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Kreis Wesel: Kleiner Hund will mal Kriminellen Angst machen

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Spielend bis zur Diensthundeprüfung

Spielend bis zur Diensthundeprüfung

Schäferhündin Jette wird zur Diensthündin der Polizeistaffel im Kreis Wesel ausgebildet.

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Kreis Wesel.  Öfter mal herzhaft zubeißen – das muss die kleine Hündin Jette erst lernen: Wie aus dem verspielten Welpen ein Polizeihund im Kreis Wesel wird.

  • Die Polizei im Kreis Wesel bildet die kleine Hündin Jette zum Diensthund aus
  • Welcher Welpe eignet sich für den Polizeidienst? Wie sieht Jettes Ausbildung aus?
  • Was muss ein fertiger Schutzhund beherrschen? Ist die Rasse Malinois auch für Privatleute geeignet?
  • Und was ist zu tun, wenn man von einem Diensthund gestellt wird? Wir haben Jette und ihren Hundeführer besucht

Jette schießt über die Wiese ihrem heiß geliebten Ball hinterher: Ein sieben Monate altes Energiebündel der Rasse Belgischer Schäferhund, eine Malinois. Freundlich, verspielt, aufmerksam, ständig unter Strom und immer mit einem Blick auf Nils Krüßmann. Was der wohl gerade für neue Abenteuer für sie ausheckt?

Der 31-Jährige ist Polizeioberkommissar und in den kommenden Monaten wird er Jette zur sechsten Diensthündin der Polizeistaffel im Kreis Wesel ausbilden. Da ist noch so viel, das die junge Hündin lernen muss. Und auch Krüßmann ist auf diesem Gebiet Azubi, Jette ist seine erste Diensthündin, sein erster Hund überhaupt. Da gibt es jede Menge Hausaufgaben, für beide. Polizeihauptkommissar Marco Steinhauf ist Trainer im Diensthundewesen, arbeitet selbst aktuell mit seinem fünften Hund und begleitet die Ausbildung dieses neuen Mensch-Tier-Teams.

Geeigneter Diensthund für die Polizei? Wer gern spielt, lernt auch gut

Was muss ein Welpe mitbringen, um ein Diensthund werden zu können? Polizeihunde kommen in der Zucht der Landespolizeischule in Schloß Holte-Stukenbrock zur Welt. „Die Welpen müssen einen großen Spieltrieb, eine hohe Motivation und Selbstsicherheit zeigen,“ erläutert Steinhauf. Und nicht zuletzt sollen sie kerngesund sein. Wenn sie in der Regel im Alter von acht Wochen Schloß Holte-Stukenbrock verlassen, kommen sie schon mit Situationen klar, die manchen Privathund den Schwanz einziehen lassen: glatte Böden, dunkle Räume, Gitterrosttreppen – alles kein Thema für diese Kleinen.

Jette gehört zu den Hunden, die noch einige Monate weiter dort trainiert wurden: Erst vor drei Wochen hat Krüßmann die Hündin bekommen. Durchaus eine Herausforderung für den jungen Polizisten und seine Familie, immerhin hat er zwei kleine Kinder. „Die ersten zwei Wochen haben wir damit verbracht, eine Bindung aufzubauen“, sagt er. Spielen, spazieren, sie mit den Kindern vertraut machen. Und die Schuhe der Familie in Sicherheit bringen, auf die hat Jette es besonders abgesehen.

Hundeausbildung bei der Polizei: Belohnung und Spiel statt Strafe

Jetzt geht es spielerisch an den Grundgehorsam: Sitz, Fuß, Platz! Das kann die Hündin eigentlich. Manchmal ist die Welt aber unwiderstehlich. Bei unserem Treffen lenkt der lange Typ mit der Kamera ab. Was macht der da? Schon gut Chef, ich sitze ja, sagt ihr Blick.

