Kinder

Kreis Kleve: Welche Familie passt zum Kind?

v.l. Renate Schuler, Tobias Zech, Sascha Labohm, Nicole Wagener von der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Context am Veenweg in Kalkar-Appeldorn.

v.l. Renate Schuler, Tobias Zech, Sascha Labohm, Nicole Wagener von der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Context am Veenweg in Kalkar-Appeldorn.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kreis Kleve.  Kalkar, Kleve, Bocholt und mehr: „Context e.V.“ schult als einziger mit TÜV-Zertifikat Erziehungsstellen. Es dürfen gern „Regenbogeneltern“ sein.

„Das ist eine Entscheidung fürs Leben“, weiß Sozialpädagoge Tobias Zech – die Entscheidung, liebevolle Erziehungsstelle für ein fremdes Kind zu werden. Der gemeinnützige Verein „Context“, dessen Vorsitzender er ist, hat als freier Träger in der Kinder- und Jugendhilfe den Inhalt, künftige Erziehende zu qualifizieren. Jugendämter in bisher rund 40 Städten in NRW und darüber hinaus sind für „Context“ die Auftraggeber. Manchmal kooperieren sie auch mit dem Kreis Kleve. Ihr Hauptsitz ist im beschaulichen Kalkar-Appeldorn. In einem sympathischen Haus, das familiär und herzlich wirkt. Zweigstellen und Beratung betreibt Context mit 57 Mitarbeitern auch in Kleve, Geldern, Bocholt, Sonsbeck und Köln.

„Es sind Kinder aus prekären Situationen, die von Jugendämtern in Obhut genommen wurden, weil sie nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können. Der Verein vermittelt diese Kinder im Auftrag der Jugendämter in qualifizierte Pflegefamilien – sogenannte Erziehungsstellen –, die besonders geeignet sind, ihnen ein liebevolles und sicheres Zuhause zu geben,“ erklärt die pädagogische Leiterin Renate Schuler die staatliche Aufgabe der „Hilfe zur Erziehung“.

Das einzige TÜV-Zertifikat bundesweit

Der Verein „Context“ hat es jetzt schriftlich, dass er hervorragende Arbeit leistet darin, Familien, Paare, Alleinerziehende vorzubereiten, weiter zu bilden und zu begleiten, um ein gutes Zuhause zu sein. Context ist nach jetzigem Kenntnisstand der einzige Träger bundesweit, dem für die Schulung neuer Bewerberfamilien ein TÜV-Zertifikat nach „ISO 29993 : 2017“ verliehen wurde, so Schuler. Es garantiert, dass die Bildungsdienstleistungen nach festgelegten Kriterien geplant, durchgeführt und evaluiert werden. Ina Garroth vom TÜV-Nord lobte dabei die hohe Fachlichkeit der Arbeit.

Es können sich auch homo- und transsexuelle Paare sowie Alleinziehende bewerben

Die Perspektive ist immer die aus den Augen des Kindes, beschreibt Tobias Zech: Welche Familie passt zum Kind? Bodenständige oder feinfühlige? Ganz ruhige ohne Aufregung oder solche mit großem Garten zum Toben? Mit oder ohne Geschwister? Ausdrücklich können sich auch homo- und transsexuelle Menschen bzw. Paare sowie Alleinziehende bewerben. „Eine Regenbogenfamilie kann genau die richtige Antwort für ein Kind sein,“ das beispielsweise Gewalterfahrung nur durch Männer oder nur durch Frauen erlebt hat, erklärt Renate Schuler, die auch Systemische Familientherapeutin ist. Manche Kinder waren in ihren Herkunftsfamilien früh in die Elternrolle geschlüpft, bei manchen leidet die Mutter unter Depression oder Suchterkrankung.

Obendrein gilt zwar grundsätzlich unter Fachleuten die „Hamburger Regel“, dass der Altersunterschied zwischen Kind und Erziehendem maximal 50 Jahre betragen solle, aber manchmal füllen deutlich Ältere mit großelterlicher Gelassenheit die Rolle besser aus, beschreibt Tobias Zech.

