Langes Leben

Die älteste Kamp-Lintforterin feiert ihren 103. Geburtstag

Enkeltochter Margot Wellmanns (63) mit ihrer Großmutter Gertrud Borchert.

Enkeltochter Margot Wellmanns (63) mit ihrer Großmutter Gertrud Borchert.

Foto: Oleksandr Voskresenskyi

Kamp-Lintfort.   Gertrud Borchert kam am 3. Januar 1915 in Ostpreußen zur Welt. In Kamp-Lintfort fand sie nach der Flucht mit ihrer Familie eine zweite Heimat.

Als Gertrud Borchert am 3. Januar 1915 im damals ostpreußischen Dargau das Licht der Welt erblickt, tobt in Europa gerade der Erste Weltkrieg. 30 Jahre später liegt der Kontinent gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Trümmern. Auf der Flucht verliert die junge Mutter bei einem Bombenangriff auf Danzig ihre jüngste Tochter. Wenn die wache Frau heute mit ihren 103 Jahren zurückblickt, bleiben ihr dennoch nicht nur schmerzliche Erinnerungen. Ob sie in ihrem hohen Alter auf ein glückliches Leben schaut, möchte ich wissen. Die Antwort kommt erstaunlich schnell: „Ja“, sagt Gertrud Borchert. Genau das strahlt die älteste Kamp-Lintforterin trotz aller Mühsal des Alters auch aus.

Das große Geburtstagsfest in ihrem Zimmer im Awo-Seniorenzentrum an der Markgrafenstraße ist vorbei. Im Jahr davor, als der Neujahrsempfang im Hause auf ihren Geburtstag fiel, hat Gertrud Borchert noch mit Heimleiter Peter Hewing ein Tänzchen aufs Parkett gezaubert. Vor zwei Jahren ist Gertrud Borchert aus dem Haus ihrer Enkelin zur Markgrafenstraße eingezogen. „Ich habe mich gut eingelebt – das liegt an den Menschen hier“, sagt sie.

Ihr Bruder hat sie nach Kamp-Lintfort geholt

Die Erinnerung an die Flucht ist Gertrud Borchert immer noch sehr präsent. „Die Züge waren voll, wir konnten nur noch einen Platz auf der offenen Lore bekommen. Gehen Sie drauf, das ist der letzte Zug, hat mir jemand gesagt.“ In den Schulranzen der Kinder hatte sie große Speckseiten versteckt. Das, sagt sie, hat uns geholfen, nicht zu verhungern.

Ihr Bruder hatte Gertrud Borchert nach dem Krieg nach Kamp-Lintfort geholt. „Er schrieb uns, dass es hier Arbeit für meinen Mann gebe.“ Die Anfänge in der Stadt waren wie für viele Flüchtlinge aus dem Osten nicht einfach. Viel Hilfe gab es zunächst nicht. „Jeder hatte erstmal mit sich selbst zu tun.“ Den ersten Kochtopf für die Familie angelte sich die Familienmutter als Fundstück aus der Fossa. „Ich habe solche und solche Zeiten mitgemacht. Es gibt gute und schlechte Menschen – so läuft das ganze Leben ab.“

Der größte Schatz ist die Familie

Nach und nach fasst Gertrud Borchert mit ihrem Mann und ihrer Tochter Gerda Fuß am Niederrhein. Kamp-Lintfort sei ihre zweite Heimat geworden, sagt die 103-Jährige. Die alte hat sie nie wiedersehen wollen. „Ich wollte von all dem nichts mehr wissen.“

Ihr größter Schatz ist die Familie. Noch gemeinsam mit ihrem Mann, der 1995 stirbt, zieht sie 1982 in das Haus ihrer einzigen Enkelin Margot Wellmanns. Dort sieht sie die Urenkel groß werden, mittlerweile ist sie sogar zweifache Ururoma – das Foto von Lennja (8) und Nika (6) hängt neben denen ihrer anderen Lieben an der Wand.

Was sie sich noch wünscht? „Feste Schuhe“, sagt Gertrud Borchert und erklärt, dass „die Schwestern“ es in ihrem Fall für zu gefährlich halten, mit offenen Schlappen durch das Haus zu laufen. Darauf verzichten – das möchte die 103-Jährige keinesfalls.

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