Die Rote-Armee-Fraktion und der Niederrhein

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DEUTSCHER HERBST. Brigitte Asdonk, Gründungsmitglied der Terrororganisation, stammt aus Kamp-Lintfort. Brigitte Mohnhaupt, eine der RAF-Köpfe, wurde in Rheinberg geboren.

AM NIEDERRHEIN. In Frankfurt/Main brennen 1968 zwei Kaufhäuser, 1970 werden zur selben Zeit in Berlin drei Banken überfallen, ein Jahr später sind es weitere zwei in Kassel und eine Bank in Kaiserslautern, im gleichen Jahr kommt es in Hamburg zu einer Schießerei mit tödlichem Ausgang, 1972 folgen Bombenanschläge in Frankfurt, Augsburg, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg. Die terroristische Vereinigung "Rote Armee Fraktion" (RAF) hat mit ihrem blutigen, tödlichen und extrem kaltblütigen Kampf gegen das von ihr verhasste System Deutschland begonnen. Alles weit weg vom Niederrhein - und doch ganz nahe an Moers, Neukirchen-Vluyn, Kamp-Lintfort und Rheinberg.

Die oft zitierte Ruhe, die in den Städtchen "auf dem platten Land" vorherrschte, hielt zwar an, war aber trotzdem beeinträchtigt. Nicht nur, weil die Verbrechen der Terroristen die Menschen in ganz Deutschland beschäftigten, oft sogar verunsicherten.

Der Neukirchen-Vluyner Manfred K. (Name geändert), der bei Eisenbahn & Häfen in Duisburg beschäftigt war, erinnert sich noch gut an eine Situation in den späten 70-erJahren. "Ich musste zur Frühschicht. Doch auf der Homberger Rheinbrücke ging nichts mehr. Polizeikontrolle. Plötzlich guckte ich in die Mündung einer Maschinenpistole - frühmorgens gegen 5.15 Uhr. Ich hatte Angst, eine falsche Bewegung zu machen".

"Angst, eine falsche Bewegung zu machen"

Manfred K. war nach dem "Deutschen Herbst" in eine Kontrolle geraten, in der die Polizei auf der Suche nach RAF-Terroristen war. Und das am Niederrhein? Warum nicht, waren doch gleich mehrere Personen aus der Region direkt und indirekt in den RAF-Terror eingebunden.

Immerhin stammt Brigitte Asdonk, RAF-Gründungsmitglied, aus einer katholischen Bauernfamilie in Kamp-Lintfort. Am 25. Oktober 1947 geboren, wuchs sie auf dem Gut Asdonk auf - gleich dort, wo heute nebenan die Müllverbrennungsanlage Asdonkshof steht, die nach ihrem Elternhaus benannt wurde.

Brigitte Asdonk besucht von 1958 bis zum 7. April 1965 das Amplonius-Gymnasium im benachbarten Rheinberg. Den Schulabgang begründet sie damit, in einen Beruf wechseln zu wollen. Doch ihr Abitur baut sie dann doch noch 1967 an einer anderen Schule und beginnt danach ein Studium der Soziologie an der Freien Universität in Berlin. In der heutigen Hauptstadt kommt sie mit der außerparlamentarischen Opposition (APO) in Kontakt, lernt den RAF-Mitgründer Horst Mahler, danach unter anderem auch die späteren Top-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Peter Hohmann kennen.

Mit dieser Gruppe und weiteren Gleichgesinnten lässt sie sich für militärisch-terroristische Aktionen von Juni bis August 1970 in einem palästinensischen Wüstencamp in Jordanien, nahe der Hauptstadt Amman, von der Al Fatah ausbilden, der 1959 von Jassir Arafat gegründeten Kampforganisation zur "Befreiung Palästinas". Dort soll es allerdings zu heftigen Streitereien mit den Palästinensern gekommen sein. Gründe dafür sollen die Verpflegung, die Unterbringung - Männer und Frauen getrennt - und der Wunsch nach einem Cola-Automaten in der Wüste gewesen sein.

Deckname:

"Clara"

Zurück in Deutschland unterstützt Brigitte Asdonk - Deckname: "Clara" - den logistischen Aufbau der RAF und ist an mehreren Banküberfällen beteiligt. Außerdem soll die Kamp-Lintforterin mit gefälschten Papieren Wohnungen für die RAF-Mitglieder angemietet haben.

Doch am 8. Oktober 1970, am kommenden Montag vor 37 Jahren, wird Brigitte Asdonk gemeinsam mit Horst Mahler, Ingrid Schubert, Monika Berberich und Irene Goergens in der Berliner Wohnung Knesebeckstraße 89 verhaftet - sie steht auch in Verdacht, an der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader am 14. Mai 1970 beteiligt gewesen zu sein. Diese Datum gilt eigentlich als Geburtsstunde der RAF, die zuvor als "Baader-Meinhof-Bande" betitelt worden war. Unter anderem wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wird Brigitte Asdonk schließlich zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die blutigen Höhepunkte der RAF verbrachte Brigitte Asdonk hinter Gittern.

