Exklusiver Oldtimer

Die unglaubliche Geschichte eines Hanomag, Baujahr 1935

Der Hanomag-Oldtimer (Baujahr 1935) von Gerd Stamm aus Kirchhundem kann sich auch im hohen Alter immer noch sehen lassen. Seine Geschichte könnte für einen Roman herhalten.  

Der Hanomag-Oldtimer (Baujahr 1935) von Gerd Stamm aus Kirchhundem kann sich auch im hohen Alter immer noch sehen lassen. Seine Geschichte könnte für einen Roman herhalten.  

Foto: Foto: Privat

Kirchhundem.  Der Hanomag, Bj 1935, erlebte den Polen- und Russland-Feldzug, wurde hinter einem Hühnerstall eingemauert und landete schließlich im Sauerland.

Wenn alte Gegenstände aus ihrem „Leben“ erzählen könnten, kämen vermutlich die erstaunlichsten Geschichten zum Vorschein. Das gilt nicht zuletzt für urige Oldtimer auf vier Rädern, die so mancher Fan alter Autos in der Garage wie einen Schatz hüten. Gerd Stamm aus Kirchhundem, als streitbarer Kommunalpolitiker über die Grenzen Kirchhundems bekannt, hat einen solchen Schatz, genauer gesagt einen Hanomag, Baujahr 1935. Ein Oldtimer, der seinen Namen verdient, grün-beige lackiert, mit hellbraunen Ledersitzen, dem typischen großen Lenkrad der 30-er Jahre, der rechteckigen, langgezogenen zweigeteilten Motorhaube. Umstände, die das Fahrzeug besonders machen, Einzigartig ist allerdings seine Geschichte.

Stoff für einen Roman

Eine Geschichte, die als Stoff für einen Bestseller dienen könnte. Eine Geschichte, die vom Krieg erzählt, von Flucht und einem Hühnerstall, hinter dem der Hanomag mehrere Jahrzehnte eingemauert war. Eine Geschichte, die nur von Mund zu Mund weitergegeben werden konnte. Die ersten Hauptdarsteller sind verstorben, was angesichts des Auto-Baujahres nicht verwunderlich ist.

Durch viele Gespräche konnte der heutige Besitzer die Geschichte des stählernen Schmuckstückes rekonstruieren: Gerd Stamm, 72-jähriger Kfz-Meister aus Kirchhundem, gibt sie im Gespräch mit unserer Zeitung der Nachwelt weiter. Zum Glück.

Sie beginnt, wenig Aufsehen erregend, am 1. Juli 1935. Die Hannoveraner Autoschmiede Hanomag baut einen viersitzigen Pkw namens Garant. 23 PS stark, mit vier Sitzen. Mit einer Karosserie der Firma Karmann, die durch ihren Ghia unsterblich wurde.

Aus den Gesprächen mit den Vorbesitzern weiß Stamm, wer das Auto als erster gefahren hat: „Das war ein Bäcker aus Hannover. Dem gehörte der Hanomag aber nur bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges, dann wurde das Auto von Wehrmacht eingezogen.“

Von Polen nach Russland

Die weitere Odyssee folgte dem Kriegsgeschehen in Osteuropa: Zunächst rollte der Viersitzer über Polen nach Russland, dann wieder in die andere Richtung. Am Steuer der Chauffeur, ein Soldat aus Nümbrecht, auf den hinteren Sitzen ein Leutnant, vor dem Krieg Landwirt aus Masuren.

Stamm: „Die beiden haben auf der Flucht auf dem Bauernhof des Leutnants in Masuren Station gemacht.“ Um das Auto dem Anblick der russischen Soldaten zu entziehen - mit vermutlich tödlichen Folgen - griff das Duo zu einer ungewöhnlichen List: „Sie haben den Hanomag hinter einem Hühnerstall eingemauert. Und dort hat er 48 Jahre gestanden, ohne das Sonnenlicht gesehen zu haben. Denn der Leutnant hatte nicht nur Angst vor den Russen, sondern später auch vor den Polen.“ Das Fahrzeug mit Wehrmachtsemblem hätte ihn entlarvt.

Erst in den 90-er Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs besuchte der Wehrmachts-Chauffeur seinen alten Leutnant und Freund, und der Hanomag wurde schließlich aus seinem Grab befreit.

Hirschleder für die Sitze

Stamm: „Die Familie des Chauffeurs stammte aus Nümbrecht, der Sohn wohnt in Hagen. Nachdem der Leutnant seinem früheren Fahrer den Hanomag überlassen hatte, ließ der ihn gemeinsam mit seinem Sohn vor Ort in den Masuren original restaurieren.“ Dabei hätten die beiden großen Wert auf Originalität gelegt, wie Stamm versichert: „Die haben die Fahrgestellnummer bei Karmann angegeben, um herauszukriegen, wie es im Original mal ausgesehen hat.“ Das Wehrmachts-Oliv sei dem ursprünglichen Grün-Beige gewichen, ein Sattler habe die Sitze mit Hirschleder überzogen. Danach wurde der aufgemöbelte Hanomag sogar bei Sauerland-Rallys gefahren und konnte sich auf seine alten Tage vor neugierigen Blicken kaum retten.

Motorschaden mit Folgen

Bleibt die Frage, wie das Auto eigentlich den Weg nach Kirchhundem zur Kfz-Meisterfamilie Stamm fand? Durch einen kuriosen Zufall, wie Stamm erzählt: „Der Sohn des Wehrmachts-Chauffeurs blieb auf der Durchreise mit einem Motorschaden seines Audi in der Nähe unserer Werkstatt liegen, und wir haben ihn abgeschleppt.“ Gespräche über Gott und die Welt, sogar mehrjährige gegenseitige geschäftliche Beziehungen folgten und schließlich sei die Sprache auch auf den Hanomag gekommen.

Und die Augen des Kfz-Meisters müssen offenbar einen so starken Glanz der Begehrlichkeit bekommen haben, dass er den Hanomag kaufen konnte.

Gutachten anfertigen lassen

Stamm: Das war 2001, 2002 haben wir ein Gutachten beim Ingenieurbüro Sieler in Finnentrop anfertigen lassen.“ Stamms Sohn Christoph, selbst Kfz-Meister, hat die Leidenschaft seines Vaters offenbar geerbt: Er besitzt drei Original Audis (80, 90 und Quattro) aus den 80-er Jahren. Bei einem Hanomag-Treffen, erzählt er, habe er mehr über das familiäre Schmuckstück herausfinden wollen: „Die meinten, es gebe wohl nur noch drei Exemplare dieses Modells in Deutschland.“

Auf wie viel Euro der Gutachter den Wert des exklusiven Autos geschätzt habe, will Gerd Stamm nicht preisgeben. Ist auch egal, denn für den Seniorchef des Betriebs steht fest: „Das Auto soll in unserer Familie bleiben, es steht nicht zum Verkauf.“

Nebenjobs in der Politik

Aber vorher, wenn er dann irgendwann mal auf seine vielfältigen Nebenjobs in der Politik verzichten kann, will er das Auto mit Faltdach selbst über die Straßen des Sauerlandes steuern. Auf die logische Nachfrage, ob er also 2020 nicht mehr für die Unabhängigen Kirchhundemer im Gemeinderat antreten wolle, grinst er: „Das hängt davon ab, wen die CDU als Bürgermeisterkandidaten aufstellt.“ Dem Hanomag ist das vermutlich egal, Ehefrau Melanie eher nicht.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben