Lockdown

Zwei Letmather Modehändler finden die Coronaregeln ungerecht

Carina Dechêne vom Textilhaus Detex testet eine analoge Alternative zum Onlineshop: Kunden können Kleidung bestellen, die in nummerierten Schaufenstern ausgestellt wird.

Carina Dechêne vom Textilhaus Detex testet eine analoge Alternative zum Onlineshop: Kunden können Kleidung bestellen, die in nummerierten Schaufenstern ausgestellt wird.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe  Textilhändler sind derzeit auf kreative Lösungen angewiesen - Aktionen auf Facebook und Instagram erreichen ältere Kunden nicht.

Im Ladenlokal von „Mann + Mode Blumberg“ an der Hagener Straße herrscht reges Treiben. Kunden, die sich über die neuesten Modetrends für den gestandenen Mann informieren? Schön wär‘s! Am 15. Dezember hat Inhaber Frank August Blumberg am Abend die Ladentür verschlossen – seitdem bleibt sie zu. Der Textilbetriebswirt nimmt heute mit seinem Team, das ansonsten zur Untätigkeit verdammt ist, die Jahres-Inventur vor. Das sorgt wenigstens kurzzeitig dafür, dass Blumberg einmal auf andere Gedanken kommt.

Denn Gedanken, das merkt man schnell, hat sich der Textilbetriebswirt reichlich gemacht – über das Vorgehen der Politik in der Pandemie, die Einschränkungen des Handels und die Frage, wann endlich wieder alles „normal“ ist. Und so braucht es nur ein Stichwort und Blumberg legt los. „Ich bin stinksauer. Meine Kollegen und ich sind die Bauernopfer der Pandemie“, klagt Blumberg. Die Lage sei ernst, sehr ernst. „Ich sage jedem: ,Stell Dir vor, wie es ist, wenn bei Dir vier Monate gar kein Geld reinkommt, die Ausgaben aber weiterlaufen‘, erst dann verstehen viele, was wir durchmachen“, so Blumberg.

Es ist ein fataler Kreislauf: Dicke Jacken und Pullover füllen die Regale, aber schon bald wird die bestellte Frühjahrsware geliefert und muss bezahlt werden – egal, ob der Laden offen ist oder nicht. Die Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, das ist für Blumberg keine Alternative: „Die brauchen ihr Geld ja auch“ Die Unterstützungsprogramme der Regierung habe er einmal in Anspruch genommen und 9000 Euro erhalten. Auch für den zweiten Lockdown ab dem 16. Dezember soll es Hilfen geben. Aber: „Da gibt es bis heute keine Informationen. Wir Händler werden allein gelassen.“

Blumberg fühlt sich im Vergleich mit anderen Geschäften ungerecht behandelt. „Bei Aldi verkaufen sie auch Kleidung und ich darf das nicht. Dabei geht es dort viel enger und voller zu als bei mir“, ist er überzeugt. Bis zur Schließung habe er in seinem rund 200 Quadratmeter großen Ladenlokal alle Hygienevorschriften bestens einhalten können, zumal ja immer nur wenige Kunden gleichzeitig eingekauft hätten. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass man die Großen schont und den Mittelstand, also die Menschen, die in einer Stadt Gewerbesteuer zahlen, so schlecht behandelt“, erklärt der Modehändler.

Wie geht es weiter mit ihm, mit „Mann + Mode“ und mit der Pandemie? „Aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Meine Familie betreibt das Geschäft in der dritten Generation. Wir sind eine Einzelfirma, da hängen unser Privatvermögen, das Haus und die Altersversorgung drin – da kann man nicht einfach sagen ,Jetzt ist Schluss!‘“, erklärt Frank Blumberg. Um die Kunden nicht ganz an Online-Händler zu verlieren, bietet er einen Telefon-Service an: Kunden können Kleidungsstücke bestellen, abholen und zu Hause in Ruhe anprobieren. Auch Gutscheine, die Weihnachten verschenkt wurden, können eingelöst werden. So wolle man zeigen: „Seht her, wir sind noch da“, aber natürlich sei das kein finanzieller Ausgleich, steht für Blumberg fest.

So sieht es auch Carina Dechêne vom Textilhaus „Detex“. Sie hat die Schaufenster nummeriert, um den Kundinnen nach dem Schaufensterbummel die telefonische Bestellung zu erleichtern. Die Ware kann nach Vereinbarung zur Anprobe abgeholt werden. Außerdem gibt es einen Änderungsservice. Aber: „Wir sind ein Fachgeschäft besonders für ältere Damen und diese meiden derzeit den Weg in die Stadt. Die Einnahmen sind deshalb nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt die Einzelhändlerin, deren Geschäft seit 70 Jahren in Familienbesitz ist. Ein Online-Shop oder der Verkauf über mobile Dienste kommt für sie nicht Frage: „Das ist für meine Zielgruppe einfach nicht sinnvoll.“

Einen Antrag auf Förderung habe sie zwar gestellt – aber bislang kein Geld erhalten. Auch Dechêne, die von ihrem bisherigen Hygienekonzept überzeugt ist, ärgert die Ungleichbehandlung: „Ich kann nicht sehen, warum ein Blumenladen oder ein Sportwettengeschäft lebensnotwendig ist, aber meinen Laden machen sie zu.“ Im Hinblick auf die großen Discounter werde mit zweierlei Maß gemessen. „Wir bilden aus, übernehmen Verantwortung für die Gesellschaft und müssen dafür nun büßen.“ Die Folge? „Wenn die kleinen Läden aufgeben, dann werden die Innenstädte veröden – eine schreckliche Vorstellung“. Für Dechêne gibt es deshalb nur eine Lösung: „Es muss wieder aufgemacht werden – so schnell wie möglich!“

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