First Lady von Äthiopien

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Neukirchen-Vluyn.  Wie kommt die ehemalige First Lady Äthiopiens, Regina Abelt, in den Kreißsaal am Krankenhaus Bethanien? Durch ihre Freundschaft zur Chef-Hebamme Petra Onasch-Szerman. Obwohl beide Frauen in ganz verschiedenen Welten leben und arbeiten, schaffen sie es, seit zehn Jahren eine enge Freundschaft zu pflegen. Bald wollen sie mit geballter Frauenpower sogar in Addis Abeba ein Geburtshaus gründen.

Regina Abelt, Tochter eines Wettersteigers in der Neukirchener Altsiedlung, hätte sich nie träumen lassen, einmal eine First Lady zu werden. Sie wuchs an der Weddigenstraße auf, wo ihre Eltern bis heute leben. Später wohnte sie in Frankfurt, wo sie im Dritte-Welt-Haus ihren künftigen Mann, Dr. Negasso Gidada, kennen lernen sollte. Dieser war damals Student und – man soll’s nicht glauben – strich dort gerade das Klo.

Keine Liebe auf den ersten Blick

„Er wirkte älter als er war mit seinem langen Bart. Es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick“, gesteht Abelt. „Ich hätte doch nie gedacht, dass er mal Staatspräsident von Äthiopien werden würde.“ Irgendwie scheint Negasso seine Regina dann doch bezirzt zu haben. Die beiden wurden ein Paar und sind es nach 30 Jahren immer noch. Tochter Talile ist heute 26.

Später, als die kommunistische Regierung in Äthiopien gestürzt wurde, trug man Dr. Gidada an, das Land politisch mit aufzubauen. Er folgte dem Ruf und ging nach Addis Abeba. Seine Frau pausierte mit dem Medizinstudium und folgte ihm. „Im Staatspalast standen noch die Möbel von Kaiser Haile Selassie. Das war alles sehr beeindruckend“, schildert Regina Abelt.

Erster Anzug als Minister

Dies auch vor dem Hintergrund, dass sie und ihr Mann eigentlich „eher Jeans-Menschen“ seien. „Den ersten Anzug hat er sich, glaub’ ich, als Minister gekauft“, lächelt sie. Bescheiden blieb Regina Abelt auch als Präsidenten-Gattin: „First Lady wollte ich offiziell nicht werden. Ich sprach ja nicht einmal die Landesprache; und zu Hause wurde Deutsch geredet. Aber praktisch war ich dann doch die First Lady und hatte viele offizielle Aufgaben. Ich war im Grunde First Lady wider Willen.“

Auch in Äthiopien fuhr der Präsident mit der Staatskarrosse. So staunte die Nachbarschaft in der Neukirchener Zechensiedlung nicht schlecht, als Regina und ihr Mann zum alljährlichen Familienbesuch mit dicker schwarzer Limousine und einer großen Eskorte vorrollten. „Wir hatten ja Bodyguards, das war so festgelegt. Das alles muss in der kleinen Straße schon ein seltsames Bild abgegeben haben“, schmunzelt sie.

Besagte Bodyguards fuhren übrigens auch Eskorte, als die First Lady in Addis Abeba einer Hebammenkollegin bei deren Hausgeburt half... Allerdings, das Gehalt ihres Mannes, der zu korrekt war, um sich zu bereichern, fiel schon damals eher bescheiden aus. „Ich brauchte beispielsweise zum Repräsentieren ein Kleid wie Hillary Clinton, aber es kostete uns auch ein ganzes Monatsgehalt.“

Präsidentenrente: 70 Euro

Von 1995 bis 2001 war Dr. Gidada Staatspräsident des afrikanischen Landes. „Dann überwarf er sich mit der Partei. Es ging um Dinge wie Korruption, die wir nicht mittragen wollten. Wir waren nicht bestechlich, wie es sonst so üblich war“, berichtet Regina Abelt. Also wurde der ehemalige Präsident zum Oppositionsführer. „Er wurde lange von der Regierung verleumdet und geschnitten. Wir haben viele Gerichtsprozesse geführt.“ Heute habe sich ihr Mann aus der offiziellen Politik zurückgezogen. „Er bekommt 70 Euro Rente.“

Nicht nur, aber auch deshalb arbeitet Regina Abelt heute als Beleg-Hebamme in einer Privatklinik in Äthiopien. Darüber hinaus gründete sie das „Regina Family Center“, wo es bereits einen Kindergarten gibt. Das Geburtshilfehaus soll folgen. „Mein Medizinstudium konnte ich leider nicht beenden.“ Was sie aber bei keinem Vorhaben aufhalten konnte. Auch nicht bei Signum Vitae, einer Kooperation von Körperbehinderten, wo sie noch als Managerin mit einer halben Stelle aktiv ist.

Wie der Kontakt Regina Abelts zur Neukirchen-Vluynerin Petra Onasch-Szerman zustande kam: „Unsere Eltern kannten sich. Da bekam ich, wenn ich aus Afrika zu Hause zu Besuch war, immer viel von Petra zu hören. Petra dies, und Petra das, berichtete meine Mutter immer.“ Außerdem hatte Regina Abelt in Bethanien als Hebamme angefangen zu arbeiten, als Petra Onasch-Szermann gerade dort weggegangen war. Kurz und gut: „Als ich vor zehn Jahren wieder im Sommer hier war, griff ich beherzt zum Telefon und rief Petra in Neukirchen an.“ – Diese bekundet: „Wir haben uns sofort verabredet und uns sofort verstanden. Der Kontakt riss nie wieder ab, obwohl wir beide in verschiedenen Welten leben.“

Nächstes Jahr wird die Bethanien-Hebamme endlich nach Äthiopien reisen, um sich die Projekte ihrer Freundin anzuschauen. „Ein gutes Geburtshaus wäre dort dringend nötig“, weiß Petra Abelt. Die Umstände, unter denen die äthiopischen Frauen ihre Kinder bekämen, seien ein einziges Dilemma. Die Ärzte seien kaum geschult, die wenigen Hebammen nur schlecht ausgebildete Handlanger.

Es gibt also noch viel zu tun für die beiden Power-Frauen. „Und wer weiß, vielleicht wird ja am Ende ein deutsch-äthiopisches Projekt aus dem Besuch“, meint Petra Onasch-Szerman vielsagend.

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