Medizin

Coronavirus: Wie eine Chinesin derzeit Deutschland erlebt

Die Familie von Hong-Xia Zheng (rechts) in Xi’an. Das Bild zeigt auch ihren 90-jährigen Vater.

Die Familie von Hong-Xia Zheng (rechts) in Xi’an. Das Bild zeigt auch ihren 90-jährigen Vater.

Foto: Privat

Meschede/Arnsberg.  Hong-Xia Zheng ist Dozentin an der FH in Meschede. Sie blickt mit Sorge nach China und erlebt, wie sich die Stimmung in Deutschland verändert.

Seit 31 Jahren lebt Hong-Xia Zheng im Hochsauerland. Die 53-jährige Dozentin an der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede blickt in diesen Tagen mit Sorge nach China: Ihr 90-jähriger Vater und ihre Geschwister leben in der Kaiserstadt Xi’an. Freunde, ehemalige Kommilitonen und Professoren kennt sie noch aus ihrer Studienzeit in der besonders betroffenen Millionenstadt Wuhan. Sie versteht die Vorsichtsmaßnahmen, die wegen des Coronavirus dort und mittlerweile auch in Europa ergriffen werden. „Die Verantwortung ist einfach zu groß.“


Wie haben Sie selbst von der Epidemie erfahren?

Hong-Xia Zheng: Ich habe fast täglich Kontakt zu meiner Familie, vor allem über den chinesischen Messengerdienst „WeChat“. Am Anfang gab es nur vereinzelt Gerüchte über einen Virus in Zentralchina, dann, rund ums chinesische Neujahrsfest, am 25. Januar, verdichteten sie sich. Ein paar Tage danach wurde auch in meiner Heimatstadt eine Ausgangssperre verhängt. Nur jeden zweiten Tag darf ein Familienangehöriger auf die Straße, um Besorgungen zu erledigen. Wer ohne Mundschutz angetroffen wird, muss mit Strafen rechnen. Das ist umso dramatischer, weil die Masken vielerorts in China schon seit längerem ausverkauft sind. Gott sei Dank sind alle in meiner Familie und auch meine Freundinnen gesund geblieben.

Wie kommen die Menschen mit der Ausgangssperre klar?

Die Firmen sind angehalten, die Löhne weiterzuzahlen. Aber wie lange ist das noch möglich, wenn man nicht produziert? Besonders betroffen sind die Wanderarbeiter, die nur dann Geld verdienen, wenn sie auch arbeiten. Diese Epidemie verursacht einen immensen Schaden für die chinesische Wirtschaft. Die Auswirkungen machen sich jetzt auch langsam in Deutschland bemerkbar. Und die Menschen? Sie machen das Beste daraus, sind gezwungenermaßen vorsichtig, diszipliniert und gelassen. Der Schulbeginn nach den Ferien wird verschoben, und die Schüler werden online unterrichtet. Es gibt durchaus so etwas wie Galgenhumor, aber leider auch sehr viele tragische Einzelschicksale und Ungerechtigkeiten. Für die Gemeinschaft sind die strengen Maßnahmen jedoch unerlässlich.

Sie haben auch Kontakt zu deutschen Firmen?

Ich arbeite auch als selbstständige Kulturtrainerin für Firmen. Da bekommt man schon mit, dass sich Betriebe sorgen, weil Ersatzteile fehlen. Asienbesuche wurden abgesagt. Auch die Sprachkurse sind unterbrochen.

Sie waren nicht in China, die Arbeitnehmer, die Sie unterrichten auch nicht. Warum werden dann Sprachkurse abgesagt?

Dafür habe ich Verständnis. Die Firmen sind in Sorge. Die Verantwortlichen müssen für das Unternehmen Entscheidungen treffen. Deswegen wollen sie absolut jedes denkbare Risiko vermeiden. Durch diese Epidemie ist noch einmal deutlich geworden, wie eng die Welt mittlerweile zusammengewachsen ist. Wenn ein Teil des Schiffs einen Schaden erleidet, wird es für alle auf dem Schiff gefährlich. So sehe ich unsere globalisierte Welt heute.

Erleben Sie denn persönlich auch, dass Menschen Sie meiden?

Nein, ich lebe schon 31 Jahre in Arnsberg, habe meine Freunde und meine Familie hier. Ich kann damit umgehen. Wer leidet, sind die jungen Austausch-Studenten, die noch nicht so fest verwurzelt sind. Eine Studentin, die erst in Meschede studiert hatte und jetzt ein Praktikum in Hamburg macht, berichtete mir, dass Menschen in der U-Bahn von ihr abrückten, den Mantelkragen hochschlugen und tuschelten. Das hat sie sehr getroffen. Ich habe ihr geraten damit offen umzugehen. Sie war seit Monaten nicht in China. Von ihr geht nicht mehr Gefahr aus, jemanden anzustecken, als von jedem anderen hier in Deutschland. Sie muss eben lernen, dass die Menschen irrational reagieren, wenn sie Angst haben.

Und wie reagieren die Sauerländer?

Viele nehmen Anteil. Mein Chor hat letztens ein kleines Video aufgenommen, in dem wir „Viel Glück und viel Segen“ für Wuhan singen. Das habe ich an Freunde in Wuhan geschickt. Das gab eine riesige Resonanz. Die Menschen in Wuhan waren gerührt, dass Deutsche an sie denken.

Sie planen eine China-Reise mit der Volkshochschule in den Herbstferien? Steht die jetzt auf der Kippe?

Nein, da bin ich sehr optimistisch. Die Reise findet erst im Oktober statt. Es heißt, das Virus vertrage die Hitze nicht und in Wuhan kann es im April schon bis zu 30 Grad warm werden. Ich denke, dass die Epidemie im Herbst längst überwunden sein wird. Von den Leuten, die sich bereits angemeldet haben, ist keiner in Panik geraten. Sie haben alle sehr gelassen reagiert.

>>> Zur Person

Hong-Xia Zheng ist Chinesisch-Dozentin an der heimischen Fachhochschule Südwestfalen in Meschede. Sie arbeitet außerdem als freiberufliche Übersetzerin, Dolmetscherin, Reiseleiterin und interkulturelle Trainerin.

Die 53-Jährige ist mit dem Arnsberger Dr. Gerhard Brüser verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder. Hong-Xia Zheng kam vor 31 Jahren im Rahmen des internationalen Kurz-Geschichten-Colloquiums nach Arnsberg.

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