Kirche

Kamp-Lintfort: Pfarrer Michael Ehrle setzt auf Transparenz

Pfarrer Michael Ehrle steht am Dienstag, 04.09.2018, vor der Kirche seiner Gemeinde in Kamp-Lintfort an der Königstraße 1. Michael Ehrle ist der neue Pfarrer der St. Josef Gemeinde. Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Foto: Volker Herold

Pfarrer Michael Ehrle steht am Dienstag, 04.09.2018, vor der Kirche seiner Gemeinde in Kamp-Lintfort an der Königstraße 1. Michael Ehrle ist der neue Pfarrer der St. Josef Gemeinde. Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Kamp-Lintfort.   Der neue leitende Pfarrer von St. Josef will die Gemeinde fit für die Zukunft machen. Dabei sollen auch Laien künftig eine größere Rolle spielen.

Michael Ehrle lässt sich in keine Schublade stecken. Heute trägt der neue leitende Pfarrer der St. Josef-Gemeinde beim Pressetermin den weißen ringförmigen Römerkragen, gut möglich, dass am Sonntag bei seiner Pfarreinführung in der Josefkirche unter dem Messgewand ein Paar Sneakers herausschauen. Was er seiner Gemeinde am Sonntag in der Predigt sagen wird? „Das kommt drauf an, wer dann in der Kirche sitzt“, sagt der 49-Jährige und lacht.

Seit zwei Jahren wirkt der gebürtige Baden-Württemberger bereits in Kamp-Lintfort, im April ernannte ihn Bischof Felix Genn zum Nachfolger von Pfarrer Rieger als leitender Pfarrer der Gemeinde. Schnurgerade war sein Weg bis hierhin nicht. „Dass ich Priester werden will, habe ich mir zum ersten Mal in der 9. Klasse der Realschule überlegt.“ Es sollte erst mal anders kommen.

Videothek geleitet, nachts in Tankstelle gearbeitet

Nach dem Realabschluss macht er zunächst bei der Deutschen Bundespost eine Ausbildung zum Schalterbeamten. Der Wunsch, Priester zu werden, lässt ihn aber nicht los. Er macht sein Abitur nach und tritt 1992 ins Freiburger Priesterseminar ein. Während seines Externitas-Jahres, zwei vorgeschriebenen Pflichtsemestern an einer anderen Fakultät, arbeitet er in Innsbruck bei der Aidshilfe. „Damals war die Stigmatisierung von Aidskranken noch weit verbreitet – auch in Teilen der Kirche.“ In dieser Zeit, sagt Ehrle, habe er vor allem von diesen „Stigmatisierten“, viele darunter Atheisten, Agnostiker oder Menschen, die die Kirche ablehnten, den meisten Zuspruch erfahren, seinen eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Zwei Jahre nach seiner Rückkehr verlässt er das Freiburger Priesterseminar wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen Leiter. „Ich bin keiner, der den Mund hält“, sagt Ehrle. Er arbeitet nachts in einer Tankstelle, leitet eine Videothek. „Während dieser Zeit habe ich ein geistiges Fundament gesucht.“

Jede Gemeinde funktioniert anders

Er kehrt zurück in den Schoß der Kirche, beendet sein Studium am Priesterseminar Münster und wird 2003 zum Priester geweiht. Erfahrungen als Kaplan und später als Pfarrer sammelt er in Gronau, Neuenkirchen, Illertissen und schließlich ab 2016 in Kamp-Lintfort. Als man ihn fragte, ob er die Nachfolge von Karl-Josef Rieger antreten wolle, habe er „Ja“ gesagt, „es passt vom Team und vom Charakter der Menschen hier“, sagt der 49-Jährige.

„Jede Gemeinde funktioniert anders, jede Gemeinde hat eigene Strukturen“, weiß Ehrle. „Ich kann in der Altsiedlung nicht so agieren, wie auf Kamp. Das ist nun mal so in einer fusionierten Gemeinde.“ Seine Herausforderung für die nächsten Jahre: Die Gemeinde fit für die Zukunft machen. „Wenn wir das in die Hand nehmen, was das Bistum als ,Kulturwandel’ bezeichnet, können wir es schaffen“, sagt Ehrle. Dazu gehöre etwa, dass ein leitender Pfarrer Aufgaben an Laien abgeben kann, zum Beispiel Beerdigungen zu leiten. „Neu ist, dass diese Laien auch Entscheidungsfunktionen übernehmen würden, mehr in die Verantwortung miteinbezogen werden“, erläutert Ehrle. Noch sei die Gemeinde mit Priestern „gesegnet“, wie lange das aber so bleiben werde, stehe in den Sternen. Auch seine Stelle ist nach dem Abschied von Pfarrer Rieger nicht mehr besetzt worden.

„Gottesdienst muss mehr als schön sein

Als seine Hauptaufgabe sieht Ehrle die Liturgie. „Ein Gottesdienst muss mehr als ,schön’ sein, die Leute sollen etwas für ihren Alltag mitnehmen.“ Dabei will er auch wieder mehr Kinder und Jugendliche in die „normalen“ Gottesdienste holen. „Wir haben hier eine stark überalterte Gottesdienstgemeinde“, sagt Ehrle. „Wir brauchen hier wieder Jugendgottesdienste.“

Dass Missbrauchskandale und das Festhalten der Amtskirche an manchen jahrhundertealten Kirchengesetzen das Vertrauen vieler Katholiken in ihre Kirche erschüttert hat, sieht er. „Man muss zwischen Pfarrei, Bistum und Weltkirche unterscheiden. Für alle aber gilt Transparenz. Solange Kirche doppelzüngig spricht, solange werden uns die Menschen auch nicht vertrauen.“

Kind eines wiederverheirateten geschiedenen Vaters

Dabei hat Ehrle als Kind eines wiederverheirateten geschiedenen Vaters, der dadurch per Kirchengesetz von den kirchlichen Sakramenten für immer ausgeschlossen war, seine eigenen Erfahrungen gemacht. „Mein Vater saß jedes Jahr Weihnachten weinend zuhause“, sagt Ehrle. „Wenn Kirche eine Kirche der Barmherzigkeit ist, ist es eine Unbarmherzigkeit, das so zu leben.“ Jeder Katholik solle es mit seinem eigenen Gewissen ausmachen können, ob er die Sakramente noch empfangen dürfe, findet Ehrle.

Er sei weder rechts noch links, könne dem Jugendgottesdienst genauso viel abgewinnen, wie dem lateinischen Hochamt. „Ich bin katholisch, und dazu gehört nun mal die ganze Bandbreite“, sagt Ehrle. Wichtig ist ihm Spiritualität: „Mich kann man nicht verstehen, wenn man meine Spiritualität nicht verstehen will“, sagt der Pfarrer. Was er sich für sein Wirken in der Gemeinde wünscht?„Respektvollen Umgang untereinander, ein Miteinander und füreinander Dasein.“

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