Neue Erziehungs-Stellen für Kinder zwischen Null und etwa zwölf Jahren werden immer gesucht. Mitarbeitende von Context verschaffen sich bei den künftig belastbaren Beziehungspersonen vor Ort einen Eindruck. Um Bewerberinnen und Bewerber mit großem Herzen für ihre anspruchsvolle Aufgabe zu stärken, folgen qualifizierte Schulungen (zum Beispiel Traumatherapie) in neun verschiedenen Modulen – was der TÜV-Nord lobte. Neben dem Kindeswohl kümmert sich Context e.V. um die pädagogische Unterstützung der Erziehungsstellenfamilien, damit sie den Kindern „ein stabiles und achtsames Lebensumfeld bieten können,“ so Mitarbeiterin Nicole Wagener.

Erst ein unverbindlicher Informationsabend, dann Schulung und Begleitung

Ein unverbindlicher Informationsabend geht für alle voraus, dann folgen Hausbesuche, um individuelle Fragen zu klären. „Viele haben Selbstzweifel und fragen sich: Bin ich überhaupt geeignet?“, erzählt Renate Schuler. Die Antwort von Tobias Zech ist dann oft: „Wir haben zwar noch kein Kind gefunden, das Sie braucht. Aber Sie werden generell gebraucht“. Ziel ist, dass die künftigen Erziehenden sagen: „Wir trauen es uns zu. Wir fühlen uns unterstützt“, beschreibt Fachbereichsleiter Sascha Labohm. Die Eltern sind außerdem untereinander vernetzt. „Das kann für sie entlastend sein“, weiß Labohm. „Es gibt Situationen, die man nicht verändern kann, die man aushalten muss“.

Es gibt regelmäßige Hilfeplangespräche mit Jugendämtern und den geprüften Familien, in Krisenzeiten häufig. Auf Vorfälle anderswo, die in die Schlagzeilen gerieten, antwortet Tobias Zech: „Wir nehmen uns Zeit, immer wieder nach den Kindern zu sehen und wie es der Familie geht.“ Sascha Labohm: „Das unterscheidet uns von anderen.“

Es war das Kunsthaus Davidu

Im Januar 2015 zog Context von Sonsbeck um nach Appeldorn in den Veenweg 4, den das Künstlerpaar Düve van Boggelen und Vincent Drost zum ‘Kunsthaus Davidu’ gemacht hatte. Die beiden reagierten auf die Interessenten mit der Aussage: „Wir verkaufen nur an euch,“ zitiert Zech lächelnd. Denn beide Künstler waren in Familien mit vielen Pflegekindern aufgewachsen. Der Garten am Veenweg bietet Platz zum Tomaten-Säen im Gewächshaus, Stockbrot-Backen an der Feuerstelle oder Lernen von Sozialkompetenz unter Fünf- bis Zwölfjährigen im „Piratenschiff“. „In diesem Haus stimmt die positive Energie“, sagt Zech.

Es bietet den geschützten Raum, der den Kindern auch bei Kontakt zu den leiblichen Eltern Sicherheit gibt. Viele der Mütter und Väter sind beteiligt, „dass ihr Kind an einem anderen Platz groß werden kann,“ beschreibt Sozialpädagoge Sascha Labohm. Und Context begleitet gegebenenfalls auch eine Rückführung in die Herkunftsfamilie. „Wenn wir das Gefühl haben, das Kind geht in eine gute Situation zurück, freuen wir uns über jeden solchen Fall“, sagt Labohm.

Auch die Verwaltungsmitarbeiter von Context stehen in engem Kontakt zu den Erziehungsstellen-Familien, beraten beispielsweise auch bei Anträgen. Eine Kooperation läuft mit der Fachhochschule Duisburg / Bachelor Soziale Arbeit. Zum Schutz der Kinder und der Familien, die sie aufnehmen, ist Context ausdrücklich nicht auf facebook vertreten.

Wer Kindern als Erziehungsstelle ein sicheres und liebevolles Zuhause geben möchte, findet Informationen unter und auf der Homepage www.context-ev.de.

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