Hilfsorganisation

Rettungshunde der I.S.A.R. spüren Körper unter Wasser auf

Eyka bahnt sich ihren Weg über zahlreiche, leere Plastikflaschen in einem Raum auf dem Weezer Trainingsgelände.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Eyka bahnt sich ihren Weg über zahlreiche, leere Plastikflaschen in einem Raum auf dem Weezer Trainingsgelände. Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kreis Kleve.   Die Personensuchhunde der I.S.A.R. orten auch Ertrunkene. Anfangs hilft ein altes Army-Schwimmbecken auf dem Weezer Übungsgelände beim Training.

Der Mensch im Boot muss die Körpersprache seines Hundes sehr gut lesen können. Border Collie „Buddy“ und X-Herder „Aszda“ werden ganz unruhig, beginnen zu kratzen – das nennt man: „Er bietet Scharren an Deck an“. Da unten ist etwas! Der Bouvier „Qashqai“ dagegen scannt mit tiefem Kopf die Wasseroberfläche ab, hin und her, hin und her. Und Münsterländer „Eyka“ hält ihren Kopf hoch und stößt ihn plötzlich herab. Die Hunde zeigen alle eines an: Da unten im Wasser treibt eine Leiche.

Die Personensuchhunde gehören zur Organisation I.S.A.R. Germany (International Search and Rescue). Sie helfen Feuerwehr, DLRG oder Technischem Hilfswerk, Vermisste zu orten. „Im Katastrophenschutz ist man nie Einzelgänger“, sagt Dinah Holtkamp aus dem Team.

30 Einsätze in diesem Jahr

Selten sind es demente Senioren, die aus Heimen entweichen und gesucht werden. Häufiger, dass junge Menschen nach Mobbing, nach einem Streit nicht nach Hause kommen, dass sie ihren Suizid angedroht haben. Bei 30 solcher Fälle waren dieses Jahr die Hunde im Einsatz. Mal an Land, wo sie Spuren rekonstruieren, mal zu Wasser.

Erst wenn Rettungseinsatzkräfte keinen Erfolg hatten, jemanden lebend zu bergen, wird die Hundestaffel der ISAR gerufen. „Zeugen sagen oft so ungefähr, wo sie jemanden haben ertrinken sehen“, beschreibt die Moerserin Dinah Holtkamp. Damit aber die Taucher von Feuerwehr, DLRG oder THW wissen, wo sie genauer suchen müssen, orten die Hunde vorab – vom Boot der Feuerwehr oder DLRG aus. Zur Ausstattung an Bord gehören Schwimmwesten für Mensch und Tier, aus Sicherheitsgründen für die Personen in dicker Schutzkleidung, aus Markierungsgründen für die Fellträger.

Sie waren aktiv, als Betrunkene an Vatertag ertranken, als eine Chinesin in der Blauen Lagune in Wachtendonk verunglückte oder ein Schiff im Duisburger Hafen explodierte. „Uns ist sehr wichtig, den Angehörigen eines Verunglückten Gewissheit zu geben“, nennt Anke Gellert-Helpenstein aus Uedem die Motivation der Ehrenamtler.

Üben auf altem Militär-Gelände

Trainiert wird die Wasserortung erst an Land. Der Geruch von Leichen ändert sich innerhalb neun Tagen gewaltig, erklärt Norbert Helpenstein. Den Hunden wird ein ganzes Geruchsrepertoire angeboten, von ganz frisch, was am schwierigsten zu orten ist, bis älter. „Der Mensch riecht das nicht“, sagt Anke Gellert-Helpenstein.

Dreimal in der Woche üben die vier Hunde aus dem Kreis Kleve regelmäßig, damit sie ihre Fähigkeiten nicht verlieren und immer Neues dazu lernen. Das Trainings-Base Weeze auf dem früheren Royal-Air-Force-Gelände bietet seine realistischen Übungsmöglichkeiten nicht nur Behörden und Organisationen mit Sicherungs- und Rettungsauftrag an, sondern eben auch den Vierbeinern.

