Arbeitsmarkt

Kreis Wesel: Aus der psychischen Krise zurück ins Leben

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Projektleiterin Karin Reising vom Jobcenter (rechts) und die Teilnehmenden Peter und Jessica.

Projektleiterin Karin Reising vom Jobcenter (rechts) und die Teilnehmenden Peter und Jessica.

Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Kreis Wesel.  Seelische Probleme und psychischen Krankheit machen unfähig zu arbeiten und zu leben. Das Jobcenter Kreis Wesel hat ein Angebot für Betroffene.

„Ich habe nur noch zu Hause die Wand angestarrt und keine Zukunft für mich gesehen.“ Bernd ist 54 und hat seit Jahren keine Arbeit. Peter (34) steckte „tief in einem depressiven Loch“, wie er selbst sagt. „Ich wollte nur die Hoffnungslosigkeit loswerden.“ Der gleichaltrigen Jessica ging es ähnlich. Alle drei haben das Projekt „Go for Job“ des Jobcenters zusammen mit den beiden Caritasverbänden im Kreis und der Akademie Klausenhof durchlaufen. Heute geht es ihnen gut und auf der Abschlussveranstaltung im Jobcenter Dinslaken hatten sie den Mut, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

„Go for Job“ hat es sich zum Ziel gesetzt, psychisch beeinträchtigte Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren – genauer: sie auf den Weg dorthin zu bringen, jeden und jede in dem Tempo, das er oder sie gehen kann und will. In der Zeit von Oktober 2019 bis Dezember 2022 haben 367 Frauen und Männer an den Standorten Wesel, Dinslaken, Moers und Rheinberg daran teilgenommen. Kornelia Zippel vom Jobcenter Kreis Wesel stellt fest, dass der Anteil der psychisch Kranken unter den Kunden des Jobcenters steigt. „Die Betroffenen erkennen nicht zeitnah, dass sie Unterstützung brauchen“, sagt sie. Mit der Folge, dass die Erkrankung sich verfestigt, im schlimmsten Fall zur Erwerbsunfähigkeit führt. Auch die soziale und berufliche Ausgrenzung in der Gesellschaft verschärft das Problem.

Den Weg finden und die Kraft haben, ihn zu gehen

„Go for Job“ unterstützt gezielt und individuell mit dem Plan, die Gesundheit zu stabilisieren, die soziale Teilnahme zu verbessern, Anbieter von Beratungen zu lokalisieren, zu schauen, was passt. „Wir suchen und finden den richtigen Weg. Gehen muss ihn jeder einzelne selbst“, beschreibt Zippel das. Menschen, die krank an Körper und Seele sind, sagt Martina Kröber von der Caritas. Sie leiden etwa unter Depressionen, was sich durch Antriebsschwäche, chronische Schlafstörungen und der Angst vor Herausforderungen des täglichen Lebens äußert. Oder unter Persönlichkeitsstörungen, Borderline, mit Stimmungsschwankungen, Beziehungsabbrüchen, ständigen Veränderungen und Misstrauen den Menschen gegenüber. Manche leiden unter Psychosen, haben den Bezug zur Realität verloren. Wer die Bereitschaft zur Veränderung mitbringt, kann im Projekt das Leben ordnen, sich Lebensmut, Selbstbewusstsein und Perspektiven erarbeiten.

„Ich konnte mit den Menschen reden, ohne verurteilt zu werden, weil ich arbeitslos bin“, beschreibt Bernd die für ihn befreiende Hilfe. „Im Privatleben hieß es immer: Wieso hast Du keinen Job? Kümmerst Du dich überhaupt? Warum schaffst Du das nicht? Das geht unter die Haut. Hier aber bin ich nur Mensch und muss nicht erklären, warum ich so bin.“ Auch Peter sagt, er habe sich nie minderwertig oder unzureichend gefühlt.

Die Teilnehmer werden gecoacht, bekommen Helfer an die Seite gestellt, auch psychologische Unterstützung. Auf die Frage, was „Go for Job“ von anderen Maßnahmen unterscheidet, sagt Bernd, dass es Lebensfreude vermittelt habe. Man sei auch kreativ und sportlich gewesen, sei mal aus dem Alltag herausgekommen. Peter hat besonders geholfen, dass es in diesem Programm weder Druck noch Zwang gibt.

Anderen Betroffenen Mut machen – es gibt einen Ausweg

Von den 367 Teilnehmenden haben 85 eine Arbeit gefunden, 94 eine Maßnahme begonnen. Und das, obwohl die Integration in den Arbeitsmarkt nicht oberstes Ziel war. Auch Bernd, Peter und Jessica haben ihren Weg gefunden. Für Peter war neu, dass es nicht nur darum ging, „was ich leisten kann, sondern auch darum, was mich glücklich macht“. Er schult jetzt im IT-Bereich um, Jessica hat eine Arbeit gefunden, die ihr Freude macht und Bernd beginnt am 1. Dezember seinen neuen Job. Die drei wollen Mut machen, sich Hilfe zu suchen, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Das Projekt ist beendet – die Hilfe beim Jobcenter geht aber weiter

Das Projekt „Go for Job“ ist abgeschlossen – es war auf drei Jahre angelegt. Als Maßnahme des Jobcenters Kreis Wesel soll die Arbeit aber im kommenden Jahr weiter gehen. Menschen die sich dafür interessieren, können sich an ihren Bearbeiter im Jobcenter wenden. Angesprochen sind Erwerbsfähige, die Arbeitslosengeld II beziehen und bei denen psychische Auffälligkeiten, Suchtprobleme oder lange Arbeitsunfähigkeit festgestellt wurden. In der Regel nehmen sie acht Monate an der Maßnahme teil.

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