Medizin

Mit Fingerspitzengefühl gegen den Krebs

Sabine Linde ist stark sehbehindert und hat sich auf Tastuntersuchungen zur Brustkrebsfrüherkennung spezialisiert.

Foto: Ayla Yildiz

Sabine Linde ist stark sehbehindert und hat sich auf Tastuntersuchungen zur Brustkrebsfrüherkennung spezialisiert. Foto: Ayla Yildiz

Moers.  Sabine Linde ist sehbehindert und hat einen überlegenen Tastsinn. In einer Arztpraxis sucht sie mit den Fingerspitzen nach Gewebeveränderungen.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als 70 000 Frauen an Brustkrebs. Je früher die Gewebeveränderungen entdeckt werden, umso besser ist es. Sabine Linde gehört zu jenen, die mit dazu beitragen wollen, durch Früherkennung die Heilungschancen bei Brustkrebs zu verbessern.

Die 55-Jährige arbeitet als Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU) für Discovering Hands – ein gemeinnütziges Mülheimer Unternehmen – und ist seit kurzem in der Moerser Praxis von Dr. Matthias Krick zu erreichen. Dabei nutzt Sabine Linde ein körperliches Defizit, das ihr 2015 fast den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Plötzlich war es dunkel auf dem linken Auge. Totale Netzhautablösung. Rechts ein Tunnelblick. „Von heute auf morgen hat sich mein gesamtes Leben geändert“, sagt Sabine Linde.

Ihren Job als Hygienefachkraft im medizinischen Bereich hat sie nicht mehr ausüben können, musste nicht nur ihr privates Leben ändern, sondern sich auf die Suche nach einem neuen Job machen. Sie stieß auf Discovering Hands. Das Sozial- und Integrationsunternehmen qualifiziert blinde und stark sehbehinderte Frauen „mit nachweislich überlegenem Tastsinn“, wie es seitens des Unternehmens heißt, in Kooperation mit Berufsförderungswerken.

Neunmonatige Ausbildung für die Krankenschwester

Sabine Linde hat die neunmonatige Ausbildung 2016 gemacht. Dabei kamen ihr die persönlichen Umstände zugute. „Meine Mutter war Schneiderin“, sagt die MTU. „Ich habe immer schon gern schöne Stoffe gefühlt.“ Darüber hinaus ist sie ausgebildete Krankenschwester. „Ich bin total glücklich, dass ich weiter im medizinischen Bereich arbeiten kann“, so die Fachkraft.

Pro Untersuchung nimmt sich Sabine Linde etwa 30 bis 60 Minuten Zeit. Das hängt von der Größe der Brust ab. Sie achtet auf eine persönliche Atmosphäre, das ist wichtig, die Patientinnen sollen sich wohl fühlen. Dann klebt sie die Dokustreifen senkrecht auf die Brust. Die Streifen sind farblich und mit fühlbaren Punkten gekennzeichnet, damit die MTU beim Tasten direkt weiß, in welchem Untersuchungsfeld sie sich gerade befindet.

„Die MTU kann keinen ‚Krebs tasten‘“

Dann wird jede Brust Zentimeter für Zentimeter abgetastet. Mit kreisenden Bewegungen ihrer Finger arbeitet sich Sabine Linde vor. In drei Schichten (unter der Haut, im mittleren Gewebe, auf den Rippen) kann sie Verknotungen des Gewebes fühlen. „Die MTU kann keinen ‚Krebs tasten‘, sondern lediglich Gewebeveränderungen lokalisieren“, erklärt das Unternehmen. Diese Ergebnisse geben die MTU an den Gynäkologen weiter. Sofern es Auffälligkeiten gibt, wird per Ultraschall untersucht, um welche Art Gewebeveränderung es sich handelt. „Ich glaube, es ist eine hervorragende Ergänzung zu der klassischen Diagnostik“, sagt Matthias Krick.

Einen Hinweis hat Sabine Linde noch: Frauen sollten bis zum zehnten Zyklustag zur Untersuchung kommen, nicht unmittelbar vor der Menstruation. „Dann ist das Brustgewebe weich und unempfindlich.“ Nach Angaben von Discovering Hands übernehmen mittlerweile „15 gesetzliche Krankenkassen und alle privaten Krankenversicherungen“ die Untersuchungskosten in Höhe von 46,50 Euro. Mehr Informationen zum Verfahren auf: www.discovering-hands.de.

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