Lesung

Safeta Obhodjas hat in Kamp-Lintfort aus ihrem Buch gelesen

Safeta Obhodjas liest und diskutiert.

Foto: Oleksandr Voskresenskyi

Safeta Obhodjas liest und diskutiert. Foto: Oleksandr Voskresenskyi

Kamp-Lintfort.   Die Schriftstellerin kommt aus Bosnien und hat für ihr Buch Gespräche mit muslimischen Frauen geführt. Für sie gibt es großen Handlungsbedarf.

„Ich war eine Ausnahme, weil ich bereit war, zu konfrontieren und alleine zu leben“, sagt Safeta Obhodjas über ihre eigene Jugend. Die gebürtige Bosnierin las im Diesterwegzentrum aus ihrer Veröffentlichung „Lange Schatten unserer Mütter“ vor. Dafür hat die Autorin junge gebildete Musliminnen interviewt und ein besonderes Augenmerk auf die Mutter-Tochter-Beziehung gelegt.

Obhodjas stammt selbst aus einer muslimischen Familie. Sie besuchte die Schule, was ihrer Großmutter gar nicht gefiel. Es seien vor allem die Frauen, die an alten Traditionen festhalten.

Die Situation ist ernst, sagt die Schriftstellerin

Ein Beispiel in ihren Erzählungen war Diren aus Mazedonien. Sie kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Diren durfte nichts, ihre Brüder alles, also war ihr einziger Zufluchtsort die Schule, hieß es. Ihr gelang der Sprung von der Hauptschule aufs Gymnasium, sie wurde Sozialpädagogin. Mit Mühe fanden die Eltern einen Mann aus Mazedonien, der bereit war, eine gebildete Frau zu heiraten, hieß es weiter. Diren bekam zwei Kinder, doch habe sie mit ihrem ungebildeten Ehemann nicht leben können. Sie zog die Scheidung durch und wurde von ihrer Familie verstoßen.

Als ihre Mutter kurze Zeit später erkrankte, habe die Familie Direns Hilfe gesucht. Ihr Vater entschuldigte sich, doch ihre Mutter sei gestorben, ohne der Tochter zu verzeihen.

„Die Situation ist sehr ernst und nicht besser, sondern schlimmer geworden. Wir müssen die ganze Gesellschaft umkrempeln, um Integration voranzutreiben“, sagte die Schriftstellerin. „Der Einfluss der Moscheen ist unvorstellbar groß. Die Mütter unterdrücken ihre Töchter, weil sie den Schritt aus der Tradition nicht wagen und ihr soziales Umfeld nicht verlieren wollen.“

Das Publikum zeigte sich empört

Ein Traditionsbruch bringe Schande über die ganze Familie. Safeta Obhodjas: „Mütter, Großmütter, Großtanten unterdrücken engagierte Töchter und erziehen ihre Söhne zu Paschas und Machos.“

Ein weiteres Problem seien Frauenrechtlerinnen in Deutschland. „In dem Moment, in dem ich mich aus der Opferrolle befreit habe, war ich für die Feministinnen nicht mehr interessant“, berichtete Obhodjas. Die sähen in ihr nur ein Opfer, aber keine fähige Person. Das rein weibliche Publikum zeigte sich empört über die Zustände. „Es ist viel deprimierender als gedacht. Ich will mich nicht damit abfinden und suche nach Möglichkeiten, das zu ändern“, sagte Brigitte Voigt.

Birgit Petri, die mit Flüchtlingen arbeitet, kennt solche Geschichten: „Ich habe mich oft an Erzählungen von syrischen Flüchtlingen erinnert und was sie über ihre Mütter erzählt haben. Der Druck der Familien ist ungeheuer groß, dabei ist alles von der Erziehung abhängig.“

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