Erntezeit

Uedem: Wenn die Fahrerkabine zum Wohnzimmer wird

Christian Hunzelar (vor den Maschinen), Johannes Hunzelar auf dem Maishäcksler und Bauer Benjamin Paeßens auf seinem Traktor in Keppeln,Spätsommer/Herbst 2020.

Christian Hunzelar (vor den Maschinen), Johannes Hunzelar auf dem Maishäcksler und Bauer Benjamin Paeßens auf seinem Traktor in Keppeln,Spätsommer/Herbst 2020.

Foto: Foto: Anke Gellert-Helpenstein / NRZ

Uedem-Keppeln.  Familie Hunzelar führt das gleichnamige Lohnunternehmen schon in der 3. Generation. Bei der Maisernte für Paeßens in Keppeln war die NRZ dabei.

Von ländlicher Idylle ist zu manchen Zeiten nicht viel zu spüren. Wenn gegüllt wird zum Beispiel, oder während der Maisernte. Die läuft zurzeit auf Hochtouren. Unüberhörbar. Sehr laut. Es sei denn, man sitzt im komfortablen Führerhaus der Häckselmaschine. Genau das durfte die NRZ beim Lohnunternehmer Hunzelar vom Totenhügel in Uedem: Mitfahren als Beifahrer auf dem Maishäcksler.

Was für Chef Johannes (66) und Sohn Christian (26) Hunzelar Alltag ist, sorgt bei Laien für Staunen: Kaum schließt sich die Tür des Führerhauses auf dem technischen Ungetüm ist es angenehm ruhig und überraschend bequem. Die Kabine ist mit Bordcomputer, Kameras, Lieblingsmusik und Verpflegung bestückt. „Das hier ist unser Wohnzimmer“, so Johannes lachend. „Und du sitzt gerade auf meinem Kühlschrank.“ Verhungert und verdurstet ist trotz eines 15-Stunden-Tages (mit Fahrerwechsel) auf den Erntemaschinen des Lohnunternehmens sicherlich noch niemand.

Der Häcksler „frisst“ auf 7,50 m Breite gleich zehn Maisreihen auf einmal

Den Überblick behält Johannes Hunzelar trotz Gesprächs-Ablenkung. Dem geübten Auge des Landwirts entgeht nichts. „Obwohl der Häcksler das alles auch schon fast alleine könnte“, meint er lachend. Lieber hat er selbst sein Auge drauf, passt auf, dass die Eriken auf dem Nachbarfeld nicht beschädigt werden und weder Häckselgut noch Staub abbekommen. Schließlich „frisst“ der Häcksler auf 7,50 m Breite gleich zehn Maisreihen auf einmal. Das Häckselgut wird direkt auf das begleitende Gespann – Traktor mit Großanhänger – während der Fahrt geschleudert. Sozusagen im fliegenden Wechsel wird der volle Anhänger vom Feld gefahren und ein zweites Fahrzeug platziert sich neben den Häcksler.

Futter für die Energiegewinnung aus der Biogasanlage in Keppeln

Während das Zweitfahrzeug beladen wird, fährt das erste auf den Hof von Benjamin Paeßens aus Keppeln, der hier eine Biogasanlage betreibt und den Mais als Futter für die Energiegewinnung braucht. Jährlich baut der Landwirt 65 bis 70 Hektar dafür an, um aus dem nachwachsenden Rohstoff letztlich Strom zu erzeugen.

„In normalen Jahren ernten wir rund 50 bis 60 Tonnen. Das hat in den Trockenjahren nicht geklappt“, stellt Paeßens fest. Dennoch ist er mit dem Ergebnis der Maisernte angesichts der klimatischen Bedingungen zufrieden. „Das liegt am guten Keppelner Boden“, weiß er. Seine Kollegen in anderen Ecken des Kreises Kleve haben schlimmere Probleme.

Die Preise für Mais sind im Nordkreis Kleve enorm gestiegen

Übrigens sind die Preise für Mais im Nordkreis enorm gestiegen. Paeßens: „Der Mais hat sich aufgrund der hohen Milchkuhdichte und aufgrund der vielen Biogasanlagen stark erhöht. Er ist hier schon 50 Prozent teurer als im Südkreis, beispielsweise in Issum“, berichtet er.

Doch zurück zum Lohnunternehmen: Johannes und Christian Hunzelar ernten gemeinsam mit dem insgesamt vierköpfigen Team (plus Aushilfen in der Erntezeit) das Gold der Felder als Futter für Biogasanlagen ebenso wie als Futter für Milchkühe. Den Betrieb der Hunzelars gibt’s bereits seit 1954. Johannes hat ihn von seinem Vater Johann einst übernommen und Sohn Christian (gelernter Landmaschinenmechaniker) wird ihn wiederum von seinem Vater Johannes übernehmen. Da trifft es sich gut, dass Christians Frau Nadja die Liebe zur Landwirtschaft teilt und bereits die Verwaltungsaufgaben im Büro erledigt.

Die Kosten für die Maschinen sind horrend

Das Lohnunternehmen hat neben dem Maishäcksler unter anderem noch drei Mähdrescher und drei Kartoffelroder im Betrieb. Die Kosten für die Maschinen sind horrend. Der Maishäcksler beispielsweise kostet rund 500.000 Euro in der Anschaffung. Bauern wie Benjamin Paeßens zahlen 250 bis 300 Euro die Stunde für Hunzelars Häcksler-Dienste. Die begleitenden Gespanne stellt Paeßens selbst, sonst kämen da noch einmal 68 Euro pro Stunde je Traktor-Anhänger-Gespann hinzu.

Ernten sind teuer. „Weil neben den Anschaffungskosten auch die Fixkosten hoch sind“, erklärt Johannes Hunzelar. Bis zu 1000 Liter Diesel braucht die tägliche Maisernte nur für den Häcksler. 25 bis 30 Hektar schaffen die routinierten Fahrer täglich. Die Maschine mit der Riesenspannweite wird von den Profis des Lohnunternehmens auf den Feldern und auf der Straße mit viel Konzentration und Sorgfalt gesteuert.

Am Abend erfolgt stets eine Inspektion – der Arbeitstag ist lang

Mit der Erntearbeit ist es für Hunzelars nicht getan. Am Abend erfolgt stets eine Inspektion der landwirtschaftlichen Maschinen. Das fängt beim Überprüfen der Motor-Flüssigkeiten an und hört beim Entstauben des Luftfilters nicht auf. Und Staub ist nun im dritten Jahr in Folge der Hauptbegleiter der Ernteteams. Apropos Begleiter: Vom Führerhaus aus sieht man einige Hasen, manchmal auch Rehe vor den lauten Maschinen weg rennen. Unfälle mit Wild gibt’s aber selten. „Die Tiere flüchten einfach raus aus dem Mais.“ Bleibt für sie zu hoffen, dass keine Jäger rund ums Feld Stellung bezogen haben. In Keppeln hatten sie Glück...

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben