Tag des Denkmals

Von Bausünde zu Bausünde

Clemens Giesen mag die Architektursprache am Bahnhof, an dem ein gläsernes Café angebaut wurde. Er bedauert, dass das Bahnsteig-Glasdach nicht restauriert wird.  

Clemens Giesen mag die Architektursprache am Bahnhof, an dem ein gläsernes Café angebaut wurde. Er bedauert, dass das Bahnsteig-Glasdach nicht restauriert wird.  

Foto: Andreas Daams / NRZ

Kleve.  Restaurator Clemens Giesen führte am Tag des Denkmals durch Kleve. Eine Stadt der verpassten Gelegenheiten.

Eine alte Erkenntnis lautet: Man sieht nur, was man weiß. Insofern ist ein Rundgang mit Clemens Giesen durch Kleve ein echter Augenöffner. Denn Giesen ist Restaurator, schon immer an der Klever Geschichte interessiert und zudem ein kompetenter Ästhet. Am „Tag des Denkmals“ zeigte er gestern etwa 25 Neugierigen, was es mit den Baustilen in der Innenstadt so auf sich hat – und wie Ignoranz und Profitstreben auch noch das Wenige ruinieren, das noch an Substanz vorhanden ist.

„Man hat es gut hinbekommen, diese geschichtliche Stelle zu zerstören“

Zum Beispiel die Brücke über den Kermisdahl neben dem Spoycenter. Heute nimmt man sie kaum wahr, eine kleine Brücke halt. „Hier stand mal eine schmale Bogenbrücke, die im Krieg zerstört wurde“, erklärt er. Aber in den 50er Jahren baute man die Brücke wieder auf: breiter, mit einem netten Geländer und schönen Lampen. Irgendwann ersetzte man das Geländer: „Man hat es gut hinbekommen, diese geschichtliche Stelle zu zerstören“, ärgert sich Giesen.

Das alte Barockgebäude, die „Münze“, einst Münzprägeanstalt und später Waisenhaus: nach dem Krieg abgerissen und zum Stadthallenparkplatz umfunktioniert. Die Eisdiele in der Straße „An der Münze“, einst eigens für die Familie Panciera errichtet: „Das hatte der Architekt ganz herrlich durchgestylt, mit drehbaren Fenstern zum Innenhof, einem Fußboden mit Kieselsteinen, herrlichen Lampen.“ Heute ein Gebäude, das überall stehen könnte und überhaupt nicht mehr auffällt.

Früher wohnten Besitzer der Läden oben

Genauso viele der Giebelhäuser, die man nach dem Krieg wieder errichtete. „Alles muss ebenerdig sein, und was oben ist, interessiert keinen.“ Früher wohnten die Besitzer der Geschäfte oben, daher wollten sie es schön haben. Wo einmal die Drogerie Nägele war, heute ein Modehaus, sieht man im Giebel noch ein hübsches Holzfensterchen – darunter alles Plastikfenster, breit, nicht unterteilt, langweilig. „Eine Fläche zum Aufschieben, damit man zur Kasse hinfallen kann“, urteilt Giesen.

Die Fassade der ehemaligen evangelischen Barockkirche in der Großen Straße: nach dem Krieg abgerissen, damit die Straße breiter wird und der Verkehr besser fließen kann. Die alten Villen an der Bahnhofstraße: Nur eine ist noch vorhanden, aber zugebaut, ohne Vorgarten, stattdessen mit Garageneinfahrt. Einige Meter weiter steht noch ein zweigeschossiges Haus, das unter Denkmalschutz steht. Daneben: ganz neue Zweckbauten. Giesen: „Da hätte ich mir mehr Fingerspitzengefühl gewünscht.“

Gutes Vorbild Bensdorp-Gebäude

Dass es auch anders geht, zeigt für ihn der Netto-Neubau am Bensdorp-Gebäude. Der nimmt die Originalfarbe auf, geht spielerisch mit den architektonischen Grundformen um und erweitert sich oben mit den spannenden Aufbauten zu so etwas wie einem kleinen Dorf.

Auch den Bahnhof findet er gut restauriert, auch wenn man von der originalen Treppenanlage nichts mehr erkennen kann. Nur dass man das originale Glasdach am Bahnsteig abreißen will, statt es zu restaurieren, findet er unverständlich. „Die Verwaltung sieht immer nur, was es kostet“, sagt er.

In den Niederlanden sei man da schon viel weiter. „Vielleicht kommt das hier ja auch noch“, hofft Giesen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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