Entspannung

„Sie waren heute schon in Hypnose“

Korkut Berdi, Zahnarzt, Hypnotiseur, Kalkar

Korkut Berdi, Zahnarzt, Hypnotiseur, Kalkar

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kalkar.   Ein Kurs an der Familienbildungsstätte Kalkar führt Menschen mit Spinnenphobie, Raucher und ängstliche Autofahrer an ihren persönlichen Baum.

„Sie waren heute alle schon in Hypnose. Mehrfach“. So begrüßt der Dozent die Teilnehmer beim Kurs der Familienbildungsstätte Kalkar „Hypnose – Theorie und Praxis“. Wer hier einen bärtigen Guru erwartet, liegt falsch. Korkut Berdi ist bodenständig und Zahnarzt. Als solcher praktiziert er in Kalkar auch Hypnose ständig in seinem Berufsalltag, um Patienten die Spritzen zu ersparen. Was er hier aber an zwei Abenden vorstellen will, ist laut fbs-Kursbeschreibung „insbesondere Selbsthypnose in den Bereichen Rauchentwöhnung, Gewichtsreduktion, Leistungssteigerung und im Persönlichkeitsbereich“ für 15,60 Euro.

Irgendwann klappt es in Sekundenschnelle

Um das zu lehren sei die Zeit zu knapp, gesteht aber der Dozent. Man müsse es üben und üben. Wenn man seinen eigenen Körper und Geist daran gewöhnt hat – bei ihm habe das so ungefähr drei Jahre gedauert –, dann reichen 20 Sekunden, um sich in „Trance" zu versetzen. „Hypnose“ sei eben das, wohinein man täglich mehrfach gerate, wenn man sich stark auf seine Arbeit konzentriert, aufs Kochen fokussiert oder seinen Gedanken den freien Lauf lässt und alles um sich herum vergisst.

Die acht Teilnehmer beginnen den Kurs erwartungsvoll. Freimütig erzählen sie, welche Probleme sie auf diese Spur gelenkt haben. Die eine möchte sich das Rauchen abgewöhnen. Die andere hat Angst, als Autofahrerin am Steuer zu sitzen. Sinnigerweise hat ein andere Frau Beklemmungen als Beifahrerin, sie möchte unbedingt das Steuer selbst in der Hand halten. Einen Teilnehmer plagen Fragen rund um seinen Beruf. Die Aussicht auf problemloses Abnehmen führen eine andere Frau an die Mühlenstege. Eine weitere würde gern ihre Spinnenphobie los werden. Ein Mann hat schon andere Wege der Problembewältigung ausprobiert und sucht hier mehr als Yoga und Autogenes Training.

Interessant ist, Sie müssen noch nicht mal dran glauben

Zum Problemlösen sei er heute nicht da, erklärt Korkut Berdi. „Probleme lösen dauert leider.“ Ängste vor großen Hunden, Spinnen oder dem Zahnarztbesuch sind etwas, das man falsch gelernt habe und umlernen müsse. „Sehr interessant ist ja, welche Themen dahinter stecken“.

Korkut Berdi möchte eigentlich keinen Vortrag über den veränderten Bewusstseinszustand halten, sondern lieber Fragen beantworten. Er erwartet die Klassiker: Kann man gegen seinen Willen hypnotisiert werden, kann man in der Hypnose eine Straftat begehen? Doch keiner der Teilnehmer stellt sie. Er tut es also selbst. Auch in der Hypnose sei man nicht bewusstlos oder willenlos, aber empfänglich für falsche Suggestion und deshalb durchaus zu bösen Taten fähig, wenn sie einem als positives Tun eingeredet würden, sagt er.

Und erzählt von Varietévorführungen, in denen sich Probanden auf der Bühne zum Äffchen machen. „Das Interessante ist, Sie müssen noch nicht mal dran glauben“, verrät Berdi. Aber jemanden gegen seinen Willen zu hypnotisieren, sei unseriös. Befehle geben und ausführen zeigten nur den Wunsch des Hypnotiseurs.