Aber selbst in der Essener Untersuchungshaft sorgt sie noch für Schlagzeilen. Auslöser war Ende Februar 1972 eine "besondere Sicherungsmaßnahme" einer Mitgefangenen. Daraufhin forderte Brigitte Asdonk die Mithäftlinge auf: "Zerschlagt das Fenster, zerschlagt den Bunker, (...) zerschlagt die Gewalt, wo euch Gewalt zerschlagen will", und rief die Häftlinge zu einem "Solidaritäts-Hungerstreik". Weil sie aber keinen Kontakt zu Mitgefangenen aufnehmen durfte, wurden unter anderem deswegen auch für die Kamp-Lintforterin "besondere Sicherungsmaßnahmen" angeordnet, "die von den Aufsichtbehörden nicht beanstandet worden sind", sagte damals der Leiter der Essener Justizvollzugsanstalt Wilhelm Solbach. Er versicherte, Brigitte Asdonk "zeigt sich völlig uneinsichtig".

1982 wird sie schließlich aus der Haft entlassen. Auch heute noch macht sie von sich reden. So ist die Niederrheinerin seit ihrer Haftentlassung in der autonomen Szene in Berlin aktiv. Am 18. März 2006 spricht sie beispielsweise bei der "Internationalistischen Konferenz und Demonstration" in Berlin im Rahmen des "Aktionstag gegen Krieg & Tag der politischen Gefangenen". Ihre Rede im vergangenen Jahr beginnt mit den Worten: "Wir grüßen alle Gefangenen und Illegale, die sich weigern, sich den Herren der neuen Weltordnung zu unterwerfen und alle diejenigen, die sie darin unterstützen". Und sie endet "mit militanten Optimismus gegen Resignation und Fatalität".

Auf der Kamper Straße in der Innenstadt gewohnt

Auch die Top-Terroristin Brigitte Mohnhaupt stammt vom Niederrhein. Als Brigitte Margret Ida Mohnhaupt wird sie am 24. Juni 1949 in Rheinberg geboren. Allerdings lebte sie lediglich die ersten acht Monate dort - auf der Kamper Straße, in der Rheinberger Innenstadt. Am 7. Februar 1950 zog ihre Mutter mit dem Baby Richtung Offenbach. 1967 machte Brigitte Mohnhaupt am Schönborn-Gymnasium in Bruchsal ihr Abitur, ging dann an die Universität München, schrieb sich in der Philosophischen Fakultät für Geschichte und Zeitungswissenschaften ein. Die damals 18-Jährige wollte Journalistin werden.

In München mit der linken Szene zusammengetroffen

In München traf sie mit der linken Szene zusammen, schloss sich 1971 der RAF an und wurde am 9. Juni 1972 das erste Mal verhaftet. Wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitz wurde sie zu vier Jahren, sechs Monaten verurteilt. Dann legte sie sich mit einer Vollzugsbeamtin an, erhielt zwei Monate mehr und musste die Gesamtstrafe absitzen. Die letzten Monate davon verbrachte sie im eigens für die Terrorszene errichteten HochsicherheitsTrakt in Stuttgart-Stammheim. Und dort kam sie jeden Tag mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zusammen. Brigitte Mohnhaupt "erarbeitete" sich quasi eine leitende Position in der RAF. Sie gehört zu den führenden Köpfen der "zweiten Generation", war maßgeblich an den Verbrechen beteiligt, die den "Deutschen Herbst" markieren.

Am 8. Februar 1977 wurde sie aus der Haft entlassen, nahm sofort Kontakt zu anderen RAF-Mitgliedern auf und war an der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 beteiligt. Gemeinsam mit Christian Klar erschoss Brigitte Mohnhaupt am 30. Juli 1977 den Bankier Jürgen Ponto, war bei dem gescheiterten Anschlag auf das Gebäude der Bundesstaatsanwaltschaft in Karlsruhe beteiligt und trat bei der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer als Anführerin auf. Verhaftet wurde sie am 11. Mai 1978, in Jugoslawien. Zum Austausch forderten die Jugoslawen die Auslieferung von acht Exilkroaten. Doch die Bundesregierung lehnte das ab, die deutschen Terroristen dürfen nach Südjemen ausreisen.

Knapp ein halbes Jahr später taucht Mohnhaupt wieder in Europa auf, initiiert erst von Brüssel später von Paris aus weitere Anschläge und sorgt mit Inge Viett dafür, dass einige RAF-Terroristen in die DDR aussiedeln können.

Als Brigitte Mohnhaupt am 11. November 1982 zu einem von der Polizei beobachteten RAF-Erdversteck bei Heusenstamm, in der Nähe von Frankfurt/Main geht, wird sie verhaftet. Am 16. Juli 1986 wird die Terroristin zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, am 25. März 2007 wird sie aus der Haft entlassen.

In Köln entführt am 5. September 1977 das RAF-"Kommando Siegried Hauser" den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Drei Sicherheitsbeamte sterben dabei, Schleyers Leiche wird am 19. Oktober gefunden.

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