Wirtschaft

Duisburger IHK-Chef zur Konjunktur: Ruhe bewahren

Wohin geht der Konjunktur-Zug?

Wohin geht der Konjunktur-Zug?

Foto: Armin Weigel / dpa

Am Niederrhein.  Wie groß ist die Gefahr einer Rezession? Unternehmen, Arbeitsagentur und Banker senden verschiedene Signale aus. Die IHK wünscht sich Impulse.

Derzeit vergeht kein Tag, an dem Experten nicht vor einer schwächelnden Konjunktur oder gar einen drohenden Rezession warnen. Ist die Gefahr tatsächlich so groß? Die NRZ hörte sich in der Wirtschaft am Niederrhein um.

Auf dem Arbeitsmarkt etwa macht sich eine Delle in der Konjunktur noch nicht bemerkbar. Dort kommen solche Phasen ohnehin nur langsam an, weiß die Vorsitzende der Agentur für Arbeit Wesel, Barbara Ossyra. Sie rechnet damit, dass die Zahl sozialversicherungspflichtiger Jobs – wenn auch langsamer – weiter steigt: „Da zudem Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt knapp sind, halten Unternehmen an diesen fest“, prognostiziert Ossyra. Die Anfragen wegen Kurzarbeit bewegten sich im üblichen Rahmen; derzeit beziehen sieben Unternehmen mit 59 Mitarbeitern Kurzarbeitergeld.

Kurzarbeit ist für den Moerser Mittelständler Maas noch kein Thema, „perspektivisch ist das in einzelnen Betrieben der Unternehmensgruppe möglich“, sagt Thomas Kuchejda, Prokurist und Kaufmännischer Leiter des Bau- und Industriedienstleisters mit 420 Mitarbeitern. Die Auftragseingänge stagnierten, bestehende Aufträge reichten bis ins Frühjahr. Die Situation beim Traditionsunternehmen sei aber, so Thomas Kuchejda, „zufriedenstellend“.

Eher entspannt ist auch die Trox-Spitze in Neukirchen-Vluyn. „In Summe verspüren wir die weltweiten Konjunktureintrübungen nicht“, heißt es bei dem Hersteller, Entwickler und Vermarkter von Systemen und Komponenten zur Raumbelüftung und -klimatisierung. Speziell die Trox-Niederlassung in England erlebe wegen des Brexits Unsicherheit im Markt, viele Projekte seien deshalb vorerst gestoppt.

Die Kreditinstitute der Region spüren man noch keine Zeichen einer nachlassenden Konjunktur. „Entscheidend für uns als regionale Sparkasse ist der Blick auf die Wirtschaft am Niederrhein. Und da bin ich nicht pessimistisch, denn unsere regionale Unternehmensstruktur ist mittelständisch und unsere Firmen sind breit aufgestellt“, sagt Sparkassen-Chef Giovanni Malaponti.

Die Volksbank wächst weiter. Knapp 6 Prozent waren es in der ersten Jahreshälfte, wie der Vorstandsvorsitzende Guido Lohmann sagt. Knapp die Hälfte komme aus dem gewerblichen Bereich. Lohmann sagt aber auch: „Internationale Themen wie der Streit um Hongkong oder der Brexit drücken auf die Gemütslage. Wir kommen in Deutschland in eine schwierige Phase, bis hin zur Stagnation.“

Dr. Stefan Dietzfelbinger, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, meint, die Politik möge Ruhe bewahren und Impulse setzen: Investitionen in Breitbandausbau, Mobilität und Forschungsförderung und Unternehmen durch Bürokratieabbau und Steuersenkungen entlasten.

Keine Frage: Die deutsche Wirtschaft zeigt Lähmungserscheinungen. Doch für Dr. Oliver Serfling, Professor für Wirtschaftspolitik und Entwicklungsökonomik an der Hochschule Rhein-Waal, trägt die derzeitige Situation noch keine Spuren einer ausgewachsenen Krise.

„Wir sind klar in einer technischen Rezession“, sagt Serfling. Die internationalen Entwicklungen, vor allem der Handelsstreit zwischen den USA und China, erzeugten auch „Schleifspuren“ an der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland, allerdings sehe er momentan keinerlei Anzeichen, die zur Entwicklung einer Krise wie vor zehn Jahren führen könnten. Vor allem, weil jetzt auch der Überraschungseffekt fehle, der 2008/2009 zum Beinahestillstand der kompletten Weltwirtschaft geführt habe. Damals hatte der Zusammenbruch der Großbank Lehmann Brothers infolge von faulen Immobilienkrediten in den USA bekanntlich eine Finanzkrise globalen Ausmaßes hervorgerufen, durch die quasi über Nacht die gesamte internationale Ökonomie ins Wanken geriet. Viele Unternehmen mussten Insolvenz anmelden und Mitarbeiter entlassen.

Auch jetzt steht die globale Wirtschaft unter Spannung. Vor allem Südostasien ist laut Oliver Serfling betroffen. Südkorea stehe derzeit äußerst schwach da und auch Japans Wirtschaft befinde sich im Rückwärtsgang. Gerade die exportabhängige deutsche Wirtschaft könne nur schlecht auf solche Entwicklungen reagieren.

Der Experte sieht innovative Produkte als Schlüssel für den Erfolg

Die Gefahr einer Krise wie 2008/09 sieht der Professor dennoch nicht. Schließlich seien die Faktoren, die nun wahrscheinlich zu einer kleinen Rezession im dritten Quartal führten, bereits seit geraumer Zeit absehbar gewesen. Insofern hätten sich Politik und Wirtschaft vorbereiten können. Außerdem bewege sich der Ifo-Geschäftsklimaindex derzeit auf einem ähnlichen Niveau wie im Spätsommer 2012, sagt Oliver Serfling. Dies habe damals zwar zu schlechter Stimmung geführt und zu zwei Quartalen Negativwachstum, „eine ausgewachsene Krise gab es aber nicht“. Wichtig sei für die Unternehmen, „die Entwicklung innovativer Produkte voranzutreiben“. Auch mit staatlicher Hilfe. Die derzeitige Negativzinsphase könne sich so im Umkehrschluss positiv auf die deutsche Wirtschaft auswirken.

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