Ortsgeschichte

Bahnhof Meggen: Dampfloks, ein Mord und wilde Partys

Der Bagger bei der Abrissarbeit.

Der Bagger bei der Abrissarbeit.

Foto: Volker Eberts / WP

Meggen.  Der Bahnhof in Meggen, der derzeit abgerissen wird, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

Es regnet und graupelt in Meggen, ungemütliches Februarwetter. Vielleicht, wenn man so will, genau die richtige Witterung, um ein früher mal ortsbildprägendes Gebäude abzureißen. Die Firma Trippe aus Schmallenberg ist dabei, das 109 Jahre alte Meggener Bahnhofsgebäude Stück um Stück in handliche Einzelteile zu zerlegen. http://funke-cms.abendblatt.de:8080/esc-pub-tools/methode/search.jsp?publication=nrw-multiconfig#

Dass die Meggener Bürger auf diesen Tag gewartet haben, wäre übertrieben. In den letzten Jahren hatte das einst stolze Gebäude zwar immer weniger Fürsprecher, dennoch klingt gerade bei älteren Bürgern Wehmut mit. „Eigentlich ist es schade, dass der Bahnhof abgerissen wird, man kennt das hier ja nichts anders, aber man muss sich damit abfinden, in den letzten Jahren war er ja auch zu einem Schandfleck geworden“, erzählt Eleonore Grön. Die 80-Jährige ist gerade unterwegs zur „Abrissparty“ in der Nachbarschaft, wo so manche Meggener „Bahnhofsgeschichte“ noch einmal aufgewärmt wird.

Davon gibt es viele, denn das Gebäude mit seinem Kiosk und der angegliederten Unterführung, die einzige fußläufige Verbindung der beiden Meggener Ortsteile dies- und jenseits der Bahntrasse, hat viele Geschichten hervorgebracht - lustige, ernste, spektakuläre. „Da habe ich meine erste Zigarette geraucht“, erinnert sich Doris Hoffmann (59), Schwiegertochter des letzten Bahnhofswirts Hans Göbel. „Das Mobiliar der letzten Kneipe wurde erst am Mittwoch rausgerissen“, weiß Hermann Dörnemann, SPD-Stadtverordneter und 2. Vorsitzender des Heimatvereins „Mein Meggen“.

Wechselnde Wirte

Zuvor standen nach Recherchen von Klaus Hellermann, Archivar des Heimatvereins, nach dem ersten Wirt Alfred Fröhling unter anderem Herbert Hölzbeck, August Wabnitz und Alex Kramer hinter dem Tresen. Doch das letzte Bier in der Gaststätte „Zum alten Bahnhof“ ist schon vor langer Zeit gezapft worden.

Der erste Bahnanschluss in Meggen im Jahr 1869 war dem Bergbau vorbehalten, hier wurden Schwefelkies und Schwerspat abgebaut. Erst als die Ruhr-Sieg-Sieg-Strecke 1886 ein zweites Gleis bekam, hielten auch Personenzüge. 1893 wurden hier bereits 14444 Fahrkarten verkauft. „Traurige Berühmtheit erhielt Meggen, als in der Nacht vom 22. zum 23. November 1893 der Haltestellenverwalter im Dienst ermordet und die Kasse ausgeraubt wurde“, heißt es im Bildband „Menschen, Züge Bahnstationen“ von Dieter Tröps und Lennestadt Ex-Stadtarchivar Jürgen Kalitzki.

Dampflok-Zeit

1911 konnte der Ort Meggen dann die Einweihung seines Bahnhofs feiern. Bis 1968, als die Dampflok-Zeit zu Ende ging, war er eine selbstständige Dienststelle mit Fahrkartenausgabe, Gepäckabfertigung, Güterabfertigung und Rangierdienst, es war seine Blütezeit. Dann wurde der letzte Bahnhofsvorsteher Peter Tröster pensioniert und Meggen war bald danach nur noch Haltepunkt. Mit der Schließung der Firma Sachtleben 1992 verlor der Bahnhof auch seine Bedeutung für den Güterverkehr.

Einher mit dem Bedeutungsverlust ging der Niedergang des Gebäudes. Manfred Stachelscheid erinnert sich noch an Franz Köhler, der im Bahnhof wohnte, das Gebäude wie sein eigenes pflegte und die Fensterbänke mit Geranien bepflanzte. „Das war immer ein tolles Bild“. Andere Bewohner hatten andere Interessen. „In den 80er Jahren war da immer Action“, so Nachbar Andreas Rosenthal, „eine gesetzlose Zeit mit unklaren Verhältnissen.“ Und reichlich Besuch vom Ordnungsamt. Im Obergeschoss wurden wilde Partys gefeiert und, so Rosenthal, auch mal einige Damenslips an die Wand genagelt. Eigentlich Privatsache, doch wohl von außen einsehbar. Die Teilnehmer eines Beerdigungszugs, die auf dem Weg von der Kirche zum Friedhof bis heute durch die Fußgängerunterführung müssen, fühlten sich damals pikiert.

Abriss auf Raten

Die Stadt, die das Gebäude 1992 von der Bahn gekauft hatte, bekleckerte sich auch nicht mit Ruhm. 2001 verkaufte sie das Gebäude an einen privaten Investor, der nie investierte. Weil das Gebäude zunehmend verfiel, kaufte die Stadt es 2015 zurück, riss nach und nach den alten Kiosk und den Lagerschuppen ab um es nun - nach langer Diskussion um eine mögliche Sanierung - zu beseitigen.

In wenigen Tagen wird der Bahnhof Meggen verschwunden sein, in wenigen Jahrzehnten werden sich nur noch die Älteren im Ort an das Gebäude, das eng mit der Ortsgeschichte verbunden ist, erinnern.

Die Diskussion um das Grundstück wird wohl weitergehen. Nach Informationen unserer Zeitung aus dem Rathaus zeigt die Alevitische Gemeinde, derzeit in Maumke zuhause, Interesse, dort ein Gemeindezentrum oder ähnliches zu errichten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben