Portrait

Kleve: Menschliche Klangfantasie aus dem Schloss

Dieter Schlensog betreibt ein kleines Aufnahmestudio auf Schloss Gnadenthal in Kleve.

Dieter Schlensog betreibt ein kleines Aufnahmestudio auf Schloss Gnadenthal in Kleve.

Foto: Andreas Daams

Kleve.  Dieter Schlensog betreibt ein kleines Aufnahmestudio auf Schloss Gnadenthal in Kleve. In seinem Label „Nurnichtnur“ sind 250 CDs erschienen.

Prüfungen seien nie so sein Ding gewesen, sagt Dieter Schlensog. Deshalb habe er auch keinen Führerschein. Das Abitur, ja, das habe er notgedrungen noch gemacht. Aber danach war er mit dem Thema durch. Dieter Schlensog ist ein ruhiger Mensch mit einer tiefen, sonoren Stimme. Gesungen hat er auch mal in einer Band. Überhaupt hat ihn vieles bewegt in all der Zeit, so wie er auch vieles bewegt hat.

Ein kleines, feines Musikstudio mit einer Aufnahmekabine

Schlensog sitzt in seinem Studio, einem Raum im paradiesisch ruhigen Schloss Gnadenthal vor Donsbrüggen. Es ist ein kleines, feines Musikstudio mit einer Aufnahmekabine, in die ein, zwei Musiker hineinpassen. „Nurnichtnur“ heißt sein Label, in dem bis jetzt etwa 250 CDs erschienen sind. Er macht das seit Jahrzehnten nebenbei, hauptberuflich arbeitet er im Tagungshotel Schloss Gnadenthal.

„Ich wohne hier seit 40 Jahren im selben Raum“, erzählt er. Damals kam er aus Bielefeld nach Kleve, auf der Suche nach einer ihm gemäßen Existenzweise. Einen Job im öffentlichen Dienst hatte er zuvor gekündigt. Es waren die 70er Jahre, Schlensog hatte Joseph-Beuys-Schüler an der Kunstakademie Düsseldorf werden sollen, aber dann entließ Johannes Rau den Künstler, den – Ironie des Schicksals – so viel mit Schloss Gnadenthal verband. Schlensog jobbte in Bielefeld, studierte einige Semester und machte Musik. „Wir nannten das Free Jazz“, sagt er. Kräftiges, energetisches Klavierspiel, dazu Saxophon, Geige und Percussion. Er spielte aber auch in einer Deutsch-Rock-Band, kostümiert, es waren halt die 70er.

Dann stieß er auf eine Initiative einiger Bielefelder Leute. Die wollten eine Art Landkommune mit Bildungshaus gründen und suchten Mitstreiter. Sie hatten das leerstehende Schloss Gnadenthal gefunden. „Ich las auf einem Flugblatt im Kulturverein davon“, erinnert sich Schlensog. Er ging mit.

Er gründete die experimentelle Künstlergruppe „Heinrich Mucken“ mit

In Kleve suchte er dann per Kleinanzeige Teilnehmer für einen Workshop „Experimentelle Musik“. Tatsächlich fand sich ein Kreis Interessierter, mit denen er dann später die experimentelle Künstlergruppe „Heinrich Mucken“ gründete.

„Ich war immer derjenige, der die Sachen aufgenommen hat, schon in meinen Bielefelder Zeiten“, sagt Schlensog. Ein kleines Erbe ermöglichte ihm dann, das nötige Equipment für ein Studio anzuschaffen. „Zwei Jahre lang habe ich nur in den Bedienungsanleitungen gelesen, um das alles zu verstehen“, sagt er lachend. Statt seine eigenen Musikideen aufzunehmen, machte er bald Aufnahmen für den Bekanntenkreis. „Ich habe mich dann gefragt, wer die CDs eigentlich haben will – so bin ich dazu gekommen, den Vertrieb selber zu machen.“ Kein leichtes Unterfangen, schließlich war und ist der Interessentenkreis für experimentelle Musik zwar international, aber überschaubar. „Und damals gab es ja noch kein Internet, das erleichtert die Sache heute ja sehr“, findet Schlensog. Anfang der 90er Jahre entstand dann sein Label. Hier erschienen auch CDs, die er nicht selber aufnahm, die er aber vertrieb, weil die Künstler auf ihn aufmerksam geworden waren: „Mit der Zeit habe ich mir einen gewissen Ruf geschaffen.“

Aufnahmen digitalisieren – Schallplatten, CDs und Kassetten

Heute nutzt er das Studio vor allem, um alte Aufnahmen zu digitalisieren. Schallplatten und CDs sind schon weg, jetzt kommen die Kassetten dran. All seine Musik lagert heute auf einer großen Festplatte. Gut gesichert. Im Internet kann man in manche alte und neue Aufnahme reinhören. Die Aufnahmen zeigen, wie unglaublich vielfältig die menschliche Klangfantasie ist. Bleibt zu hoffen, dass noch so manches dazukommt.

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