Quartiersentwicklung

Ideen für eine Folgenutzung der Gocher Liebfrauenkirche

Blick auf die Liebfrauenkirche in Goch.

Blick auf die Liebfrauenkirche in Goch.

Foto: eve

Die Vorarbeit für eine neue Nutzung der Liebfrauenkirche in Goch ist abgeschlossen. Um das profanierte Gebäude soll sich ein Quartier entwickeln.

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Die Kirchengemeinde ist der Eigentümer. Wenn sie entschieden hat, dass die Immobilie, die einst Gochs Liebfrauenkirche war, erhalten und einer neuen Nutzung zugeführt werden soll, dann ist ein wesentlicher Verfahrensschritt schon erreicht. Der nächste scheint schwieriger und hat acht Jahre Vorarbeit gebraucht: Welche Zukunft ist für das geschichtsträchtige Gebäude denkbar und wünschenswert? Eines will die Kirchengemeinde laut Johannes Bellen, dem Vorsitzenden des Kirchenvorstands, nicht: irgend einem Investor Gebäude und Gelände überlassen, damit er es unter Rendite-Gesichtspunkten bebaut.

Diese Gedanken sind es, die den Gocher Architekten Klaus Völling und seinen Kollegen Prof. Hannes Hermanns aus Kleve seit inzwischen acht Jahren mal mehr mal weniger intensiv beschäftigen. „Es gab einige Verzögerungen, die mit der Frage nach Zuständigkeiten und personellem Wechsel zu tun hatten, aber inzwischen sind unsere Vorüberlegungen abgeschlossen“, sagt Klaus Völling.

Wohnen im alten Kirchengebäude

Am wichtigsten sei gewesen, sich ein klares Bild von der Gebäudehülle zu machen und herauszufinden, wie sich diese „besondere Immobilie“ energetisch ertüchtigen lässt. Dabei half Prof. Günter Pfeifer, der an der Universität Darmstadt Kybernetik lehrt und überzeugt davon sei, die Gebäudehülle „mit vertretbarem Aufwand“ für eine Wohnnutzung aufbereiten zu können. Zumal ja nicht das ganze Gebäude zu Zwecken des Wohnens herhalten müsse. Nach dem „Haus-im-Haus-Prinzip“ wäre es auch möglich, Wohnbereiche, Flure, Treppenhäuser und Aufzüge unterschiedlich zu beheizen.

Klar ist, dass die Südseite der früheren Kirche (zum Garten hin) eine große Glasfassade bräuchte, damit die Wohnräume Tageslicht bekämen. „Das ist mit dem Denkmalschutz abgestimmt. Wir klären jeden Schritt einzeln mit der Denkmalbehörde, um da keine Probleme zu bekommen“, erklärt Martin Jürgens, der Vorsitzende des Bau- und Liegenschaftsausschusses im Kirchenvorstand. Erst später werde festgelegt, welche Bereiche als Denkmal eingetragen werden – bisher steht das Gebäude nicht unter Denkmalschutz, gilt aber als denkmalwürdig.

Liebfrauenkirche wurde 1933 geweiht

Die Liebfrauenkirche war ein eher junges Gotteshaus, 1933 wurde sie geweiht, in dem Jahr also, als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Kirche und Gläubige setzten damals – im vermutlich letzten Moment, in dem das noch möglich war – ein Zeichen gegen die religionsfeindliche Einstellung der neuen Machthaber. 65 Jahre später war Schluss mit Gottesdiensten an der Kalkarer Straße, trotz erheblichen Bürgerprotests wurde die Kirche profaniert.

Seit 2009 steht sie da in der Straßenkurve, bietet in ihrem Untergeschoss Flüchtlingen Asyl und im Nebengebäude einer Außenwohngruppe des Anna-Stifts ein Zuhause. Aber der Großteil des Gebäudes und das große Grundstück warten seitdem auf eine Folgenutzung.

Pfarrer Roberto Alda war damals noch nicht in Goch und blickt eher nüchtern auf das Thema. „Das Sakrale hat die Mauern verlassen und lebt jetzt in den Herzen der Gläubigen fort.“ Für Architekt Völling hat die einstige Liebfrauenkirche dennoch einen „Mehrwert“ neben Steinen und Fläche: „Es geht um Heimat, um Erinnerung, um Identität.“ Johannes Bellen ergänzt, die Kirche habe vielen Menschen Halt und Orientierung gegeben In diesem Sinne müsse das Gebäude in die Zukunft geführt werden.

Termin beim Bürgermeister

Es soll die symbolische Mitte des Stadtteils werden, der in wenigen Jahren durch die Schließung des Bahnübergangs an der Kalkarer Straße (für den Autoverkehr) abgehängt zu werden droht. Und dass die Kalkarer Straße mit diversen Leerständen, einem schmuddeligen Bahnumfeld und renovierungsbedürftigen Häusern eine Attraktivierung dringend nötig hat, wird jeder Gocher unterschreiben.

Die Kirchenvertreter und Architekten haben einen Termin beim Gocher Bürgermeister, um mit ihm über die städtebauliche Bedeutung des Projekts zu sprechen. Denn wenn die Stadt auch nicht Eigentümer der Immobilie oder der Fläche ist: Sie muss einen Bebauungsplan aufstellen und hat vermutlich auch großes Interesse an einem aufgewerteten Quartier.

Nicht komplett unter Denkmalschutz

Damit die Nutzung des Kirchenraums überhaupt wirtschaftlich möglich wird, scheint klar, dass die angrenzenden Flächen der Wohnbebauung zugeführt werden müssen. Und jede Nutzung, die innen denkbar ist, braucht Tageslicht. Deshalb ist es gut, dass das Gebäude – obwohl das viele engagierte Gocher verlangten – damals nicht komplett unter Denkmalschutz gestellt wurde, finden die heutigen Akteure. Sie könnten sich vorstellen, dass die Stadtbücherei, die derzeit an der Pfalzdorfer Straße in einer energetisch problematischen Immobilie untergebracht ist, in einen Teil des Gebäudes – etwa den Chorraum – einziehen könnte. Oder sogar die Volkshochschule, wenn die nicht auf Dauer in der Pfalzdorfer Schule bleiben wollte.

„Es ist so viel Platz da, dass eine vielseitige Nutzung möglich wäre. Auch ein Café nach vorne raus wäre gut machbar“, sagt Völling. Architekt Hermanns findet, dass „die Zeichenhaftigkeit des Bauwerks nach Inhalt sucht“, was heißen soll, dass eine öffentliche Nutzung in Richtung Bildung, Gemeinsamkeit, Kultur wünschenswert wäre.

Egal ob die Kirche mit der Stadt, mit einem Wohlfahrtsverband oder einem anderen Investor bald konkreter plant: In jedem Fall gebe es für die Quartiersentwicklung eine Förderung durch das Land, wissen die Betreiber.

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