Durchsuchung

Großeinsatz: Familie lebt zwischen Fäkalien und toten Tieren

Der alte Bahnhof „Dickscheheide“ in Neukirchen-Vluyn wurde von den Behörden geräumt.

Foto: Ulla Michels

Der alte Bahnhof „Dickscheheide“ in Neukirchen-Vluyn wurde von den Behörden geräumt. Foto: Ulla Michels

Neukirchen-Vluyn.   Eine Familie mit zwölf Kindern hat in Neukirchen-Vluyn in schlimmen hygienischen Zuständen gelebt. Jetzt griffen die Behörden durch.

Es war ein Großaufgebot mehrerer Behörden, die am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr gemeinsam gegen die katastrophalen Zustände im alten Bahnhof Dickscheheide in Neukirchen-Vluyn vorgingen. Das Gebäude wird als Wohnhaus genutzt. Staatsanwaltschaft und Polizei vollstreckten einen Haftbefehl gegen einen gerade erst strafmündigen 14-Jährigen, Veterinär- und Ordnungsamt waren ebenfalls vor Ort.

Für den alten Bahnhof an der Niederrheinallee, in dem bis zu dem Großeinsatz am Mittwoch eine Familie lebte, gab es einen Durchsuchungsbeschluss der Moerser Staatsanwaltschaft. Die Polizei hatte seit Längerem den 14-jährigen Sohn der Familie im Fokus, da er im Verdacht steht, mehrere Wohnungseinbrüche, Einbrüche in Schulen und Geschäftshäuser sowie Rollerdiebstähle begangen zu haben. Wegen dieser Vorwürfe hatte bereits ein Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Moers einen Durchsuchungsbeschluss für den ehemaligen Bahnhof, die Anschrift des 14-Jährigen, erlassen.

Dann überschlugen sich die Ereignisse

Am Mittwoch, so eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft Moers und der Polizei, überschlugen sich dann die Ereignisse. Kurz vor dem polizeilichen Einsatz an der Niederrheinallee meldete eine Frau aus Rheurdt einen Rollerdiebstahl. Sie hatte noch einen Jugendlichen auf ihrem Roller wegfahren sehen. Die Polizei löste sofort eine Fahndung aus, aber auch die Rheurdterin selbst machte sich auf die Suche nach dem Rollerdieb und entdeckte ihn an einer Bushaltestelle am Vluyner Platz. Sie rief die Polizei, die den 14-Jährigen vorläufig festnahm; der gestohlene Roller konnte später an der Tersteegenstraße sichergestellt werden.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft erließ die Ermittlungsrichterin des Amtsgerichts Moers einen Haftbefehl gegen ihn. Die Situation veranlasste die Staatsanwaltschaft sowie die Polizei dann, die ursprünglich für die kommende Woche geplante Durchsuchung des Hauses sofort durchzuführen. Dort gelang es den Ermittlern, umfangreiches vermeintliches Diebesgut sicherzustellen.

Einbrüche in Schule an Tersteegenstraße

Bisher werden dem Jugendlichen drei Wohnungseinbrüche und mehrere Einbrüche in Schulen an der Tersteegenstraße zur Last gelegt. Welche Taten dem 14-Jährigen neben den bereits bekannten Vorwürfen zuzurechnen sind, müssen weitere Ermittlungen klären.

Als die Polizisten allerdings die Zustände sahen, unter denen die Familie mit ihren Kindern und Dutzenden von Tieren hauste, zogen sie das Ordnungsamt der Stadt Neukirchen-Vluyn und das Kreisjugendamt hinzu. „Diese veranlassten unter anderem, dass die Familie anderweitig untergebracht wurde, da das Haus nicht mehr den baulichen Gegebenheiten entsprach“, heißt es in der Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft. Frank Grusen, Sprecher der Stadt Neukirchen-Vluyn, erklärte den Sachverhalt indes präziser.

Zustände schwer vorstellbar

Es ist schwer, sich die Zustände in dem alten Bahnhof vorzustellen, unter denen dort Kinder groß werden sollten. Dass das städtische Ordnungsamt das Gebäude sofort für unbewohnbar erklärte, spricht Bände. Nun muss die Frage geklärt werden, wie es so weit hat kommen können. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ist ein schickes Neubaugebiet entstanden – Elend und Wohlstand in unmittelbarer Nachbarschaft.

"Wir haben wegen der Gesundheitsgefährdung eine Ordnungsverfügung ausgesprochen“, so Frak Grusen. Nach NRZ-Informationen lebte die Familie mit acht ihrer zwölf Kinder zwischen Fäkalien, toten und lebenden Tieren. Die Stadt habe eine Notunterkunft angeboten, so Grusen, was jedoch seitens der Familie abgelehnt worden sei.

Hühner, Gänse, Fische und Hunde nun im Tierheim

Zuständig für das Wohl der Kinder ist das Kreisjugendamt. Dazu die Pressesprecherin des Kreises Wesel: „Das Jugendamt wurde informiert und eingeschaltet.“ Was übersetzt nichts anderes bedeutet als: Ja, wir waren da. Auf die NRZ-Anfrage, ob dem Jugendamt die Verhältnisse in dieser Familie bekannt gewesen seien oder ob das Jugendamt die Familie in der Vergangenheit betreut habe, antwortete die Pressesprecherin, dass sie aus Datenschutzgründen keine Auskunft erteilen dürfe.

Auskunftsfreudiger hingegen präsentierte sich das Kreisveterinäramt: Aus dem Haus und von dem Grundstück holten dessen Mitarbeiter 53 Hühner und Gänse, zehn Zierfische und zehn Hunde. Alle Tiere seien amtstierärztlich begutachtet und in Tierheimen untergebracht worden, so die Kreissprecherin.

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