Prozess

Mühlhoff-Brand: Rachefeldzug eines gemobbten Mitarbeiters?

Ein Großbrand erschütterte Ende 2019 den Uedemer Automobilzulieferer Mühlhoff. (Archivbild)

Ein Großbrand erschütterte Ende 2019 den Uedemer Automobilzulieferer Mühlhoff. (Archivbild)

Foto: Arnulf Stoffel (ast) / Arnulf Stoffel

Uedem.  Ein Brand erschütterte Ende 2019 den Autozulieferer Mühlhoff in Uedem. Nun steht ein Ex-Mitarbeiter vor Gericht. Vorwurf: Schwere Brandstiftung.

Mehr als zehn Werkshallen wurden zerstört oder beschädigt, das Verwaltungsgebäude ging in Flammen auf: 300 Rettungskräfte waren 12 Stunden damit beschäftigt, am 29. Dezember 2019 den Brand beim Automobilzulieferer Mühlhoff in Uedem zu bekämpfen. Bei dem Brand, dem größten am Niederrhein in den vergangenen Jahren, entstand ein Schaden von 120 Millionen Euro, die Zukunft des gesamten Unternehmens stand auf der Kippe.

Am Montag begann vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Kleve nun der Prozess gegen den Mann, der nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Polizei für die Katastrophe verantwortlich sein soll. Es handelt sich um einen 58 Jahre alten, mittlerweile ehemaligen Mitarbeiter, der als Zeitarbeiter zu dem Unternehmen gekommen war und vor sechs Jahren eine Festanstellung Kommissionierer im Lager erhalten hatte. Staatsanwalt Christian Schmäring wirft ihm Brandstiftung vor, der Strafrahmen liegt bei bis zu zehn Jahren.

Zum Prozessauftakt sagte der Angeklagte, vertreten durch die Rechtsanwälte Dr. Karl Haas und Tanja Reintjes, zur Sache nichts. DNA-Spuren sowie Zeugenaussagen hatten die Ermittler zu ihm geführt, seit dem 7. Februar sitzt er in der Klever Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft.

Großbrand bei Mühlhoff in Uedem: Angeklagter hatte Arbeitsschutzmängel kritisiert

Doch schon die Einlassungen zur Person deuteten am Montag ein Drama an, bei dem ein bis dato unbescholtener und rechtschaffener Mensch den Glauben an die Gerechtigkeit verlor und dann, sollte sich seine Schuld bestätigen, zu einem Rachefeldzug unvorstellbaren Ausmaßes schritt.

Demnach begann das Zerwürfnis mit dem Arbeitgeber damit, dass er der Unternehmensleitung und dem Betriebsrat Sicherheitsverstöße bei den Arbeitsprozessen meldete. Der Betriebsrat habe zugesichert, ihm „den Rücken frei zu halten“. Dem Geschäftsführer des Unternehmens persönlich spielte er unter vier Augen ein mit dem Handy aufgenommenes Video vor, dass die gravierenden und die Kollegen gefährdenden Mängel dokumentierte.

Ex-Mitarbeiter klagte gegen Kündigung bei Mühlhoff

Die Reaktion des Chefs wurde vom Angeklagten vor Gericht so wiedergegeben: „Der war fassungslos. Ich kann die doch nicht alle rausschmeißen.“ Die Ehrlichkeit aber sei ihm nicht gedankt worden, berichtete der Angeklagte: „Im Februar 2018 fing das Mobbing an. Ab dem Datum, an dem ich die Verstöße publik gemacht hatte.“ Er wurde von seinem Kollegen separiert und, so schilderte er, „zu total sinnlosen Tätigkeiten verdonnert“. Im Kollegenkreis habe es geheißen: „Der notiert alles, der sch… euch an!“

Einige Wochen später erhielt er die Kündigung – weil er mit den Videoaufnahmen gegen die Datenschutzbestimmungen im Betrieb verstoßen habe. Dagegen klagte er, und vor dem Arbeitsgericht Wesel bekam er auch recht, weil er nur um die Sicherheit im Betrieb bemüht gewesen sei.

In der Folgezeit erlitt der Mitarbeiter einen Herzinfarkt, und der Arbeitgeber, so scheint es, bemühte sich nach Kräften um eine Zerrüttung des Arbeitsverhältnisses. Zwei weitere Abmahnungen sind aktenkundig, eine davon führte ebenfalls zu einem Prozess, den der Mitarbeiter erneut gewann. Am 7. Januar 2020 hätte ein Gespräch zur Wiedereingliederung angestanden. 19 Tage vorher war das Werk in Flammen aufgegangen.

Mühlhoff-Brand: Polizei ging schnell von Brandstiftung aus

Der Chef der Uedemer Feuerwehr, Alexander Janßen, sagte als Zeuge, wie er schon am frühen Morgen aus dem Auto heraus die Rauchsäule über der Stadt gesehen und Verstärkung angefordert habe. Als er gegen 8:20 Uhr am Brandort eingetroffen war, war das Verwaltungsgebäude massivst verraucht und zwei Werkhallen standen „in Vollbrand“, wie die Feuerwehrleute sagen.

Schnell war klar, dass ein Fall von Brandstiftung vorlag. Die Kräfte fanden einen Rucksack mit Einbruchswerkzeug, und sie entdeckten allerorten Kanister und benzingetränkte Lappen, die offenbar als Lunte dienen sollten und die teilweise gezielt über die Steuerungselektronik der Maschinen ausgebreitet worden waren. „Manipulierte Stellen waren in der ganzen Firma verteilt“, so Janßen.

Spätere Ermittlungen ergaben auch, dass bereits um 3:51 Uhr an diesem Tag, also gut 4 Stunden, bevor der Brand erstmals gemeldet wurde, ein automatischer Einbruchsalarm ausgelöst wurde. Der Alarm lief auf bei einer privaten Sicherheitsfirma, die daraufhin einen Kollegen aus Köln nach Uedem schickte. Der Mann hatte allerdings keinen Schlüssel und gelangte deshalb nicht auf das Werksgelände. Von außen nahm er nichts Auffälliges war – und zog wieder von dannen. Währenddessen bereitete offenbar der Brandstifter in den Unternehmen sein Zerstörungswerk vor.

Mühlhoff: Ex-Mitarbeiter hatte Streit mit einem Betriebsrat

Schon am Morgen nach dem Brand fiel in den Ermittlungen auch der Name des jetzigen Angeklagten – wegen der langen Auseinandersetzung. Und als die Ermittler den Laptop des Mannes durchsuchten, fanden sie heraus, dass in den Tagen vor dem Brand eine intensive Nutzung des Geräts stattgefunden hatte. Es sei die Seite Google Maps aufgerufen worden – mit den Koordinaten des Mühlhoff-Geländes, die noch auf dem Gerät gespeichert gewesen seien.

Eine als Zeugin geladene Kommissarin sagte, auf dem Tablet des Angeklagten sei zudem eine Audio-Datei entdeckt worden, mit der der Angeklagte seinen Streit mit einem Betriebsrat dokumentiert habe. Darin heißt es unter anderem, er werde es der Firma „noch zeigen“. Der Prozess wird am 5. Oktober fortgesetzt.

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