Geschichten einer Zugereisten

„Die meisten Moerser sind echt richtig nette Leute“

Anandita Schinharl

Anandita Schinharl

Foto: Foto: Ulla Michels / FUNKE Foto Services

Moers.  Anandita Schinharl erzählt in ihren „Geschichten einer Zugereisten“ heute von Begegnungen beim Unkrautkratzen vor dem Haus in Moers.

2003 ist Anandita Schinharl der Liebe wegen nach Moers gezogen. Wie und warum die Grafenstadt für sie lebenswert geworden ist, erzählt sie in ihren „Geschichten einer Zugereisten“ für die NRZ.

„Oh, dat musste ich auch immer machen. Gut, dat dat vorbei is“, sagt die Oma, wenn sie sieht, wie ich 37 endlose Meter Löwenzahn um unser Eckhaus aus dem Asphalt kratze. Herr S. von nebenan ruft: „Kannse direkt bei mir weitermachen.“ Und neulich kam die Nette von gegenüber und blickte hinter sich wie ein Drogendealer bevor sie mir mit ihrer Raucherstimme zuraunte: „Dat kamma ja nich mit ansehn. Ein bisschen Essig, und allet wird trocken. Aber von mir hamse dat nich.“

Ich mag es gern, wenn ich bei dieser öden Schaberei unterhalten werde und begegne jedem freundlich und froh, weil er mich ein wenig von der Arbeit abhält. Aber manchmal kommen auch Leute vorbei, die blöd daherreden. Wie kürzlich ein Kerl. Ich hatte gerade die Rosen geschnitten und auf dem Weg zur Garage eine vertrocknete Kamille entdeckt. Blühende Kamillen lasse ich ganz gern stehen, weil ich mir einbilde, dass Hunde den Geruch nicht mögen und deshalb ihr Geschäft woanders machen.

Aber diese trocknete bereits vor sich hin. In der linken Hand also meinen Roseneimer schabe ich hockend noch eben dieses kleine Pflänzchen ausnahmsweise mit der Gartenschere raus. Da setzt der Typ an: „Hey Mädchen, so kriste das aber nich weg, da brauchse en Schaber, soll ich’s dir ma zeigen?“

Gartenschere in der Rechten wie Charles Bronson seinen Colt

Was hat der gerade gesagt? „Mädchen, Schaber, zeigen?“ Nun bleibt er direkt vor mir stehen, Kippe im Mundwinkel, Hände in den Hosentaschen, wippt einmal vor und zurück und will seine Show fortsetzen. Ich habe einen guten Tag, die Gartenschere halte ich in meiner Rechten wie Charles Bronson seinen Colt. Ich lasse mir Zeit nach oben zu kommen, erhebe mich sehr bewusst, meine Pilates-Trainerin würde sicher mein Powerhaus loben, koste den Moment aus wie Django kurz vor dem Duell in Laramie oder wenn er seine Monatskarte dabei hat und sage: Kein Wort.

Die finstere Miene, die ich dabei aufsetze, habe ich meinem großen Bruder abgeschaut und schon mit 13 Jahren vor dem Spiegel perfektioniert. Drei Sekunden reichen aus. „Mhm, Entschuldigung, ich meinte ja bloß.“ Und ab zieht er, dieser Möchtegernsheriff.

Zugegebenermaßen wähnte ich mich abgesichert durch meine Nachbarin im Rücken, die ich davor am Fenster telefonieren sah. Und da kommt sie auch schon rüber gelaufen: „Ich kenn den Typen. Hat er wieder dummes Zeug erzählt?“ Wir quatschen noch ein bisschen. Ich denke: Schön, dass wir hier aufeinander aufpassen. Ich fühle mich wohl und sicher in dieser Stadt und die meisten Moerser sind echt richtig nette Leute.

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