In die ramponierten Sitze eines Flugzeugwracks schickt Dinah Holtkamp ihren Border Collie Buddy: „Muerto!“ ruft sie den Befehl, das spanische Wort für „tot“. Schnell gibt Buddy Laut: Da! Dabei ist es bloß „Dirty-dirt-Sand“, also Sand, auf dem eine Probe nur gelegen hat. Toll, das Tier.

Über Plastikflaschen zum Ziel

Durch einen Raum, der wadenhoch mit leeren Plastikflaschen gefüllt ist, muss Aszda stapfen. Das knackt und ploppt und knallt – gar nicht angenehm für feine Hundeohren. Aszda muss da durch, steigt auf Holzstapel und schnuppert. Parallel dazu läuft Qashqai durch geflieste Flure. „Thanatos!“, griechisch für „tot“, ist ihr Kommando. Ihre schwarze Bouvier-Nase nah am Boden, tief in Waschbecken-Unterschränken, bis sie ihre Führerin Anke Gellert-Helpenstein zu einer menschengroßen, blauen Stoffpuppe führt: Dort steckt die Geruchsprobe. Auch an Land sind die Hunde perfekte Leichenspürhunde.

In kleinen Pet-Fläschchen mit winzigen Löchern haben die Menschen mit neutralen Gummihandschuhen echte biologische oder auch mal synthetische Stoffe platziert. Sobald sich der Hund schnuppernd dafür interessiert, bekommt er einen Belohnungs-Pfiff oder -Klick, den er seit Welpenzeiten kennt, oder ein Leckerchen. Gut gemacht! Immer schwieriger werden die kleinen Proben versteckt. Und irgendwann unter Wasser.

Wasser verdünnt den Geruch stark. Tausend Liter sind tausend Kubikmeter, wenn die Person dann in zehn Metern Tiefe liegt – unglaublich, wie fein die Nase der Hunde ist. Sie können allerdings eine Leiche erst nach zwei Stunden orten, wenn der Gärprozess eingesetzt hat. Anfangs im Training, so erinnert sich die Uedemerin Gellert-Helpenstein, war ihre Qashqai so motiviert, dass sie bei einer Fundstelle bellte oder ins Wasser sprang. Beides ist nicht gewünscht. Es könnten Angehörige des Vermissten an Land stehen. Respektvolle Zurückhaltung muss auch das Tier lernen.

Spezielles Transportfahrzeug

Das anfängliche Wasser-Training in Weeze beginnt am alten Schwimmbecken, das von verschiedenen Organisationen zu Kastophenschutzübungen genutzt wird. Im Pool hängt unter Wasser an einem roten Faden die Geruchsprobe, die die Vierbeiner vom Rand aus nicht sehen können. Der Hund läuft auf und ab, setzt sich an die Stelle, an der die Leine hängt. Da! Der Geruch toter Menschen. Tote Vögel oder Mäuse riechen anders.

Im Alter von zwölf Wochen haben die Uedemer Hunde begonnen, sich spielerisch auf die Ortung von Menschen, lebend oder tot, zu spezialisieren. Mit drei Jahren kommen sie geprüft zum ersten Einsatz. Dorthin fahren sie mittlerweile im speziellen Transportfahrzeug, mit Blaulicht und Signalhorn ausgestattet. Das Auto wurde von Privatleuten gesponsert. Denn alle Einsätze leisten die ISAR-Helfer ehrenamtlich. Sie sind Privatleute. Und ihre Hunde sind auch, was sie sind: Canis lupus familiaris. „Sie jagen Häschen nach und wollen auf dem Sofa liegen“, lacht Anke Gellert-Helpenstein. Ganz normale Tiere mit ganz außergewöhnlichen Fähigkeiten.

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