Schwerbehinderte suchen WG

Das Streben nach Selbstbestimmung in Moers

Foto: Volker Herold

Moers.   Juliane und Andreas wollen eine WG gründen und suchen Mitbewohner. Kennengelernt haben sie sich, weil sie das gleiche Schicksal teilen.

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Ungefähr ein halbes Jahr reift nun schon der Wunsch in Juliane Klimt und Andreas Holtwick aus Moers, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Es soll eine Wohngemeinschaft mit vier Personen werden, vielleicht auch sechs. Sympathisch sollen die potenziellen Mitbewohnerinnen oder Mitbewohner sein. Es müsse halt passen, finden ihre Eltern. Diese Wünsche an die Traum-WG werden in Deutschland täglich wohl tausendfach gestellt. Und dennoch: Ein gewöhnliches Zusammenleben wird es mit den beiden nicht geben.

Juliane ist 31 Jahre alt, Andreas wird noch im Oktober 37. Sie sind schwerbehindert. Zu 100 Prozent. Beide hatten jeweils unabhängig voneinander einen schweren Autounfall. Sie haben dabei große Hirnschäden davon getragen. Bei Andreas ist das mittlerweile 15 Jahre her, bei Juliane zwölf. Anschließend lagen sie im Koma, mussten alltägliche Abläufe vollkommen neu erlernen. Zum Beispiel wie man eine Bürste benutzt, berichtet Christina Holtwick. Vieles schaffen sie mittlerweile schon wieder allein.

Andreas und Juliane lernen sich nach den Unfällen kennen

Vor ihren Unfällen kannten sich Andreas und Juliane nicht. Gemeinsame Bekannte haben die Familien zusammengebracht und den Kontakt hergestellt. „Wir möchten gerne zusammen in eine WG ziehen, in der wir möglichst selbstbestimmt unsere Zeit gestalten können“, erklären sie. Noch leben sie in ihren Elternhäusern. Weil noch Mitbewohnerinnen oder Mitbewohner für die Vierer-WG fehlen, haben sich Andreas und Juliane mit ihren Eltern an lokale Medien gewandt.

Sie hoffen, dass jemand auf ihre Geschichte aufmerksam wird, der eventuell Leute kennt, die in ihrem Umfeld eine ähnliche Situation erlebt haben und ebenfalls Interesse zeigen, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Sonst kämpfe jeder nur für sich. „Sie müssen nicht zwingend im Rollstuhl sitzen“, sagt Wilfried Holtwick. Welche Behinderung die Leute hätten, sei letztlich egal, sagt Andreas’ Vater. Genauso irrelevant sei das Alter der jeweiligen Bewohner. „Wenn wir das von vornherein eingrenzen, schränkt das ja die Suche nur ein“, erklärt Hans-Peter Klimt. „Hauptsache es passt“, sind sich die Familien Klimt und Holtwick einig. Möglichst in der Umgebung wollen sie aber schon bleiben. In Moers, Kamp-Lintfort oder Neukirchen-Vluyn.

Der Plan bis zur eigenen Wohnung hat mehrere Stufen

Der Plan bis zur eigenen Wohnung hat mehrere Stufen. Noch sind sie bei der ersten: Geeignete WG-Partner finden. Anschließend geht es auf die Suche nach einem barrierefreien Gebäude. Die Betreuung in der neuen Bleibe wird rund um die Uhr nötig sein. „Eine Nachtbereitschaft muss vor Ort sein“, sagt Gabi Klimt. Spezielle Heimplätze für Behinderte werden in Zukunft nicht mehr neu geschaffen. Die bereits existierenden Plätze sind häufig langfristig belegt, da die Bewohner dort nicht selten über 30 oder 40 Jahre bleiben.

Daher handeln Juliane und Andreas initiativ. Theoretisch könnten sie auch zu zweit eine WG gründen. Dann hätten sie aber eben nur sich. Sie suchen weitere soziale Kontakte, aus denen Freundschaft entstehen kann. Wenn es mal Streit innerhalb der Gemeinschaft gibt, müsse dieser ja auch geschlichtet werden, sagen sie. Hauptsache nicht alleine sein.

„Irgendwann muss man den Absprung wagen“

Der mögliche Auszug hat aber auch ganz pragmatische Gründe. „Irgendwann muss man den Absprung wagen“, sagt Wilfried Holtwick. Noch funktioniere die Konstellation sehr gut, findet er. Aber auch er und seine Ehefrau werden älter. „Wir können das, was wir jetzt leisten, sicher nicht mehr bis in alle Ewigkeit tun“, erklärt er weiter. Sie wünschen sich einen Träger der öffentlichen Wohlfahrtspflege, der im Hintergrund die Fäden in er Hand hält und die Organisation des WG-Projekts übernimmt, der als Ratgeber beziehungsweise Ansprechpartner fungiert. Und für Juliane und Andreas nette Mitbewohnerinnen oder Mitbewohner.

Kontakt zur Familie: wh@holtwick-kommunikation.de

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