Suchspiele stehen an, verstecktes Spielzeug finden, Beute machen. „Alles läuft spielerisch“, sagt Steinhauf. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat sich die Hundeausbildung bei der Polizei geändert, soll gewaltfrei sein und auf positiver Bestärkung beruhen, dem Prinzip Belohnung also. Für Jette bedeutet das aktuell quasi den ganzen Tag Aufmerksamkeit und Spannung, sie genießt es sichtlich. Malinois brauchen viel Auslastung. „Das sind keine Hunde für Anfänger“, sagt Steinhauf, Privatleute seien kaum in der Lage diese Tiere hinreichend zu beschäftigen. „Ein Sofahund? Ja, aber dann hast Du kein Sofa mehr“, scherzt Krüßmann. Diese Hunde stehen ständig unter Strom, wollen arbeiten und suchen sich zur Not die Beschäftigung selbst.

Zukünftiger Diensthund im Kreis Wesel: Jette wird sich unbesiegbar fühlen

Erst im Laufe der Zeit wird Jette lernen, dass auch Menschen auf Kommando „Beute“ sein können. Sie wird im Training Auseinandersetzungen stets gewinnen, mit immer mehr Belastung klar kommen. Situationen in Stadien werden geübt, Menschen werden sie bedrängen, schreien, Lärm machen, Dinge nach ihr werfen und ihren Hundeführer angehen. Sie wird lernen, mit all dem souverän fertig zu werden, sich unverwundbar zu fühlen. Und nach zwei Jahren steht die erste Prüfung an: drei nicht sichtbare Gegenstände in einem Areal von 800 Quadratmetern finden, zwei Personen in einem Gebäude stellen – davon ist einer im Schrank versteckt. Flüchtige verfolgen, stoppen, festhalten (diese „Flüchtigen“ haben anders als echte gepolsterte Jacken an). Schafft sie das, hat sie die „Grundschule“ absolviert.

Das lässt ahnen: Ausgebildete Diensthunde sind keine Kuscheltiere und, wie Steinhauf erläutert, sie unterscheiden auch nicht zwischen Freund und Feind. Menschen, die ein Polizeihund stellt, sollten sich tunlichst nicht bewegen. Dann beißt auch die erwachsene Jette nicht, sondern bellt, bis ihr Hundeführer sie abruft. Weglaufen ist in so einer Situation die dümmste Idee, dann wird sie folgen, beißen und festhalten, ihren Job tun. Im Juristendeutsch ist Jette nämlich ein „Hilfsmittel der körperlichen Gewalt“ und diese Aufgabe wird sie gern erfüllen. Heißt: Dieser Hund diskutiert nicht. „Wir rufen immer, bevor der Hund zum Einsatz kommt. Jeder hat die Gelegenheit, selbst rauszukommen.“ Ungefragt anfassen sollte man Polizeihunde, wie übrigens alle Hunde, auch außerhalb von Einsatzsituationen nicht. Davon weiß Jette aber noch nichts. Aktuell möchte sie am liebsten mit jedem und jeder kuscheln.

Nach der „Grundschule“ kann es weiter gehen

Hat die Hündin die Schutzhundeausbildung absolviert, ist sie ein Diensthund. Sie kann aber noch zur „weiterführenden Schule“ gehen: Personenspürhund werden, beispielsweise. Jette, meint Steinhauf, könnte das Zeug zur Drogenspürhündin haben. Man wird sehen, „wir stehen noch ganz am Anfang“, sagt Nils Krüßmann – bei dem sie am Ende ihrer Karriere auch ihren Ruhestand verbringen darf, er beginnt mit etwa zehn Jahren.

Von den sechs Diensthunden im Kreis Wesel sind drei in der neuen Wache in Voerde für das Rechtsrheinische stationiert, die übrigen in Neukirchen-Vluyn fürs Linksrheinische. Zum Einsatz können sie im ganzen Kreisgebiet, aber auch deutschlandweit kommen. Und: Häufig reicht der Anblick der unerschrockenen Vierbeiner vollkommen aus, um Kriminelle gefügig zu machen. Böse gucken muss Jette aber auch noch lernen.

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