Gesundheit

Mediziner warnt nach Unfall in Meschede vor Schichtdienst

Wer sich müde ins Auto setzt, riskiert Unfälle. Nacht- und Wechselschichten sind eine oft unterschätzte Gefahr - im Straßenverkehr und für die eigene Gesundheit..

Wer sich müde ins Auto setzt, riskiert Unfälle. Nacht- und Wechselschichten sind eine oft unterschätzte Gefahr - im Straßenverkehr und für die eigene Gesundheit..

Foto: Jürgen Kortmann

Meschede/Brilon.  Ein Schichtarbeiter steht vor Gericht, weil er einen Unfall verursacht hat. Ein Arbeitsmediziner erläutert die Gefahren der Wechselschichten.

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Der Mescheder fühlte sich fit. Direkt nach der Nachtschicht hatte er sich noch ins Auto gesetzt, um nach Arnsberg zu fahren. Auf dem Rückweg fielen ihm die Augen zu und er steuerte gegenüber vom Mescheder Schwimmbad in den Gegenverkehr. Vor Gericht wurde er verurteilt, weil der Unfall laut Ansicht des Richters vermeidbar gewesen wäre.

Regelmäßige Nachtschichten sind eine oft unterschätzte Gefahr im Straßenverkehr. Wir sprachen darüber und über die weiteren Folgen von Nacht- und Wechselschichten mit dem Arbeitsmediziner Dr. Bernd Walters aus Brilon.

Was macht Schichtarbeit mit dem Körper?

Dr. Bernd Walters: Schichtarbeit bringt den Stoffwechsel durcheinander. Der Körper stellt sich auf einen Schlaf/Wach-Rhythmus mit regelmäßigen Mahlzeiten ein. Besonders belastend sind Wochenschichten, wie es sie bei der Polizei oder der Bahn gibt, denn der Körper braucht drei bis vier Tage, um sich auf das neue Modell umzustellen. Besser ist es, wenn - wie im Krankenhaus - Schwestern ausschließlich Nachtdienste machen. Eine Umstellung von Früh- auf Spätschicht ist nicht so problematisch. Kurze Wechsel sind besser für den Körper.

Welche Folgen gibt es für Körper und Psyche?

Magenbeschwerden durch die unregelmäßige Nahrungsaufnahme und Schlaflosigkeit beobachtet man häufig. Dazu kommen Reizbarkeit und depressive Verstimmungen.

Manche Menschen verkraften das aber besser?

Gut ist Nacht- oder Schichtarbeit nie. Aber grundsätzlich fällt jungen Menschen die Umstellung leichter. In manchen Betrieben wird man daher ab 55 nicht mehr unbedingt in den Schichtdienst eingebunden. Bei anderen Betrieben wird da keinerlei Rücksicht genommen. Aber jemanden gegen seinen Willen im Schichtdienst zu halten, das halte ich für problematisch.

Welche Gefahren bestehen, wenn man sich nach der Nachtschicht noch ins Auto setzt?

Dann noch eine kurze Strecke nach Hause zu fahren, das halte ich für unproblematisch, aber schon nach Arnsberg und zurück scheint mir zu weit. Bedenken Sie: Ein Lkw-Fahrer darf nur viereinhalb Stunden am Stück fahren und muss dann eine Pause machen. Unser Schichtarbeiter hat aber schon acht Stunden Arbeitszeit hinter sich, bevor er sich ans Steuer setzt. Die Folgen kann sich jeder selbst ausrechnen.

Gibt es Alarmzeichen, die man beachten sollte?

Das Problem ist, dass die Leute denken: „Es klappt schon, die halbe Stunde schaffe ich jetzt auch noch.“ Wer aber merkt, dass er kurze Absencen hat oder dass ihm die Augen zufallen, der sollte an den Straßenrand fahren. Denn schon eine halbe Stunde Kurzschlaf hilft, um sich deutlich fitter zu fühlen.

Kann man den Stress, den die Schichtarbeit im Körper bewirkt, durch seinen sonstigen Lebenswandel positiv beeinflussen?

Da habe ich leider auch kein Geheimrezept. Der Organismus muss sich anpassen, und das dauert beim einen länger als beim anderen. Bewegung und gesunde Ernährung sind zwei Punkte, aber die gelten für jeden, der auf seine Gesundheit achten will. Doch gerade dem Schichtarbeiter wird das ja schwer gemacht, weil man mit unregelmäßigen Schichten nicht in der Lage ist, beispielsweise an regelmäßigen Sportkursen oder an Treffen mit Freunden teilzunehmen, also seine sozialen Kontakte zu pflegen - alles Dinge, die ansonsten zur Gesunderhalten beitragen.

Wie wichtig ist die innere Einstellung?

Das spielt natürlich eine gewisse Rolle, aber letztlich fordert der Körper sein Recht. Das kann man auch nicht mit einer inneren Einstellung überwinden. Da muss man schon auf seinen Körper hören.

Wie können Arbeitgeber den Schichtarbeitern entgegenkommen?

Wichtig ist, dass man die Probleme miteinander bespricht. In Alten- und Pflegeheimen gibt es häufig Mitarbeiter, die nur Nachtschichten machen wollen. Das ist letztlich besser für den Körper als Wechselschichten. Die meisten Arbeitgeber sind in solchen Fällen auch kooperativ, aber man muss einen Partner auf der anderen Seite finden, der nur in die Tagschicht geht. Gegen den Willen der Kollegen sind Änderungen kaum durchzusetzen.

HINTERGRUND

Jeder Unternehmer, egal ob Friseur oder Gießerei-Besitzer, ist verpflichtet, seinen Arbeits- und Gesundheitsschutz zu organisieren. Dazu gehören Sicherheitskräfte und die betriebsärztliche Betreuung. Mit der betriebsärztliche Betreuung kann nur ein Arbeitsmediziner oder Betriebsarzt beauftragt werden oder vom Unternehmen eingestellt werden.

Dr. Bernd Walters war fast 30 Jahre lang hauptberuflich Allgemeinmediziner, bevor er sich ganz auf seine Tätigkeit als Betriebsarzt konzentrierte. Der 65-Jährige betreut rund 40 Betriebe und Altenheime unterschiedlicher Größe vorrangig im Altkreis Brilon, außerdem die Mitarbeiter des Hochsauerlandkreises. Insgesamt rund 2000 Personen.

In Meschede gibt es das Betriebsarztzentrum, gegründet und finanziert durch Arbeitgeber. Dort war niemand bereit zum Thema „Die Problematik der Nachtschicht“ Stellung zu nehmen.

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