nach der Messe brauchte ich drei, vier Tische für den Frühschoppen“, erinnert sie sich. Doppelkopfrunden, bei denen Hanna Evers noch in hohen Jahren gerne mitspielte (sie starb 1992), waren ebenfalls an der Tagesordnung.

Getränke müssen abgeholt werden

Heute kommen nur noch vereinzelte Gäste, am ehesten bei schönem Wetter am Wochenende die Fietser. „Aber ich bringe nichts mehr nach draußen, ihre Getränke müssen sich die Leute schon drinnen abholen“, erklärt Regi. Oder das Eis am Stiel, das sie für Kinder immer vorhält. Wenn Hommersumer den kleinen oder großen Saal für eine Familienfeier nutzen möchten, wird ein Caterer bestellt.

Sie lernt noch eine neue Servicekraft an

Mit der Wirtschaft hatte Regis Mutter im Keller des im Krieg stark beschädigten Hauses begonnen – die Einschläge der Granaten in der Fassade sind noch heute zu sehen. „Mutter und wir zwei Mädchen wohnten damals auch im Keller, die Jungs waren auf die Verwandtschaft verteilt“, erinnert sich die Hommersumerin. Unvorstellbar sei das heute, wie eine verwitwete Mutter von zehn Kindern überhaupt über die Runden kam. Guter Zusammenhalt in der Großfamilie habe geholfen. Noch vor wenigen Jahren, als Hommersums Wirtin wegen ihrer schlimmen Hüfte mal in die Reha musste, vertraten ihre Geschwister sie an der Theke. Zurzeit kommt sie alleine gut klar. „Allerdings muss ich eine Service-Kraft anlernen, weil die bisherige jetzt mit dem Studium beginnt“, erzählt Regi. Sonntags wird das Pils dann wohl auch wieder draußen serviert.

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