Coronakrise

Katharina darf in Goch endlich wieder zur Förderschule

Mutter Beumeler mit Tochter Katharina im Traumschwinger.

Mutter Beumeler mit Tochter Katharina im Traumschwinger.

Foto: Evers,

Goch-Hassum.  Seit Mitte März warten die geistig und körperlich behinderte Zwölfjährige und ihre Familie darauf, dass endlich wieder die Förderschule öffnet.

Ihr geht es wie allen anderen Kindern und Jugendlichen: Viele Wochen lang fand keine Schule statt, sie hat ihre Freunde nicht gesehen, die Lehrer nicht, war komplett auf die eigene Familie gestellt. Ab dem heutigen Freitag wird sich das wieder ändern, und Mutter Beumeler ist sicher, dass ihre Tochter sich darauf freut. Fragen kann sie sie nicht, zumindest wird sie keine Antwort im üblichen Sinn bekommen, denn Katharina ist geistig und körperlich schwerbehindert. Seit Mitte März musste die Hassumer Familie nicht nur auf die Entlastung durch die Schule verzichten, sondern auch auf alle anderen Helfer, die ihren Alltag sonst erleichtern.

Die ÄÖrzte attestierten nach der Geburt eine „globale Entwicklungsstörung“

Die heute Zwölfjährige war erst wenige Monate alt, als die Eltern bemerkten, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Die Beeinträchtigung hatte bald einen Namen: „Globale Entwicklungsstörung“, vermutlich genetisch bedingt. Das Syndrom umfasst starke geistige und körperliche Handicaps. Katharina kann nicht laufen, nicht essen, nicht sprechen, aber sie ist ein fröhliches, zufriedenes Kind. Wenn ihre Mutter sie in die große Vogelnest-Schaukel im Wohnzimmer legt, lächelt sie, greift nach Spielsachen, die Geräusche machen, ist entspannt.

Dagmar Beumeler ist in Teilzeit als kaufmännische Angestellte tätig, kann zum Glück dauerhaft im Homeoffice arbeiten; sie hat einen verständnisvollen Arbeitgeber. „Jetzt musste ich aber doch Urlaub nehmen, denn wegen Corona sind alle anderen Betreuer, die uns sonst unterstützen, weggefallen. Mein Mann arbeitet auswärts, die Großeltern einzusetzen kommt wegen des Infektionsrisikos nicht in Frage, zwei junge Frauen, die sonst stundenweise kommen, um sich mit Katharina zu beschäftigen, wurden auf später vertröstet.“

Zwei Kurzzeitpflegeeinrichtungen, die es dem Ehepaar ermöglichen, ein paar mal im Jahr für einige Tage auszuspannen, waren genauso geschlossen wie die Schule. „Katharina fehlten natürlich auch ihre Physiotherapie und Logopädie, die sie sonst in der Schule bekommt. Wir haben das in Eigenregie wieder aufgenommen, ebenso wie ihre Reittherapie, die ihr gut tut.“

Wie an allen Schulen findet auch in Haus Freudenberg der Unterricht erst einmal nur an einzelnen Tagen statt

Dagmar Beumeler ist Tag und Nacht für ihr Kind da. Ihr 15-jähriger Sohn, der sich zum Glück gut selbst beschäftigen kann, vertritt sie ab und zu, wenn mal Besorgungen nötig sind. Und das wird auch noch eine Weile so weitergehen, denn wie an allen Schulen findet auch in Haus Freudenberg der Unterricht erst einmal nur an einzelnen Tagen statt. „Immerhin hat die Kurzzeitpflege mitgeteilt, dass sie in den Sommerferien 14 Tage zur Verfügung steht. Leider muss Katharina auf ein anderes Angebot verzichten, an dem sie schon mehrfach teilgenommen hat: die Stadtranderholung für mehrfachbehinderte Kinder aus dem Kreis Kleve.“

Schon vor Wochen hatte der Kreis mitgeteilt, dass in diesem Jahr die Ferienmaßnahmen in Wissel und am Eyller See nicht durchgeführt werden, ebenso wurde die Freizeit für die behinderten Kinder Opfer der Corona-Umstände. „Darüber waren wir sehr, sehr traurig, denn die Betreuer sorgen immer für eine tolle Zeit, sind sehr engagiert und liebevoll – Katharina hat sich dort jedes Mal sehr wohl gefühlt“.

Die Eltern haben keine Aussicht auf Entlastung

Für die Eltern bedeutet dies, keine Aussicht auf Entlastung zu haben. „Uns geht es ja noch gut, wir haben die Familie, viel Platz und einen Garten. Viel schwieriger ist es für allein erziehende Eltern, für Familien, die sehr beengt wohnen oder aufgrund von Kurzarbeit oder Jobverlust finanzielle Engpässe haben“, sagt Dagmar Beumeler. Zumal nicht jedes behinderte Kind so „pflegeleicht“ ist wie Katharina, die keine Neigung zu Aggression hat, nicht tobt und schreit. Doch selbst dieses liebe Mädchen zu versorgen wird immer anstrengender. Sie ist normal groß und schwer und hat einen altersgemäß zu erwartenden Dickkopf – „ein Teenie eben“, sagt die Mama nachsichtig lächelnd.

Dass heute die Schule wieder beginnt, sei ein „Lichtblick“ für beide Seiten. Denn so wie Dagmar Beumeler mal wieder etwas Zeit für sich braucht, sei es auch für ihre Tochter nicht gut, immer nur die Mutter um sich zu haben. Deshalb ist der Schritt zurück in die Normalität, auf die so lange verzichtet werden musste, hochwillkommen.

Das ist die Schule Haus Freudenberg

Die Schule Haus Freudenberg ist eine Förderschule des Kreises. Das Förderangebot richtet sich an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die in ihrer gesamten Persönlichkeitsentwicklung erheblich beein­trächtigt sind.

Pro Klasse arbeiten ein Sonderpädagoge und Fachlehrer. Unterstützt werden sie durch Krankenschwestern, Pflegekräfte und Integrationshelfer. Fachpersonal leistet Therapiearbeit. Infos auf der Homepage: www.schule-haus-freudenberg.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben