Erster Weltkrieg

Früher war nichts besser

Das Gruppenfoto der Fußballsportler entstand 1907 zur Erinnerung an das "Propaganda-Fußballwettspiel des Vereins für Bewegungsspiele 1903 Cleve in Goch und die damit verbundene Gründung des Vereins für Bewegungsspiele von 1907 Goch.

Das Gruppenfoto der Fußballsportler entstand 1907 zur Erinnerung an das "Propaganda-Fußballwettspiel des Vereins für Bewegungsspiele 1903 Cleve in Goch und die damit verbundene Gründung des Vereins für Bewegungsspiele von 1907 Goch.

Foto: NRZ

Goch.  Für eine Ausstellungsreihe im Steintor hat Hans-Joachim Koepp tief in den Alltag der Gocher vor dem Ersten Weltkrieg geblickt

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Die durchschnittliche Gocher Arbeiterfamilie war vor dem Ersten Weltkrieg in Goch reich gesegnet mit Kindern. „So acht bis 18“, hat Stadtarchivar Hans-Joachim Koepp herausgefunden, der das Leben der Menschen um die Jahrhundertwende und bis zum 1. August 1914 durchleuchtet und auf 57 Plakaten sehenswert zusammengetragen hat. Zu sehen ab Sonntag als Auftakt zur Ausstellungsreihe, die die Geschichte vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg (August 1914 bis November 1918) im Niersstädtchen erzählen wird.

22 Pfennig für 60 Stunden Arbeit

Für die durchschnittlichen Arbeiterfamilie war das Leben im Kaiserreich alles andere als ein Vergnügen. Der Stundenlohn bei 60 bis 65 harten Arbeitsstunden pro Woche lag im Jahr 1891 bei gerade mal 22 Pfennig. Miete verschlang 2,30, Heizung 1,50, und Essen 11 Mark. Das Leben war gefährlich – viele Männer kamen bei Zugunfällen ums Leben – fast jede Fabrik und Werkstatt hatte einen Gleisanschluss. Sie hinterließen jede Menge hungriger Mäuler. Oder gerieten nicht selten an den Suff und wurden dann, wenn sie dreimal auffällig geworden waren, öffentlich als Trunkenbold angeprangert und registriert.

Den Frauen gestand man Kinder, Küche und Kirche zu – das war’s. „Winkelhurerei“ (Straßenprostitution) war verboten. Auch in wilder Ehe durften Mann und Frau nicht zusammen wohnen. Kindern war das Rauchen nicht erlaubt. Aber das Arbeiten: starb der Vater, mussten die Kinder das Geld ranschaffen. Noch 1917 schufteten Achtjährige in Zigarrenfabriken. Oder hüteten das Vieh und ertranken nicht selten in der Niers, wo die Tiere getränkt und die Wäsche gewaschen wurde. „Schwimmen konnte damals keiner, auch war die Niers chemikalisch verseucht durch die Krefelder Gerbereien“, weiß Koepp. Immerhin erkannten die Menschen die Gefahren am teils nur knietiefen Fluss und hoben 1910 die Niersbadeanstalt aus der Taufe. Da lernten dann Männer und Frauen züchtig getrennt das Schwimmen.

Das Einkaufen in den zahlreichen Geschäften und Betrieben konnten sich die Arbeiterfamilien kaum leisten. Wählen sowieso nicht. „Denn es galt das Drei-Klassen-Wahlrecht. Das bedeutete, dass diejenigen das meiste Stimmrecht hatten, die viel Steuern zahlten. Insgesamt waren allenfalls zehn Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt“, erklärt Koepp. Ziemlich sicher aber fanden die Arbeiter ein wenig Zerstreuung in einem der zahlreichen Ziegenzuchtvereine. Denn Ziegen waren die Kühe des kleinen Mannes und halfen die Familien zu ernähren.

Und es gab jede Menge Waldbeeren, weil die Wälder damals noch sehr licht waren. Kartoffelferien gab’s noch nicht, aber Waldbeerenferien, damit die Familien ernten konnten.

Die besser Verdienenden hatten ganz andere Sorgen. Beispielsweise die, in welches der 45 Restaurants sie gehen oder welchen Rauchclub sie besuchen sollten. „Lange Spitze“, „Volldampf“ und Co. standen zur Auswahl. Oder wo die Kinder in Marineuniform und mit geschultertem Gewehr Krieg spielen konnten. „Das war beliebt, auch in den Sportvereinen.“

Und auch das gab’s damals schon: der Vorläufer des Werberings, der „Rabattverein“, warb mit „Freikarten für die Bahn ab einem Einkauf von 20 Mark“ für die Einkaufsstadt Goch.

Diese und viele andere Geschichten aus der Vorkriegszeit, der Kaiserzeit, hat Hans-Joachim Koepp zusammengetragen und mit vielen Fotos geschmückt. Zu sehen ab Sonntag, 19. Januar. Die Ausstellung ist eine Kooperation von Heimatverein Goch und Stadtarchiv und im Treffpunkt Steintor jeden ersten und dritten Sonntag von 15 - 17 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Zur Ausstellung hält Stadtarchivar Koepp auch einen Vortrag bei der VHS im Langenbergzentrum am Donnerstag, 20. Februar, von 19.30 bis 21 Uhr.

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