30 Jahre Mauerfall

Hinrich Kley-Olsen aus Moers wurde von der Stasi abgeführt

Hinrich Kley-Olsen, heute Referent für Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Moers, hat Bekanntschaft mit der Stasi gemacht.

Hinrich Kley-Olsen, heute Referent für Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Moers, hat Bekanntschaft mit der Stasi gemacht.

Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Moers.  Hinrich Kley-Olsen aus Moers hat unliebsame Bekanntschaft mit der DDR-Diktatur gemacht und eine Internetseite zum Mauerfall angelegt.

Freiheit ist für Hinrich Kley-Olsen ein zentraler Begriff. Es geht um die Freiheit, zivilen Ungehorsam zu leisten, die Freiheit, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen und die Freiheit, für die Freiheit zu kämpfen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass er eine prominente Internetseite gestaltet hat: www.mauerfall-berlin.de.

Hinrich Kley-Olsen (61) ist Referent für Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Moers und leitet seit ein paar Jahren die Begegnungsstätte Haus am Schwanenring in Moers. Er ist bekannt für seine innovative Seniorenarbeit. Seine fachliche Expertise ist unbestritten, schon das Studium der Sozialpädagogik hat er mit Bestnoten abgeschlossen. Was sich auf den ersten Blick nach einem zielstrebigen Überflieger anhören mag, ist aber die Geschichte eines Menschen, der erst einmal nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte.

Mit der Mutter diskutiert er, was sich in den 1980er abspielt

Nach der Realschule in seiner Heimat Oldenburg erlernte er den Beruf des Kellners und arbeitete über Jahre in dem Job. Sein Vater, ein Kantor, ist früh gestorben. Zu seiner Mutter Luise, einer Lehrerin, hat er ein gutes Verhältnis. Er diskutiert viel mit ihr, vor allem über das, was sich da gerade so abspielt in Deutschland Anfang der 1980er Jahre.

Die Welt ist aufgeteilt in Ost und West, nirgendwo wird der Gegensatz zwischen kapitalistischer und kommunistischer Welt so deutlich wie im geteilten Deutschland. Auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze haben die Atommächte USA und Sowjetunion Atomwaffen stationiert, und es sollen noch mehr werden. Der Bundestag stimmt 1983 der Nachrüstung zu, die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt war zuvor an dieser Frage zerbrochen.

Die atomare Aufrüstung lässt Hinrich Kley-Olsen, inzwischen arbeitslos, nicht kalt. Immer wieder geht er zum Schweigen für den Frieden in Oldenburg, freitags, 17 Uhr. Heute sagt er über diese Phase seines Lebens: „Ich habe damals neu zum Glauben gefunden.“ Und zur Friedensbewegung. Menschen, die sich für Frieden und Abrüstung in Ost und West einsetzen, marschieren 1983 von Nordenham bei Bremerhaven bis nach Mutlangen in Schwaben. In Nordenham war ein Umschlagplatz für schwere Waffen für die Kriegsschauplätze der Welt, in Mutlangen sollten die Pershing II-Raketen mit den atomaren Sprengsätzen stationiert werden.

Begegnung mit Petra Kelly und Gert Bastian

Kley-Olsen marschiert mit – und bleibt in Mutlangen. Er setzt sich für den gewaltfreien Widerstand gegen die Stationierung von Atomwaffen ein. Petra Kelly und Gert Bastian, damals zwei Ikonen der Grünen, sprechen mit ihm über ein „blockübergreifendes Denken“. Die Idee: Auf die Unterdrückung der Friedensbewegung in der DDR aufmerksam machen. Hinrich Kley-Olsen handelt.

„Information über das demonstrative Auftreten von fünf Mitgliedern der Friedensbewegung der BRD in der Hauptstadt der DDR, Berlin, am 29. März 1985“, steht über dem Vermerk des Ministeriums für Staatssicherheit vom 30. März des selben Jahres. Zusammen mit vier anderen friedensbewegten Demonstranten war Kley-Olsen in die DDR über den Übergang Friedrichstraße nach Ost-Berlin eingereist. Auf dem Alexanderplatz hält die Gruppe ein Transparent hoch, „Gegen die Verfolgung der Friedensbewegung in Ost und West“ steht darauf. Auf einem Flugblatt stehen Namen von zwei politischen Gefangenen der DDR-Diktatur.

Verhör im berüchtigten Polizeigefängnis Keibelstraße

Als ein Mitarbeiter der Stasi kommt und die Fünf abführen, haken sich Kley-Olsen und seine Mitstreiter unter und singen „Freunde Freunde, reicht einander doch die Hand. Frieden soll die Botschaft sein, von uns zu Euch.“ Die Gruppe hat – vergleichsweise – Glück. Nach dem Verhör im berüchtigten Polizeigefängnis Keibelstraße werden die Demonstranten in den Westen abgeschoben. Natürlich legt die Stasi eine Akte über Kley-Olsen an, sie ist über 200 Seiten stark, wie er viel später erfahren wird.

Im Westen nichts Neues für Kley-Olsen: Er setzt sich für Frieden und Abrüstung ein. Seine Aktionen bringen ihm schließlich 140 Tage Haft ein – wegen Nötigung. Er hätte auch die Tagessätze bezahlen können, aber er sitzt die Haft ab. Schon vorher hat sich das Arbeitsamt bei ihm gemeldet: Er soll im Sicherheitsdienst für das Pershing II-Lager in Schwäbisch-Gmünd arbeiten. Kley-Olsen lehnt dankend ab.

Es ist der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer, der ihm schließlich den Weg aufzeigt. Kley-Olsen soll den betagten Atomgegner eigentlich nur von einer Veranstaltung nach Hause fahren, doch die beiden kommen ins Gespräch. Kley-Olsen ändert sein Leben, er studiert Sozialarbeit und Sozialpädagogik.

Die Mutter: „Ich habe damals díe Schnauze gehalten...“

Woher seine ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit und Widerstand kommen, weiß Kley-Olsen nicht genau. Sein Großvater Gustav Ahlhorn war Kirchenjurist und hat sich in den 1930er Jahren der Zusammenlegung der evangelischen Landeskirche mit der so genannten Reichskirche widersetzt. Das hat ihn sein Amt gekostet. Und Ahlhorn war Soldat in beiden Weltkriegen. „In den 1980er Jahren habe ich mich immer wieder an den Opa erinnert“, sagt Kley-Olsen im Rückblick. Vielleicht hat ihn aber auch ein Satz seiner Mutter geprägt, die zur gleichen Zeit wie Hans und Sophie Scholl in München studiert hat. Sie hat ihrem Sohn Hinrich oft gesagt: „Ich habe damals die Schnauze gehalten, aber du kannst heute etwas tun.“

Den Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren, am 9. November 1989 erlebt er in Oldenburg vor dem Fernseher. Sofort setzt er sich in den Zug nach Berlin. „Die Situation an der Mauer war unruhig, viele konnten nicht glauben, was geschehen war. Es war fast unwirklich“, sagt er heute.

Die Internetseite www.mauerfall-berlin.de hat er 2008 aufgebaut: „Bis zu 200 Besucherinnen und Besucher informieren sich dort pro Tag über das, was damals geschah.“ In diesen Tagen werden es wohl ein paar mehr sein.

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