Leben am Wasser

Natürlich und entspannend: Per Floß über die Niers bei Weeze

In Schrittgeschwindigkeit über die Niers: Die vier kostenlosen Floßfahrten waren schnell ausgebucht.

Foto: Barbara Grodde

In Schrittgeschwindigkeit über die Niers: Die vier kostenlosen Floßfahrten waren schnell ausgebucht. Foto: Barbara Grodde

Weeze.   Den Flug einer Libelle beobachten und dem Rauschen der Blätter lauschen: Eine Floßfahrt über die Niers entspannt Ruhesuchende aus nah und fern.

Bislang hat John Eng in Good old Germany, der Heimat seiner Verlobten, vor allem urbanes Leben kennengelernt. Zusammen mit Nina Gormanns, die er vor acht Jahren in Hongkong zum ersten Mal traf und mit der er mittlerweile in Ottawa lebt, besucht er die Familie am Niederrhein. Und an diesem Nachmittag geht es raus aus der Stadt und hinein ins Grüne: zu einer Floßfahrt auf der Niers vom Schloss Wissen bis ins Weezer Zentrum. „Es ist sehr nett, die Natur zu entdecken“, sagt der Kanadier, als er nach eineinhalb Stunden von der schwimmenden Holzplattform zurück an Land klettert.

Nina Gormanns Onkel Herbert Henkel hat das deutsch-kanadische Paar zum Start unterhalb der Wehranlage gebracht und steht auch jetzt zum Abholen am Fährsteg bereit. Der Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Niers stielte für die Gäste von der anderen Seite des Atlantiks die vom Niersverband organisierte Fahrt ein, weil er die Vorzüge des Flusses genau kennt. „Im hektischen Leben kann man an der Niers runterkommen“, sagt Henkel.

Entschleunigung in Schrittgeschwindigkeit

Deshalb sitzen auch Rita und Kurt Siebeneich aus Menzelen-West gehetzt, aber glücklich auf den Holzbänken. In buchstäblich letzter Sekunde haben sie es noch auf das Floß vor dem Ablegen geschafft. Der Brillenkauf hatte länger gedauert als geplant. Als das Floß an den Wiesen hinter dem Schloss vorbei treibt, fällt der Stress von ihnen ab. Entschleunigung in Schrittgeschwindigkeit.

„Ich schätze diese Langsamkeit“, sagt Kurt Siebeneich. Er dreht den Kopf von links nach rechts, seine Augen verfolgen eine Blauflügel-Prachtlibelle, die über das Wasser tanzt. „Die Niers ist ein gemütlicher und sehr schöner Fluss“, stellt er fest.

Wasser war schon immer ein reizvoller Teil im Leben von Kurt Siebeneich, der in Essen-Kettwig aufwuchs. Nach der Schule führte sein Weg täglich zur Ruhr. Später als er in Dorsten arbeitete, waren die Lippe und der Wesel-Datteln-Kanal nicht weit, und in Duisburg verbrachte er seine Mittagspause häufig wieder an der Ruhr. „Ich mag ruhigere Flüsse“, sagt Siebeneich, während die Pappeln sacht im Wind rauschen.

35 verschiedene Fischarten in der Niers

Es ist noch nicht lange her, da hätte kaum jemand die Niers mit Ruhe und Entspannung in Verbindung gebracht. Tourenleiter Günter Wessels erzählt den knapp 50 Frauen und Männern auf den beiden lange im Voraus ausgebuchten Floße über die stinkende Zeit, als Webereien und Färbereien ihre Abwässer in den Fluss leiteten. Im einstigen „Rio Tinto“ leben heute jedoch 35 verschiedene Fischarten.

Als Wessels hört, dass sich mit John Eng und Nina Gormanns zwei Gäste aus dem fernen Kanada die natürliche Verwandlung des Flusses anschauen, witzelt er über den „Beginn des internationalen Tourismus an der Niers“. Soweit ist es zwar noch nicht. Doch für den nächsten Besuch in Deutschland weiß John Eng nun, wo er Entspannung findet.

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