Geschichte

Den Opfern ein Gesicht geben

Stadtarchivar Christoph Spilling, Dr. Bernhard Schmidt, Thomas Ohl sowie Fritz Pausewang und seine Frau Gisela.

Stadtarchivar Christoph Spilling, Dr. Bernhard Schmidt, Thomas Ohl sowie Fritz Pausewang und seine Frau Gisela.

Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi

Moers.   Bernhard Schmidt erforscht das Schicksal von Euthanasie-Opfern aus Moers.In einer Ausstellung und mit Stolpersteinen soll an sie gedacht werden.

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Fritz Pausewang zittert leicht, während er erzählt. Immer wieder gerät er ins Stocken, muss kurz innehalten, überlegen, verarbeiten. „Ich war doch noch ein kleines Dötzchen“, sagt er. Es scheint, als könne er manche Dinge noch immer nicht ganz fassen. Begreifbar werden sie wohl niemals.

Vergast und vergiftet

Fritz Pausewang ist das Patenkind seines Onkels Erich. Erich ist Mitte der 1930-Jahre den schönen Tod gestorben, wie es im Nationalsozialismus zynisch hieß. Erich wurde Opfer der Euthanasie-Programme. Angeblich litt er unter Wundrose, einer Krankheit die gut mit Penicillin zu behandeln war. Bei Erich nicht. Er verstarb nach einem ersten Aufenthalt in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Heute: LVR) im Vernichtungslager Brandenburg. So wie auch hunderte anderer Patienten. Vermutlich wurde er vergiftet.

Die Euthanasie, also das Töten von geistig oder körperlich Erkrankten zum Zwecke des Erhaltes einer gesunden Rasse, ist in der Wissenschaft nur spärlich behandelt. Zu gering war bislang die Quellenlage, zu gering war aber auch das öffentliche Interesse an dem Thema, wie Historiker Thomas Ohl vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ darstellt. Unter Leitung des Moerser Historikers Dr. Bernhard Schmidt wird diese Leerstelle derzeitig gefüllt. Gemeinsam mit seiner Frau Maren forscht er in den Original-Büchern der Pflegeanstalt nach Opfern der Euthanasie. 110 Moerser Leidtragende konnte das Forscher-Paar auf Anhieb aus den Akten filtern, bei dreißig Menschen Nachfahren in der Stadt ermitteln. Zu ihnen wird derzeit Kontakt aufgenommen. Sie könnten wertvolle Informationen über das Schicksal ihrer Lieben an die Wissenschaft liefern. „Das sind viel mehr ermordete Menschen, als meine Frau und ich jemals gedacht haben. Im Verhältnis sind mehr Patienten aus Bedburg-Hau gestorben als im KZ Buchenwald“, sagt Schmidt. Er will diesen Menschen ein Gesicht zu geben, sie in eine Dauerausstellung integrieren, die im Frühjahr 2019 im Landratsamt eröffnet werden soll. Es soll eine Schau werden, die an die Gräueltaten des Nationalsozialismus erinnert, und ein Symbol gegen Fremdenfeindlichkeit darstellen soll.

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