Moers-Festival

Musiksprache in Moers hat einen großen Wortschatz

Dub Trio aus den USA sorgte für die härtere Gangart.

Dub Trio aus den USA sorgte für die härtere Gangart.

Foto: FUNKE Foto Services

Moers.   Von gepflegter Konversation bis Zoff: Tim Isfort präsentierte als neuer künstlerischer Leiter ein breit aufgestelltes Moers Festival.

Was für eine Botschaft: Wie sich letztlich doch alles harmonisch zusammenfügt, wenn man nur will. Jazz, Hits, klassisches Klavier, Folklore, Afro-Musik, ein abgefahrener FM Einheit, der mit Bohrer an großer Feder Geräusche macht, ein bisschen Theater. Und das endet dann in purer Lebensfreude, selbst, wenn Skelette mit auf der Bühne stehen. Das Projekt Radio Kinshasa um die Percussionistin Huguette Huguembo, das mit drei Tagen gemeinsamer Proben auskam, verdeutlichte, dass Tim Isfort als neuer künstlerischer Leiter seine Vorstellung vom Festival noch weiter fasst, als sein Vorgänger.

Das mag daran liegen, dass der Moerser Jung noch zu Burkhard Hennens Zeiten das Festival erlebte mit den African Dance Nights und das afrikanische Projekt auch als kleine Reminiszenz an die beliebten, bis in den Morgen durchtanzten Nächte verstanden werden konnten.

So erscheint es auch folgerichtig, dass er mit dem mittlerweile 10. Auftritt des Saxophonisten Anthony Braxton in Moers so etwas wie einen Rückgriff in die Geschichte des 46 Jahre alten Festivals machte. Keinen Rückschritt, wohlgemerkt. Braxton, der am Samstag quasi auf der Bühne in seinen 72. Geburtstag feierte, zelebrierte mit seinem Sextett ein orchestrales Werk, das mit stehenden Ovationen und einer Zugabe gefeiert wurde.

Ehemalige Improviser stellten ihre Treue unter Beweis

Mit ihm auf der Bühne die ehemalige Improviser Ingrid Laubrock, die am Festival-Montag mit monumentaler Besetzung begeisterte. Wie überhaupt die ehemaligen Improviser ihre Treue zum Moers Festival unter Beweis stellten. Carolin Pook trat mehrfach auf und brachte zeitgenössische Streicher mit Rock, Funk und Techno zusammen, zeigte aber auch ihr Talent am Schlagzeug. John-Dennis-Renken, aktueller Improviser, eröffnete den Festival-Samstag mit unglaublichem Groove und sehr viel Charme. Julia Hülsmann war zu Besuch, um beim Bürgermeister-Empfang über den Wert des Festivals zu sprechen.

Hülsmann hat es ja versucht, aber auch sie hat bei den Swans (siehe Bericht unten) wie viele andere aufgegeben. Es war wohl das Konzert, das den meisten Gesprächsstoff lieferte. Ebenfalls für die härtere Gangart stand das Dub Trio, das E-Gitarre und Bass derart bearbeitete, dass sich mancher bei Rock am Ring wähnte.

Als eine sehr interessante Idee entpuppten sich die „Discussions“, kuratiert von Thorsten Töpp. In einem Fall nahmen das die mehr oder weniger spontan zusammen gebetenen Musiker sehr wörtlich. Sie saßen auf dem Podium und pallaverten a Capella über – man weiß es nicht. Es war Gesang, Geräusch, Lautmalerei inklusive Furz und Schnarchen. Es war ein bisschen Musik-Comedy, die dem Publikum nach zweieinhalb Tagen intensiven Hörens ein Lächeln aufs Gesicht zauberte, spätestens mit der einzig verstehbaren Frage: „Haben sie alles verstanden?“ Im anderen Fall tauschten sich die Musiker instrumental aus. Sie hatten sich viel zu sagen, es mögen auch schmutzige Worte gespielt worden sein. Die Geräusch-Kulisse bewegte sich zwischen gepflegter Konversation und Zoff. Und das mag sinnfällig für das gesamte Programm in der Halle sein.

Es gab einiges in guter alter „Free Jazz“-Tradition zu hören, The Bad Plus jazzte standardmäßig, die Isländer ADHD schmusten sich mit butterweichem Sax-Ton chillig in die Ohren, Rubatong servierte Bluesiges, und mit Cocaine Piss gab es einen Ausflug in den Punk.

Ein deutliches Zeichen Isforts: Moers ist schon lange kein Jazz Festival mehr. Mit ihm wird es erst recht keines. Es gibt: Musik.

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