Gaststätte

Marzian in Kranenburg-Mehr: Kneipe, Disco, Firma

Thomas Marzian betreibt in der ehemaligen Diskothek sein Unternehmen, die Gaststätte ist Geschichte.

Thomas Marzian betreibt in der ehemaligen Diskothek sein Unternehmen, die Gaststätte ist Geschichte.

Foto: Gottfried Evers

Kranenburg-Mehr.  Das Haus Marzian in Mehr hat eine bewegte Geschichte. 1993 war mit der Gastronomie Schluss. Jetzt werden hier Camping-Toiletten produziert.

In der Nähe der St. Martinus-Kirche und dem Friedhof mitten im kleinen Dörfchen an der Wibbeltstraße stand es – das Haus mit Gastwirtschaft, Poststelle und Lebensmittelgeschäft. Marzian in Mehr hat eine bewegte Geschichte, vielen ist der Name heute noch ein Begriff. Schon um die Jahrhundertwende 1900 befand sich die „Restauration Th. Gasseling“ innerhalb der Gemäuer, danach wurde das Gebäude mehrmals verkauft, ehe es von Johann Derks übernommen wurde. Bis 1955 blieb die Gaststätte und das Geschäft im Besitz der Familie Derks.

Dann aber verkaufte Frieda Jarosch, Tochter von Gerhard Derks, den Komplex an Otto und Margarethe Marzian aus Pont. Und auch hier sollte es familiär weitergehen: Sohn Peter führte mit seiner Frau Lucie die Gaststätte und den Laden bis 1993 weiter. Im Jahr 2000 erwarb Thomas Marzian, Sohn von Peter und Lucie, die Haushälfte nebenan und baute an Stelle des alten Hauses zweistöckig neu. Oben sind Wohnungen und unten die Produktionsräume seiner Firma Enigma, eine Firma für Reinigungsanlagen von Camping-Toiletten (die NRZ berichtete).

Treffpunkt für Frühschoppen

„Mein Vater hat mit meinem Opa die Gaststätte geführt. Meine Oma ist 1960 gestorben, und meine Mutter stand dann mit Schwiegervater, Schwager und Mann alleine da“, erzählt der 56-jährige Thomas Marzian. Im Gebäude befand sich ein Saal mit etwa 140 Sitzplätzen. 1975 übernahm Peter Marzian die Gaststätte und das Lebensmittelgeschäft, das hauptsächlich seine Frau führte. Bis Anfang der 1970er Jahre war die Kneipe ein beliebter Treffpunkt für einen Frühschoppen ab 11 Uhr. Sechs, sieben Männer, darunter der Mehrer Briefträger, Landwirte und Nachbarn trafen sich regelmäßig zu einem Plausch, um Neuigkeiten aus dem Dorfleben zu erfahren.

Die Familie Marzian hielt für betuchte Bauern aus der Umgebung ein so genanntes Herrenzimmer vor, in dem die Herrschaften Zigarren rauchten und sich bewirten ließen. Die jährliche Treibjagd der Mehrer Jäger endete mit Grünkohl und Mettwürstchen bei Marzian. Ebenso wurden im Saal Tanzabende veranstaltet. Wegen der Nachbarschaft zur Kirche und zum Friedhof fanden viele Beerdigungskaffees im Saal statt. Ein Beispiel: Nach der Beerdigung des Vaters des ehemaligen Mehrer Ortsvorstehers Hermann Baumeister quetschten sich 270 Leute in die Räume der Wirtschaft. Oben und unten, alles war besetzt mit Trauergästen.

500 Jugendliche kamen zur Disco ins kleine Mehr

Anfang der 1980er Jahre war die Gaststätte nur noch zweimal in der Woche geöffnet. Sonntags nach der Messe zum Frühschoppen und zunächst montags, später mittwochabends ab 16 Uhr. „Mittwoch-In“ hieß es damals in Mehr. „An der Theke und an den Tischen wurde Skat gekloppt“, sagt Thomas Marzian heute. „Wir hatten im Dorf als erste Familie einen Fernseher. Bei Highlights kam der halbe Ort zum Rudelgucken. Auch besaßen wir einen Telefonanschluss, in dem ein Zähler eingebaut war“, weiß Marzian aus Erzählungen.

1982 kam er auf die Idee, einmal im Monat an einem Samstagabend ab 20 Uhr einen Discoabend zu veranstalten. Bis zu 500 Jugendliche trudelten jeweils ein, und es herrschte Ausnahmezustand in dem ansonsten stillen Örtchen. Am Sonntagmorgen vor der Messe sammelten die Marzians Flaschen und Scherben auf dem Friedhof ein. Später nahm man 50 Pfennig Pfand pro Flasche und die Sammlung entfiel. Parkverbotsschilder wurden aufgestellt, da Mähdrescher und Traktoren durch das Dorf fuhren und wenig Platz hatten. „Ich habe vorher meinen Vater überredet, damit ich die Discos durchführen kann. Voraussetzung war aber, dass ich Orgelunterricht nehmen musste“, sagt Marzian.

1993 schlossen Gaststätte und Lebensmittelgeschäft

Insgesamt vier Jahre mimte er den DJ. Als die Resonanz geringer wurde, hörte er auf, machte jedoch mit seiner mobilen Disco weiter. „Das war auch eine tolle Zeit“, sagt Marzian. 1993 schlossen Gaststätte und das Lebensmittelgeschäft endgültig die Pforten. „Das ganze Dorf war traurig, da kurze Zeit zuvor Martin und Brigitte Smits, mit denen wir uns gut verstanden, ihr Lokal ebenfalls zugemacht hatten. Meine jüngere Schwester Margarete und ich haben von klein auf mitgeholfen, wollten aber die Geschäfte nicht weiterführen. Die gesamte Familie hat immer an einem Strang gezogen“, sagt Thomas Marzian.

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