Schlosstheater

Das Moerser Schlosstheater lässt mal die Organe sprechen

Die Premiere von „Körperatlas“ ist eine Expedition in die Eingeweide

Die Premiere von „Körperatlas“ ist eine Expedition in die Eingeweide

Foto: Kristina Zalesskaya

Moers.   Schlosstheater und Theaterkollektiv „vorschlag:hammer“ dringen in die Tiefen des menschlichen Körpers ein. Was hat uns die Gallenblase zu sagen?

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Eine außergewöhnliche Expedition feierte am Freitag Premiere im Schlosstheater (STM). Unter dem Titel „Körperatlas“ begaben sich STM-Mitglieder zusammen mit Schauspielern des Theaterkollektivs „vorschlag:hammer“ auf eine Forschungsreise in den menschlichen Körper.

Wie sehen Hormone aus? Wie klingt Verdauung als Musik? Was wünscht sich eine Gallenblase? Und warum kann der Blinddarm nicht sehen? Aus der Perspektive von Herz, Zunge, Pupille und Darm beobachten die Akteure Prozesse von Atmung und Verdauung, vom Wachsen und Entstehen, aber auch von Verfall und Krankheit. Die mikroskopischen Prozesse, die tagtäglich ablaufen, werden unter die Lupe genommen und auf der Bühne vergrößert. Wie „politisch“ ist unser Körper selbst organisiert und was erzählt er über die Gesellschaft, in der wir leben?

Spannender hätte man ein Theaterstück kaum ankündigen können. Umso interessanter zu sehen, wie Patrick Dollas, Lena Entezami, Kristofer Gudmundsson, Matthias Heße, Gesine Hohmann, Stephan Stock und Philipp Scholtysik dies schauspielerisch und dramaturgisch umsetzen. Würde es gruselig werden, vielleicht sogar Blut fließen?

Aus dem Leben eines Herpes-Virus

Doch nichts von alledem: Auf der Bühne bewegten sich meist fünf in blau und rosa/orange gefärbten Jogginganzügen bekleidete Akteure mit skurrilen Masken und Gebilden auf dem Kopf. Permanent besprüht von teilweise mit Lichteffekten illuminierten Wasserfontänen, die wohl den Blutkreislauf und die Nervenbahnen (oder die Synapsen im Gehirn?) symbolisieren sollten. Ein Uterus und eine Gallenblase in Form einer phrygischen Mütze waren deshalb zu erkennen, weil sie sich ausführlich selbst vorstellten. Auch ein viel gereistes Herpes-Virus erzählte aus seinem Leben.

Bakterien und Hormone gaben sich in gemeinsamen Liedern ein Stelldichein. Begleitet von klassischer Musik saugte ein zotteliges Herz (oder doch ein Darm?) den Bühnenboden: „Vielleicht Töne, die Organe in einem harmonisch funktionierenden Körper hören?“, orakelte ein Besucher.

Gesellschaftliche Bezüge sind subtil versteckt

Gesellschaftliche Bezüge waren zwar vorhanden, aber subtil versteckt. Überhaupt war statt realistischer Bilder am Freitag vor allem Fantasie gefragt: „vorschlag:hammer entwickelt seit 2009 als Kollektiv Theaterproduktionen Die Gruppe ist dafür bekannt geworden, mit minimalistischen performativen Mitteln das klassische Erzähltheater zu modernisieren“, heißt es.

„Ich habe die Schmetterlinge im Bauch vermisst“, war eine junge Zuschauerin etwas enttäuscht. „Ein kunterbuntes Schauspiel, dem aber ein bisschen mehr an Text vielleicht nicht geschadet hätte“, meinte ein etwas ratloses Besucherpaar am Schluss. An Beifall ließ es das Publikum im voll besetzten Schlosstheater dennoch nicht fehlen.

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