„Es ist das Unbewusste, das für uns entscheidet“

Die gute, die indirekte Methode aber folge dem Wunsch des Probanden. Der Dozent berichtet von Menschen, die in Einzelsitzungen ihren Kindheitsdramen auf die Spur kamen, von denen sie vor der Hypnose gar nichts mehr wussten.

Berdis Aussage ist gewagt: Zehn Sitzungen unter Hypnose seien so wirkungsvoll wie Hundert Stunden Gespräch bei einem Psychiater. Meint er das wirklich so? „Ja“, bekräftigt Berdi. „Manchmal geht es sehr ans Eingemachte“, weshalb er sowas nicht bei einem Gruppentreffen in der Familienbildungsstätte vorführe. „Ich will nicht Tränen auslösen".

Hypnose ist kein fliegender Teppich. „Es ist das Unbewusste, das für uns entscheidet“. Das ist schließlich sein Weg, auf den er die fbs-Kursbucher führt. Meditieren. Tief entspannter Wachzustand. Augen zu, eine Wanderung über eine Wiese, tauchen durch einen See – „nein, lieber nicht, ich habe Angst, den Kopf unter Wasser zu halten“, kommt der Einwand einer Teilnehmerin.

Dann eben außen rum, bis man zu einem Baum gelangt, seinem persönlichen Baum, zu dem man von nun an regelmäßig gehen sollte, um ihn zu Lebensentscheidungen zu befragen. „Das klingt ein bisschen fantastisch, es wirkt aber wirklich so“, versichert Korkut Berdi. Lebenshilfe komme von der eigenen „Tiefenperson“.

Mit dem Duft nach Spargel

Die Lage im fbs-Haus ist am ersten Abend skurril – nebenan läuft ein Kochkurs. Mit allen Geräuschen, die dazu gehören, Geschirrklappern, Köchinnen plappern. Mit dem Duft nach Spargel und Schnitzel. Dann brummt der Spülmaschine. Berdis Versuch, diese Geräusche in die Entspannungsgeschichte einzubauen, gelingt nur bedingt.

Am zweiten, ruhigen Abend gibt es dann ein paar Übungen. Hände geradeaus vor sich halten, sich eine stille Frage stellen, die mit Ja oder Nein zu beantworten wäre. Mit seinen Händen ausmachen, welche der beiden Antworten ein Zusammenführen der Handflächen bedeutet, welche ein Auseinanderdriften der Arme. Dann an die Frage denken und warten. Die Teilnehmer haben Ausdauer.

Es folgt die ähnliche Übung, bei der man die Hände auf- oder ab-bewegt. Alle schließen die Augen. Denken. Nach Minuten löst die Autorin dieser Zeilen dann die Situation auf, weil alle bloß noch auf sie warten. Hmm, vermutlich war da irgendwas, signalisiert sie vage. Tatsächlich aber geschah einfach nichts, kein Muskelzucken, keine Tiefenperson muckte. Die anderen Teilnehmer aber nicken, sie hätten etwas gespürt. Eine Frau zeigt sich „erschreckt, als plötzlich meine Hand auf meinem Knie lag“. Also hat das Unterbewusstsein eine Antwort gegeben.

Krankenkassen zahlen nicht

„Die Hypnose ist ein Taxi, ich bin der Taxifahrer“, sagt der Zahnarzt. Der Fahrgast entscheide, wo es hingeht, wo er aussteigt. Das brauche Zeit.

Was Krankenkassen oft nicht einsehen, denn Sitzungen unter Hypnose übernehmen sie in seltensten Fällen. „Dabei gibt Hypnose für fast alles eine Lösung“, von Allergien bis Tinnitus, ist Korkut Berdi überzeugt. Bisher muss man halt dafür selbst zahlen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik