Baugebiet in Goch

Künstlernamen prägen Neu-See-Land

Das Neu-See-Land in Goch ist beliebt bei jenen, die ein Haus am Wasser wollen.

Das Neu-See-Land in Goch ist beliebt bei jenen, die ein Haus am Wasser wollen.

Foto: Manuel Funda

Goch.  Viele Menschen im Gocher Neubaugebiet freuen sich an der Adresse „Seeallee“. Es gibt auch Straßennamen, die auf historische Personen verweisen.

Seit Leni Valk, dem jüdischen Mädchen, das 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde, ist Aenne Biermann die erste Frau aus Goch, nach der eine Straße benannt worden ist. Im großen Neubaugebiet „Neu-See-Land“ führt die Aenne-Biermann-Straße vom Emmericher Weg zum Kreisverkehr an der Verlängerung des Ostrings. Ob viele Anlieger und künftige Bewohner wissen, nach wem ihre Adresse benannt ist? Vermutlich nicht, und das dürfte auch auf einige weitere Straßen in den Neubaugebieten zutreffen.

Aenne Biermann war eine Fotografin der Neuen Sachlichkeit, die 1898 in Goch als Anna Sibylla Sternefeld geboren wurde. Ihr Vater war der jüdische Schuhfabrikant Fritz Sternefeld; der Sitz des Unternehmens befand sich auf der Fläche, auf der heute Kaufland angesiedelt ist. Aenne Biermann starb schon mit 34 Jahren, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, „an einem Lungenleiden“, wie es heißt.

Prägend für die 20er und 30er Jahre

Sie war nach der Heirat ihrem Mann nach Gera gefolgt und hatte sich als Autodidaktin bald einen Namen als Fotografin gemacht. Die Fotografie der 1920er und 30er-Jahre habe sie maßgeblich geprägt, würdigt das Folkwang-Museum. Porträts, Stillleben und die subjektive Betrachtung der unmittelbaren Alltagsumgebung bestimmten ihre Avantgardefotografie. Eine Ausstellung zu den Arbeiten der Gocherin gab’s in ihrer Heimatstadt noch nicht.

Anders als bei den übrigens Künstlern, an die einige weitere Straßen und Wege des Neubaugebiets erinnern. Da ist zum Beispiel der Rudolf-Schoffs-Weg, der nördlich von der Aenne-Biermann-Straße abzweigt. Prof. Schoofs wurde 1932 in Goch geboren und war ein namhafter Maler, Zeichner und Hochschullehrer. Nach dem Studium an der Werkkunstschule Krefeld widmete er sich der abstrakten Kunst, lebte, arbeitete und starb schließlich 2009. Er ist Träger des Ferdinand-Langenberg-Kulturpreises seiner Heimatstadt und mit vielen Arbeiten in den niederrheinischen Museen vertreten – natürlich auch in Goch, das 2009 ein Gedenkausstellung organisierte.

Gocher „Stadhuis“ sogar in Amsterdam zu sehen

Jan de Beijer, dem eine Stichstraße gewidmet wurde, stammt aus einer ganz anderen Zeit. Der Zeichner lebe im 18. Jahrhundert am linken Niederrhein, berühmt wurden vor allem die Kupferstiche von Stadtansichten und herrschaftlichen Häusern, die nach seinen Bildern entstanden. Jan de Beijers „Stadhuis te Goch“ von 1744 ist im Amsterdamer Reichsmuseum zu sehen. Auch das ehemalige Gocher Vosstor hat er gezeichnet.

Ferdinand Langenberg ist ein weiteres Sträßchen zugedacht worden, das darf ruhig klein sein, denn der Bildschnitzer, der die Neugotik in der Umgebung bestimmt, wird ja durch ein ganzes Gebäudeensemble in seiner Vaterstadt gewürdigt. Im Langenbergzentrum an der Roggenstraße ist bekanntlich die VHS ansässig. 1849 war Ferdinand Langenberg am Gocher Steintor geboren wurde, wo sein Vater, ein Kupferschläger, eine Werkstatt betrieb.

Die Hermann-Teuber-Straße grenzt an den neuen Aldi-Markt an der Pfalzdorfer Straße an und führt ebenfalls zum Emmericher Weg. Teuber ist nicht in Goch geboren, war aber Kunstlehrer in Gaesdonck. Er lebte von 1894 bis 1985; zunächst in Dresden, nach dem Zweiten Weltkrieg einige Jahre in Kalkar. Dort lernte Teuber auch die Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten kennen und gab ihnen Anregungen für den Aufbau ihrer Kunstsammlung. Insbesondere auf Joseph Beuys und Rudolf Schoofs soll er die Studenten aufmerksam gemacht haben. Arbeiten von Teuber hängen in Moyland, im Museum Kalkar und auch in Goch.

Wer am Bernd-Schulte-Weg lebt, hat die Bahn hinter sich und die Lagarden-Straße mit der Stadtbücherei vor sich liegen. Er sollte wissen, dass Bernd Schult ein Maler war, der 1908 in Köln geboren wurde und 1972 (nach einem Verkehrsunfall) in Kleve starb. Rheinlandschaften waren sein Haupt-Sujet, er gehörte dem Niederrheinischen Künstlerbund an, zu dem auch Schoofs und Teuber gehörten.

Gefährlicher rechter Haken

Übrigens: Die Lagarden-Straße, die zum Baugebiet 24 gehört, ist auch, was die Namensgebung anbelangt, keine Erweiterung des „Künstlerviertels“ nebenan. Sie erinnert an die Brüder Theo und Hermann-Josef Lagarden, die in den 50-er und 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Spitze im deutschen Boxsport zählten. In Fachkreisen soll der rechte Aufwärtshaken von Theo, dem Deutschen Meister im Halbmittelgewicht von 1962, legendär gewesen sein.

An wenige Frauen wird erinnert

Kulturchef: Der Chef der Gocher Kultourbühne, Stefan Mann, hat nach Absprache mit der Verwaltung die Namen für die neuen Straßen ausgesucht. Künstler mit lokalem Bezug sollten ausgewählt werden.Gesellschaft: Dass nur wenige Frauen berücksichtigt wurden, sei durchaus Thema gewesen. „Aber so ist eben die gesellschaftliche Realität. Nur wenige bereits verstorbene Frauen standen in der Öffentlichkeit. Das wird sich in den kommenden Jahrzehnten ändern“, ist der Museumsdirektor überzeugt.

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