Stadtgeschichte

Neue Studie über den Mythos um Johanna Sebus

Kleve.   Historikerin Helga Ullrich-Scheyda und Stadtarchivar Bert Thissen legen eine neue Studie über den Mythos der jungen Heldin aus Wardhausen vor.

Es war ein grauenvoller Winter. Bitterkalt, dicke Eisschollen trieben den ganzen Januar über auf dem Rhein und türmten sich an manchen Stellen sogar zu kleinen Eisbergen. Bis zu 30 Meter sollen sie hoch gewesen sein, so dass das Wasser in jenem Winter 1809 vor den Toren Kleves nicht abfließen konnte. Am 13. Januar entstand eine Eisflut, die von Xanten bis Kekerdom reichte und an 20 Stellen über die Deiche schwappte. Nach einiger Zeit brachen die Deiche in Wisselward, Till und Kleverhamm. Innerhalb von zwei Stunden gaben die Schutzwälle an acht Stellen nach – und es entwickelte sich eine der größten Hochwasserkatastrophen des 19. Jahrhunderts im Kleverland. Keeken, Mehr, Niel, Wyler, Zyfflich, Leuth und Keekerdom wurden völlig zerstört.

Nur ein paar Tage später, in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar, traf es die Region erneut. Ein Orkan vernichtete vieles, was noch stehengeblieben war. 21 Menschen kamen ums Leben, 1218 Menschen wurden obdachlos.

Selbstloser Einsatz

Die schlimmen Ereignisse von 1809 wurden von Karl Ludwig Baron von Keverberg schriftlich festgehalten, so dass sie uns bis heute in Erinnerung geblieben sind. Vor allem die Taten eines 17-jährigen Mädchens sind mit der Hochwasserkatastrophe untrennbar verbunden: Johanna Sebus aus Kleve-Wardhausen, Tochter von Jakob Sebus und Helene van Bentum. Die junge Frau brachte zunächst sich und ihre Mutter in Sicherheit und stürzte sich danach noch einmal in die Fluten, um eine Tagelöhnerin und deren drei kleine Kinder zu retten. Sie alle kamen in dem eiskalten Wasser ums Leben. Erst drei Monate später wurde die Leiche der Johanna Sebus gefunden und auf dem Friedhof in Rindern beigesetzt.

Die Geschichte der Johanna Sebus hat im 19. Jahrhundert eine große Bekanntheit erlangt. Ihr selbstloses Handeln wurde schnell zu einem Mythos, der bis heute die Menschen fasziniert. In einer neuen Studie setzen sich die Klever Historikerin Helga Ullrich-Scheyda und Stadtarchivar Bert Thissen mit Johanna Sebus und dem Hochwasser von 1809 auseinander. Warum erlangte die Rettungstat der 17-Jährigen eine so große Popularität? Ein Denkmal wurde ihr gesetzt, Schulen wurden nach ihr benannt, Gedichte wurden auf sie geschrieben.

Die Ideale der Revolution

Für Helga Ullrich-Scheyda hat vieles mit den Zeitumständen zu tun. Denn allein das selbstlose Handeln der 17-Jährigen könnten ein so ungewöhnliches Interesse an Johanna Sebus nicht erklären. Vielmehr wurde die Geschichte von den neuen französischen Landesherren allzu gerne aufgegriffen. Ein junge, bürgerliche Frau wurde zur Heldin emporgehoben – nicht ein adliger Herrscher oder gebildeter Mann. Johanna Sebus verkörperte die Ideale der französischen Revolution und mit dem Zutun des Unterpräfekten Karl Ludwig Baron von Keverberg wurde die Geschichte von Johanna Sebus auch in Frankreich bekannt. Keverberg war es, der Johann Wolfgang von Goethe um ein Gedicht über jene Ereignisse vom 13. Januar bat und der große Dichter zeigte sich begeistert. Bereits im Mai 1809 hatte er eine Ballade über „schön Suschen“ verfasst, die in späteren Jahren von zahlreichen Schulklassen auswendig gelernt werden musste.

Historikerin Helga Ullrich-Scheyda hält die Rezeptionsgeschichte der Johanna Sebus unter ein kritisches Licht. Sie schreibt: „Deutlich wird, dass Keverberg von Beginn an weder an der realen Person der Johanna Sebus noch an dem tatsächlichen Geschehen interessiert war. Vielmehr machte er Johanna Sebus zu einem Beispiel vollkommener Tugendhaftigkeit, die sich auch in ihrer Schicksalsergebenheit äußerte.“ Johanna Sebus sei für Keverberg eine „neue Heilige“ geworden. Keverberg habe durch die Schaffung von Denkmälern an der Entstehung des Johanna-Sebus-Mythos einen entscheidenden Anteil gehabt.

Vergessene Helden

Sehr interessant ist auch das Essay von Bert Thissen über die Hochwasserkatastrophe von 1809 an sich. Thissen arbeitet heraus, dass es sich dabei um die schwerste Hochwasserflut des 18. und 19. Jahrhunderts handelte, die auch in den angrenzenden Niederlanden große Schäden anrichtete. Die kalten Wasserfluten machten viele Menschen zu Helden. So retteten in Wardhausen an jenem 13. Januar auch zwei Männer 39 Einwohnern mit einem Kahn, den sie von nicht hilfsbereiten Einwohnern genommen hatten. Über das Leben der zwei mutigen Männer spricht heute niemand mehr. Nur Johanna Sebus ist in Erinnerung geblieben.

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