Holocaust

Kamp-Lintfort: Zwei Frauen kämpfen gegen das Vergessen

Eva Weyl (l.) und Anke Winter gehen so oft wie möglich gemeinsam zu Vorträgen in Schulen.

Eva Weyl (l.) und Anke Winter gehen so oft wie möglich gemeinsam zu Vorträgen in Schulen.

Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Neukirchen-Vluyn/Kamp-Lintfort.  Eva Weyl ist Jüdin und Zeitzeugin des Holocaust. Vor Schülern in Kamp-Lintfort spricht sie mit Anke Winter. Ihr Großvater war Lagerkommandant.

„Ihr seid nicht verantwortlich für die deutsche Vergangenheit, aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft in Deutschland.“ Diese Worte richtete Eva Weyl als niederländische Jüdin und Zeitzeugin des Holocaust am Donnerstag an die Schüler der 12. Jahrgangsstufe des Georg-Forster Gymnasiums in Kamp-Lintfort.

Eva Weyl ist 84 Jahre alt, sie hat mit ihren Eltern und zwei Großvätern den Holocaust überlebt. Viele derjenigen, die überlebt haben, konnten lange nicht darüber reden, sagt Weyl. „Uns, die wir darüber können, gibt es bald nicht mehr.“

Seit gut zwölf Jahren hat sie es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, in Schulen – zunächst nur in den Niederlanden, dann auch in Deutschland – Vorträge zu halten über ihre Geschichte und ihren Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden. „Die Geschichte muss lebendig gehalten werden. Ich setze mich gegen das Vergessen ein. So etwas darf nie wieder passieren!“

“Es wurden Mordfabriken gebaut“

Das, was die Nationalsozialisten damals in Bewegung gesetzt hätten, sei beispiellos in der Geschichte der Menschheit. „Es wurden Mordfabriken gebaut. Das hatte es noch nie gegeben. Mord wurde industrialisiert. Elf Millionen Juden in ganz Europa sollten umgebracht werden.“ Das gehe aus Protokollen der streng geheimen „Wannsee-Konferenz“ vom 20. Januar 1942 hervor. Bei der hätten sich 15 hochrangige Vertreter der nationalsozialistischen Reichsregierung getroffen. Entgegen der strikten Anweisung, alle Unterlagen zu verbrennen, habe einer der Beteiligten dies nicht getan. Diese Unterlagen wurden gefunden.

„Googelt mal die Begriffe Wannsee-Konferenz und Nürnberger-Gesetze“, riet Weyl den Schülern. „Ich googele gerne. Damals hatten wir fast keine Informationsmöglichkeiten. Deshalb waren auch fast alle Juden überzeugt davon, dass es nicht so schlimm kommen und nicht so lange dauern würde.“

Ein Zufall führte vor drei Jahren Eva Weyl mit Anke Winter aus Neukirchen-Vluyn zusammen. Die Frauen verbindet seitdem eine Freundschaft und so oft wie möglich gehen sie gemeinsam zu Vorträgen in Schulen. Durchaus ungewöhnlich, denn der Großvater von Anke Winter war Albert Konrad Gemmeker, ab 1942 Kommandant des Lagers Westerbork. „Ich stehe hier ganz klar gegen meinen Großvater!“ bekräftigte Anke Winter. Sie habe ihren 1907 geborenen und 1982 verstorbenen Großvater noch kennengelernt. „Er war schon sehr früh überzeugter Nationalsozialist. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass er es sein Leben lang blieb.“

Der Kontakt zu ihm sei nicht eng gewesen, denn er habe sich – ihre Großmutter war seine zweite Ehefrau, von der er später auch geschieden wurde – nie für ihre Familie interessiert. „Ich habe ihn als sehr distanziert und empathielos erlebt. Ich glaube, er hatte mehr Gefühl für seinen Schäferhund, den er damals in Westerbork hatte.“

„Mein Großvater war ein Schreibtischtäter“

Im Lager Westerbork habe es eine „Scheinwelt“ gegeben, ohne Vernichtungsstätten. Das bestätigte auch Eva Weyl. „Es hat dort drei Mahlzeiten am Tag und sogar ein Krankenhaus gegeben.“ Das Schizophrene daran: In diesem Krankenhaus wurden Juden gesund gepflegt, um wenig später in andere Lager versendet zu werden, in denen sie umgebracht worden sind. „Mein Großvater war Schreibtischtäter. Er hat die Verlegungsbefehle unterschrieben. Insgesamt 80.000 Menschen hat er in den Tod geschickt“, sagt Anke Winter.

Nach den Vorträgen der Frauen konnten die Schüler Fragen stellen. „Wo sehen Sie die Gefahr jetzt im Alltag und akut - und was tun Sie dagegen?“ lautete eine davon. Die Antwort von Eva Weyl: „Ich sehe den wachsenden Rassismus mit großer Sorge. Ich bin aktiv mit Worten, in meinem Alter nicht mehr aktiv mit Taten. Ich gebe der Jugend etwas mit, sonst tu ich nichts.“ Diese Antwort zeugt von großer Bescheidenheit, denn ihr Appell richtet sich an sehr viele junge Menschen, etwa 50 Schulen besucht sie pro Jahr: „Bekennt euch gegen jegliche Form von Rassismus. Befolgt nicht einfach Befehle. Denkt selber nach. Jeder, der hier lebt, trägt die Geschichte mit!“

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