Letze Schicht bei DURA

Der Stachel nach der Werksschließung bei DURA sitzt tief

Das letzte offizielle Foto des DURA-Betriebsrats mit dem stellvertretenden Werkleiter Martin Ziegert, André Arentz (DGB), Dirk Rullich (IG Metall) und Bürgermeister Andreas Reinéry (rechts).  

Das letzte offizielle Foto des DURA-Betriebsrats mit dem stellvertretenden Werkleiter Martin Ziegert, André Arentz (DGB), Dirk Rullich (IG Metall) und Bürgermeister Andreas Reinéry (rechts).  

Foto: Volker Eberts

Selbecke.   Abschiedsstimmung, Frust, Wut, aber auch die Erinnerung an die guten Zeiten bestimmen die letzte Schicht im Selbecker DURA-Werk.

„Ich freue mich euch noch einmal zu sehen“, begrüßte Betriebsratsvorsitzender Vladislav Degtiarev am Dienstagmorgen die rund 40 Mitarbeiter und Ehemalige im Selbecker DURA-Werk im Kreis Olpe. Schlichte Worte mit viel Aussagekraft. Denn es war das letzte Mal, dass sich die Reste der Belegschaft in dem Werk versammelte. Gegen 13.30 Uhr wurde der Schlüssel der Eingangspforte endgültig umgedreht. Abschiedsstimmung, Rückblick auf die guten Zeiten, gegenseitiges Mutmachen für die Zukunft. Die letzte Schicht hatte viele Gesichter und wohl jeder seine ganz persönlichen Gefühle. „Es fühlt sich so an wie Liebeskummer. Es tut im Herzen weh“, so ein Mitarbeiter, der 30 Jahre lang bei DURA gearbeitet hat. Andere, wie Christoph Tröster, fühlten eher Wut im Bauch. „Das ist hier eine total konfuse Betriebsauflösung, es gibt keine klaren Ansprechpartner, nur zwei Telefonnummern an der Wand.“

Eine Menge Frust ist auch bei den Arbeitnehmervertretern hängen geblieben. Dirk Rullich von der IG Metall erinnert noch einmal an die wochenlangen Verhandlungen mit der Geschäftsleitung in den USA, die Aktionen wie Schweigemarsch, Demos, etc., letztlich alles umsonst. „Alle Erlebnisse sind dabei, auch für mich sitzt ein tiefer Stachel, für euch ist er sicherlich noch größer.“

Skandalöses Arbeitgeberverhalten

Auch André Arentz, Vorsitzender des DGB-Kreisverbandsvorstand, fand deutliche Worte. Er sei mit flauem Gefühl nach Selbecke gekommen. „Es macht mich wütend, wenn ich über das nachdenke, was in der letzten Zeit passiert ist.“ „Skandalös“ sei das Verhalten des Arbeitgebers gewesen. „Wenn wir irgendwas lernen müssen aus dem, was wir hier erlebt haben, wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Mitbestimmung.“

Auch der stellvertretende Werkleiter Martin Ziegert wandte sich zum letzten Mal an seine Mitarbeiter: „Das ist für keinen heute einfach, auch für mich nicht. Was hier in der letzten Zeit passiert ist, macht auch mich betroffen. Der Anlass ist hier heute sicherlich traurig. Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, dass ihr so mitgezogen habt und das hier zu Ende gebracht habt, was unser Job war“, lobte Ziegert seine Mitarbeiter.

Ein Lob, das auch für das gute Betriebsklima im Selbecker Werk steht. Viele waren mehrere Jahrzehnte hier beschäftigt, haben die „guten Zeiten“ hautnah miterlebt. Es waren die Jahre bis 1999, als der US-Konzern DURA Automotive das Werk von der Wilhelm Schade GmbH übernahm. „Unter Schade war das richtig familiär hier“, so Rentner Lambert Schmidt, 51 Jahre bei DURA beschäftigt. Renate Ditzer, 30 Jahre bei DURA: „Jeder hat jedem geholfen, es gab keinen Neid untereinander. Es hat Spaß gemacht hier zu arbeiten.“ Ab 1999 sei es vor allem um Profit gegangen, sind sich die Älteren einig. Und: Im im Gegensatz zum Hauptwerk in Plettenberg habe Selbecke immer Gewinn abgeworfen. Rentner Manfred Beckmann, 48 Jahre bei DURA: „Wir haben viel Geld mit dem Lkw nach Plettenberg gefahren.“ Diese Tatsache macht bei vielen den Frust über die Werkschließung noch größer. Nicht bei allen ist die Rente in Sicht, sie sind auf der Suche nach einem neuen Job. Zudem geht es für viele in den nächsten Wochen vor dem Arbeitsgericht um Abfindungszahlungen. Denn einen Sozialplan, d.h. eine Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber über den Ausgleich wirtschaftlicher Nachteile, gibt es nicht.

Nach vorn schauen

Aufmunternde Worte für die Zukunft hatte Kirchhundems Bürgermeister Andreas Reinéry für die Belegschaft mitgebracht. Die Ergebnislosigkeit sämtlicher Bemühungen zur Rettung des Werkes ärgere auch ihn, dennoch müsse man nach dem Tag der Zäsur positiv nach vorn schauen.

Er appellierte an die Mitarbeiter, die Identifikation mit Selbecke und dem Werk zu bewahren. „Mein Anliegen ist, haltet weiter zusammen, tauscht euch aus“, um sich gegenseitig zu helfen, auch bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen. „Lasst das, was hier in Selbecke gut war, weiter leben, das ist mein Appell an euch.“

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